Was sind aktuell die grössten Herausforderungen für die Schweizer Wirtschaft?
Schon ein kleines Schweizer Unternehmen kann nicht mehr nur lokal denken, denn es mag Lieferanten, Mitarbeitende und Kunden jeder Façon haben, im In- und Ausland. Auch regionale Bäckereien oder kleinere Handwerksbetriebe denken mittlerweile bereits viel breiter, was auch stark vonseiten der Kunden getrieben wird und dem Fortschritt zugeschrieben werden kann: Die Kunden stellen Fragen, ebenso wie die Zulieferer, und das ist letzten Endes auch gut so, widerspiegelt es doch einen kritischeren und nachhaltigen Zeitgeist, in dem wir uns bewegen.
Sabrina Hartusch ist seit 2008 Leiterin des Insurance Risk Managements bei der Triumph Universa AG in Wallisellen, dem Hauptsitz der weltweit tätigen Triumph-Gruppe. Sie ist seit 2014 Präsidentin der Sirm und bereits seit 2010 im Vorstand aktiv. Erste Stationen im Berufsleben sammelte die schweizerisch-deutsche Doppelbürgerin bei einem Broker für vermögende Privatkunden und einem global agierenden Versicherer. Zuletzt hat sie einen reputablen Master of Science in Insurance and Risk Management der Bayes Business School London abgeschlossen.
Der Verband
Die Schweizerische Vereinigung der Insurance- und Risk-Manager (Sirm) wurde 1973 in Bern gegründet und setzt sich stark für ein funktionierendes Insurance- und Riskmanagement in Unternehmen ein. Sie zählt über hundert Mitgliedsfirmen aus Industrie, Handel und öffentlichen Institutionen und ist seit 1990 Mitglied der Ferma (Federation of European Risk Ma-
nagement Associations).
Wie gross ist das Risiko, das aktuell vom Arbeitsmarkt ausgeht? Die Zahl der offenen Stellen ist gross, die Zuwanderung stockt, und die Fachkräfte werden immer rarer ...
Dabei handelt es sich um strukturelle Engpässe im eigenen Land. Die Zuwanderung, die auch nicht unbegrenzt und als für immer gegeben angesehen werden kann, ist nun mal endlich. Der Fachkräftemangel wird in bestimmten Branchen und Berufsbildern bereits seit einiger Zeit sichtbar, wie beispielsweise im Handwerk oder in der Kranken- und Altenpflege. In diesen Branchen kann das verfügbare Arbeitskräfteangebot die steigende Nachfrage schon heute nicht mehr befriedigen.
Hinzu kommt, dass in den nächsten Jahren aufgrund der demografischen Entwicklung per se mehr Personen den Arbeitsmarkt verlassen werden als neue hinzukommen. Daher müssen Unternehmen schon heute attraktive Anreize ganz gezielt setzen und sich als Arbeitgeber positionieren.
Das inländische Potenzial muss maximiert und die Produktivität sollte, wenn immer möglich, gesteigert werden. Denn was werden Unternehmen machen, die innovativ bleiben wollen, die Stellen aber nicht mehr besetzt bekommen, diese aber zwingend besetzen müssen? Das dürfte schwierig für sie werden …
Welche Strategien kann ein Unternehmen entwickeln, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken?
Es sei empfohlen, sich frühzeitig und langfristig mit der Thematik auseinanderzusetzen. Es fängt damit an, als Unternehmen attraktiv zu sein für das richtige Personal, um erstens eine schnelle Abwanderung von guten Arbeitskräften zu vermeiden und zweitens neue, passende Arbeitskräfte für sich zu gewinnen. Alle Generationen müssen angesprochen werden, die Gesellschaft hat sich und wird sich noch weiter verändern. Der gesellschaftliche Wandel und das Arbeitsleben sind stark miteinander verknüpft.
Legitime und zeitgemässe Bedürfnisse der Belegschaft werden in den Geschäftsleitungen noch stärker Gehör finden müssen. Das Personal will sich in wichtige Entscheidungsprozesse des Unternehmens einbringen und teilhaben. Unternehmen unterschiedlicher Branchen, die das gut meistern, werden weiterhin zu den Gewinnern zählen.
«Riskmanagement soll keine Compliance-Übung sein, sonst verfehlt es seinen Zweck.»
Sabrina Hartusch
Der Bund plant verschärfte Nachhaltigkeitsberichte für eine Vielzahl von Schweizer Unternehmen, auch für kleinere Betriebe. Wie schätzen Sie die damit verbundenen Risiken hinsichtlich Kosten, Image und Reputation ein?
Das ist ein heisses Thema, das in der Gesellschaft, in der Politik und in der Wirtschaft immer noch stark polarisiert. Das Thema hat ein unterschiedliches Gewicht je nach Unternehmensgrösse und Branche. Aber vom Tisch wird es nie wieder verschwinden, daher muss es nun vernünftig angegangen werden.
Wenn es nicht mit der notwendigen Sorgfalt und Aufmerksamkeit behandelt wird, droht schnell der Vorwurf von Beschönigung oder Greenwashing, oder es werden die Ansprüche von Kunden und Lieferanten nicht mehr erfüllt.
