Das makroökonomische Umfeld wurde 2025 durch einen möglichen Rückzug aus der internationalen Zusammenarbeit, anhaltende Unsicherheiten im Handel und geopolitische Spannungen sowie Bedenken hinsichtlich der hohen Verschuldung beeinflusst, leitet der Eiopa-Bericht zur Finanzstabilität ein, der im Dezember veröffentlicht wurde. Die Inflation bewege sich um das Ziel von zwei Prozent, die Geldpolitik habe sich stabilisiert, doch die hohen Kreditkosten setzen die öffentlichen Finanzen weiterhin unter Druck.
Die Finanzmärkte hätten sich zwar als widerstandsfähig erwiesen, die europäische Aufsichtsbehörde hält die Bewertungen angesichts der Auswirkungen von Zöllen auf die Wirtschaft und möglicherweise übertriebenen Erwartungen an Produktivitätssteigerungen durch Künstliche Intelligenz (KI) für zu optimistisch.
Solide Kapitalausstattung der Versicherer und Pensionsfonds
Trotz des fragilen wirtschaftlichen Umfelds attestiert Eiopa den Versicherern und betrieblichen Pensionsfonds eine grosse Widerstandsfähigkeit, sie würden über eine gute Kapitalausstattung verfügen. So liegen laut Bericht die mittleren Solvenzkapitalanforderungen (SCR) bei 235 Prozent für Lebensversicherer, bei 214 Prozent für Nichtlebensversicherer und bei 218 Prozent für Mischversicherer.
Die Gesamtfinanzierungsquote der IORP habe sich verbessert und liege nun bei über 120 Prozent. Ungünstige Entwicklungen im aktuellen Umfeld könnten jedoch eine Neubewertung der Risikoprämien auslösen, was die Notwendigkeit eines umsichtigen Risikomanagements unterstreiche.
Darüber hinaus hinaus analysiert der Finanzstabilitätsbericht der Eiopa auch fünf Schwerpunktbereiche, die für Versicherer, betriebliche Pensionsfonds und Aufsichtsbehörden von Bedeutung sind:
1. Private Kredite
Investitionen in die privaten Kreditmärkte sind in den letzten Jahren stark gewachsen. Während die frühen Allokationen durch die Suche nach Rendite in einem Niedrigzinsumfeld getrieben waren, hätten die Investitionen auch nach dem Anstieg der risikofreien Zinssätze weiter zugenommen, so der Bericht. Laut der Eiopa-Analyse belief sich das Engagement der Versicherer in privaten Krediten Ende 2024 auf insgesamt 514 Milliarden Euro (5,1 % der Gesamtaktiva), während das Engagement der Einrichtungen der betrieblichen Altersvorsorge (IORP) bei 128 Milliarden Euro (4,4 % der Gesamtaktiva) lag.
Hypotheken und Kredite machten demnach rund zwei Drittel der privaten Kreditengagements aus, gefolgt von nicht börsennotierten oder nicht gehandelten Unternehmensanleihen und besicherten Wertpapieren, die einem Kreditrisiko unterliegen.
Die Risiken weisen der Analyse zufolge erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern auf, verbunden mit sektoralen und geografischen Konzentrationen, die Diversifizierungsgewinne ausgleichen und Verluste in einer Rezession verstärken können. Private Kredite seien ausserdem durch ein höheres Kredit- und Liquiditätsrisiko, Bewertungsunsicherheiten und versteckte Hebelwirkungen gekennzeichnet, die erhebliche Auswirkungen auf die exponierten Unternehmen haben könnten.
Deshalb sei die kontinuierliche Überwachung der Risiken privater Kredite unerlässlich, um den Aufbau potenzieller systemischer Risiken zu mindern.
2. Schwacher Dollar
Der zweite Schwerpunkt im Bericht befasst sich mit dem deutlichen Wertverlust des US-Dollars im Laufe des Jahres 2025 und untersucht das Engagement europäischer Versicherer und betrieblicher Pensionsfonds in auf US-Dollar lautenden Vermögenswerten sowie die damit verbundenen Risiken. Die Analyse der Eiopa zeigt, dass europäische Versicherer und IORPs Ende letzten Jahres insgesamt rund 1,8 Billionen Euro in US-Dollar-Vermögenswerten hielten.
Obwohl die Risiken beträchtlich sind, sei es wichtig zu beachten, dass Versicherer und betriebliche Pensionsfonds im Falle von fondsgebundenen und beitragsorientierten Portfolios das Marktrisiko mit den Versicherungsnehmern und Begünstigten teilen.
