Die Digitalisierung birgt für die Immobilienwirtschaft riesiges Potenzial. Doch Umsetzung und breite Implementierung kommen nur zögerlich voran. Dies zeigt auch die Digital-Real-Estate-Umfrage 2020 des Beratungsunternehmens Pom+Consulting, in der 250 Führungskräfte und Immobilienexperten ihre Digitalisierungsreife einschätzen: Der entsprechende Index für die Schweiz ging um 14 Prozent zurück.

Realismus hält Einzug

Peter Staub, CEO von Pom+, relativiert jedoch: «Aus unserer Sicht nimmt das Verständnis über die digitale Transformation der Immobilienwirtschaft schrittweise zu. Der tiefere Index ist zumindest teilweise darauf zurückzuführen, dass viele Akteure heute ein grösseres Wissen haben, welche Herausforderungen zu meistern sind. Nach ersten Erfahrungswerten haben sie die ersten optimistischeren Beurteilungen nach unten korrigiert.» 

Digitalisierungstrends im Immobilienbereich
Quelle: EY

Die Verantwortlichen beurteilen den Digitalisierungsgrad ihrer Unternehmen höher, als es der Index ausweist. Besonders trifft das auf Planer und Bauunternehmer zu, aber auch auf Eigentümer und Investoren wie beispielsweise auch die Versicherungskonzerne. Studienleiter Joachim Baldegger erachtet dies insofern als erstaunlich, als Investoren als Geldgeber die Digitalisierung nicht nur im eigenen Unternehmen umsetzen, sondern auch bei Dienstleistern einfordern können. «Allerdings fokussiert ein Grossteil der Investoren zurzeit auf die Themen Nachhaltigkeit und Datenmanagement. Damit wird ein Grundstein für die Digitalisierung gelegt – wir erhoffen uns davon künftig eine kontinuierliche Steigerung der Ergebnisse in dieser Teilnehmergruppe», sagt Baldegger. 

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Zeit für Taten 

Alle Umfrage-Teilnehmer sind sich einig, dass die Digitalisierung eine unabdingbare Entwicklung für die gesamte Immobilienwirtschaft ist. Über die Konsequenzen daraus ist man sich zwar nicht einig, sehr wohl aber darüber, dass es Zeit für Taten ist. Dabei zeigt sich, dass die Branche nach der Erarbeitung der Digitalisierungsstrategie auf eine Umsetzung von Teilschritten setzt. Im Fokus dabei: das Datenmanagement. Denn welcher Art auch immer erhobene Datenmengen sind – einen Mehrwert bringen sie erst, wenn sie analysiert und die daraus erkennbaren Erkenntnisse gewinnbringend eingesetzt werden können. 

Kurzinterview: Vier Fragen an Peter Staub, CEO Pom+Consulting

Welche Ziele stehen bei Investoren wie Versicherern im Fokus der Digitalisierung?
Die Bedeutung von Investitionen in direkte und indirekte Immobilien hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Es ist allen klar, dass die Investitionen wie die anderen Assetklassen eng geführt werden und entsprechende Instrumente vorhanden sein müssen. Digitalisierung bedeutet hier primär, die erforderlichen Daten umfassend, konsistent und aktuell bereitzustellen, d. h. die Sicherstellung einer «Single Source of Truth». 

Auf welche Technologien setzen Sie schwergewichtig?
Wir beobachten zehn bis zwölf digitale Technologien mit hoher Relevanz für die Immobilienbranche. Das beginnt beispielsweise mit Sensorik & Aktorik im Segment Smart Home & City und führt über Virtual & Augmented Reality in der Vermarktung, Blockchain z. B. in der Finanzierung, Indoor Navigation in der Nutzung, Plattformen und Portale in der Bewirtschaftung bis hin zu Building Information Modeling (BIM).
 
Welche Rolle spielt BIM für Eigentümer und Investoren wie Versicherer?
BIM ist nicht nur eine Technologie, sondern auch eine Methodik, welche Bau- und Nutzungsprozesse revolutionieren kann. Im Planungs- und Bauprozess ermöglicht BIM die Entwicklung eines Projektes für die vielen Beteiligten auf einem gemeinsamen Modell. Für den Eigentümer ist es so viel früher möglich, seine Entscheidungen so zu fällen, dass die Konsequenzen auf das Erscheinungsbild und die spätere Nutzung viel klarer ersichtlich sind und die Qualität der Bauwerke so optimiert wird. Zudem kann er am Schluss eines Bauprozesses ein digitales Bauwerk so übernehmen, dass es während der Nutzungsphase weiterbenutzt und entwickelt werden kann. Das Life Cycle Data Management wird so zu einer neuen Kernkompetenz eines Immobilieninvestors!

Welche Aspekte werden bei digitalen Projekten am ehesten unterschätzt?
Viele starten ohne klare Digitalisierungsstrategie. Das führt zu teilweise langwierigen und nervenaufreibenden Diskussionen. In einer Strategie muss klar festgelegt werden, welchen Nutzen man mit welcher Massnahme mittel- und langfristig erreichen will. Nutzen schafft man durch Effizienzsteigerung, Ertragssteigerung, Risikominimierung oder Kundenbegeisterung. Alles was man macht, muss daran gemessen werden. Nur wo echter Nutzen entsteht, darf man seine begrenzten Ressourcen einsetzen – nice to have ist verboten.