Daher werden sich auch Schweizer Unternehmen mit internationalen Geschäftsbeziehungen den Berichtspflichten höchstwahrscheinlich nicht entziehen können. Auch wenn die Umsetzung entsprechender Richtlinien mit teilweise erheblichem Aufwand für die hiesigen Unternehmen verbunden sein wird.
Welche Risiken sind mit dem EU-Lieferkettengesetz für Schweizer Unternehmen verbunden?
Viele Schweizer Unternehmen pflegen wirtschaftliche Verbindungen in die Europäische Union und unterhalten globale Lieferketten, auch mit lokalen Töchtern in der EU. Reputationsverluste aufgrund von Verstössen gegen EU-Recht bleiben daher ein kritisches Thema, ebenfalls die damit verbundenen hohen Geldstrafen und Haftungsfragen.
Als Unternehmen muss man zwingend die nötigen Mechanismen aufbauen, um dieser Verantwortung Herr zu werden, allein um international wettbewerbsfähig bleiben zu können.
Ein weiteres grosses Thema ist die Digitalisierung. Wird sie das zahlen- lastige Riskmanagement erleichtern oder gar ersetzen können?
Riskmanagement hat richtigerweise eine quantitative Komponente, jedoch auch eine qualitative. Für die qualitative Komponente braucht es im Riskmanagement weiterhin ein stark ausgeprägtes vernetztes Denken mit Weitblick und einen guten Menschenverstand, gepaart mit einem guten Urteilsvermögen und einem Sinn fürs Unternehmertum.
Die künstliche Intelligenz wird weiterhin auf der quantitativen Seite Einzug nehmen, sei es beim Modellieren von Szenarien oder in der Entwicklung von Präventionsmassnahmen und in der Früherkennung möglicher Gefahren.
Hier ist die Digitalisierung schon auf breiter Front eingezogen. Je mehr «Anwender» sich die verfügbaren Mittel der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz zu eigen machen, desto stärker werden sie zur Routine, und dadurch werden wir Vertrauen in die Ergebnisse und Verlass darauf gewinnen.
Sie sind Riskmanagerin mit Leidenschaft. Was ist das Besondere an Ihrem Job?
Riskmanagement findet nicht nur statt, wenn es dazu eine Stellenbesetzung im Unternehmen gibt. Riskmanagement findet in Gesprächen statt, im Planen von Zielen, im Implementieren von Massnahmen, im Entscheidungsprozess in der Geschäftsleitung und so weiter. Riskmanager müssen das Riskmanagement unternehmensintern konsistent verankern – und zwar auf höchster Ebene.
Dann sollten sie auch die internen Stakeholderbeziehungen nachhaltig pflegen, denn es braucht internes Vertrauen und Offenheit auf jeder Ebene. Nur so kann ein solides und wirkungsvolles Risikomanagement gedeihen.
«Im Riskmanagement braucht es ein stark ausgeprägtes vernetztes Denken mit Weitblick.»
Sabrina Hartusch
Welche Risiken muss ein Riskmanager oder eine Riskmanagerin derzeit besonders im Blick haben?
Letztlich sieht sich die Riskmanagerin einer Vielzahl von Risiken gegenüber, wie den Folgen des Wirtschaftswandels, der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz, der Klimakrise, der Veränderung der Wertschöpfungsketten und der geopolitischen Unruhen. Das Riskmanagement muss dann die wenigen Ressourcen, die zur Verfügung stehen, notwendigerweise priorisieren und die knappen Mittel dahin lenken, wo sie nachhaltig Wert stiften.
Was geht dabei häufig schief?
Dass ein zu starker Fokus auf die Risiken gelegt wird und weniger auf die Opportunitäten, die damit verbunden sind. So wird im Unternehmen ein eher risikoaverses Klima geschürt, und das ist nicht gesund für ein Unternehmen. Ein guter Riskmanager sollte in der Lage sein, die richtigen Konversationen auf jeder Hierarchiestufe zu führen, um das Risikoverständnis und die Umsetzung, aber auch die Chancenwahrnehmung ideal zu fördern.
Dabei gilt es, sachliche Entscheidungen zu treffen; eine gewisse Selbstverliebtheit wäre auch schwierig, beispielsweise wenn jemand meint, es besser zu wissen als das Business oder die Lieferkette. Ebenso ist es fatal, wenn die Unternehmensleitung das Riskmanagement nur als nachträgliche Compliance-Übung ansieht – damit hätte es seinen Zweck komplett verfehlt.
Carte blanche: Wenn Sie unbegrenzte Macht und Möglichkeiten hätten: Was würden Sie in Bezug auf die Schweizer Wirtschaftswelt ändern?
Das Wort Macht ersetze ich gerne mit Verantwortung. Wir sind in der Schweiz schon gut, was die Verzahnung von Politik und Wirtschaft angeht. Jedoch würde ich noch mehr in dieser Hinsicht tun, um Friktionen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu eliminieren. Wichtig ist auch, das Milizsystem zu schützen. Public-Private-Partnerships würde ich ebenfalls gerne noch stärker sehen, zumindest wenn sie gut gemacht werden.
Dieser Beitrag ist Teil des am 27. November 2025 erschienenen HZ Insurance-Print-Specials «Riskmanagement».