Um das Währungsrisiko ihrer Anlagen zu steuern, würden IORPs in der Regel Derivate zur Absicherung des Wechselkursrisikos einsetzen und gleichzeitig von einer impliziten Absicherung profitieren, wenn sich der US-Dollar und die US-Aktienmärkte in entgegengesetzte Richtungen bewegen. Versicherer hingegen stehen nach Ansicht von der Eiopa vor komplexeren Herausforderungen, da ein schwächerer Dollar nicht nur ihre Anlagen, sondern auch ihre Verbindlichkeiten und ihre Rentabilität beeinträchtigen kann.
Um diese Risiken zu mindern, setzen Versicherer auf Absicherungsstrategien, währungsspezifisches Asset-Liability-Matching, Rückversicherungen und Risikoteilung mit den Versicherungsnehmern. Insgesamt würden die Ergebnisse die Bedeutung einer kontinuierlichen Überwachung der Absicherungspraktiken und des Wechselkursrisikomanagements unterstreichen.
3. Globale Verflechtungen
Der dritte Berichts-Schwerpunkt gibt einen Überblick über das Engagement europäischer Versicherer in Ländern ausserhalb des Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) in Bezug auf Vermögenswerte, Verbindlichkeiten und Versicherungsgeschäfte. Internationale Engagements können laut Bericht zwar Diversifizierungsvorteile und höhere Renditen bieten, aber auch Markt-, Währungs- und Kontrahentenrisiken sowie Schwachstellen im Versicherungsgeschäft erhöhen. Die Eiopa-Daten zeigen, dass EWR-Versicherer etwa 13 Prozent (1,24 Billionen Euro) ihrer Direktinvestitionen in ausserhalb des EWR emittierte Instrumente tätigen.
Fast die Hälfte dieser Engagements (46 %) entfällt auf die USA, gefolgt vom Vereinigten Königreich, das 22 Prozent der Direktinvestitionen ausserhalb des EWR erhält. Betrachte man das abgegebene Geschäft, so würden fast 28 Prozent der Risiken ausserhalb des EWR übertragen, wobei das Vereinigte Königreich 42,1 Prozent dieser Übertragungen auf sich vereint, gefolgt von Bermuda (26,5 %) und der Schweiz (22,1 %) – allesamt wichtige Märkte in der globalen Rückversicherungsbranche. Diese Verflechtungen würden angesichts der zunehmenden geoökonomischen Spannungen und strukturellen Veränderungen im Lebensversicherungsgeschäft eine genaue Beobachtung erfordern.
4. Cyberrisiken
Der vierte Themenschwerpunkt untersucht, wie sich Cyberrisiken, die früher in erster Linie als IT-Probleme angesehen wurden, zu einem Problem für die makrofinanzielle Stabilität entwickelt haben. In der heutigen hochgradig vernetzten digitalen Wirtschaft seien Cyberrisiken zu einer dauerhaften strukturellen Bedrohung geworden. Technologische Verflechtungen, die Sektoren und Grenzen überschreiten, schaffen dabei Schwachstellen für böswillige und zufällige Vorfälle, die selbst bei einem einzigen Ereignis zu grossen wirtschaftlichen und versicherten Schäden führen können.
Diese Schwachstellen würden die Notwendigkeit einer engeren Zusammenarbeit, einer verbesserten Datenerfassung und einer fortschrittlicheren Modellierung von Akkumulationsrisiken aufzeigen.
5. Künstliche Intelligenz
Der fünfte und letzte Beitrag untersucht den zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz im Versicherungssektor und seine möglichen Auswirkungen auf die Finanzstabilität. Während die meisten aktuellen Anwendungen weiterhin operativ sind, könnten zukünftige Anwendungsfälle in den Bereichen Underwriting, Investment und Risikomanagement bestehende systemische Schwachstellen verstärken, so Eiopa.
Zu den wichtigsten Kanälen gehören laut Bericht korreliertes Verhalten aufgrund der Verwendung ähnlicher Modelle, Herdenverhalten bei Anlagestrategien, grössere Abhängigkeiten von Dritten, Demutualisierungsdruck aufgrund einer zunehmend granularen Risikosegmentierung und Risiken im Zusammenhang mit der Entwicklung von Versicherungsmärkten, die KI-bezogene Ausfälle selbst abdecken.
Eiopa müsse zur Gewährleistung der Stabilität der EU weiterhin bereit sein, Risiken zu bewerten. Diese können sich aus strukturellen Veränderungen in der Versicherungsbranche, zunehmenden Engagements in alternativen Vermögenswerten und privaten Krediten oder exogenen systemischen Schocks wie Kreditausfällen, potenziellen KI-Blasen sowie raschen Veränderungen in der geopolitischen Landschaft ergeben.
Die kontinuierliche Arbeit an Szenarioanalysen, Stresstests und Krisensimulationen würde dazu beitragen, die Widerstandsfähigkeit Europas zu stärken, zeigt sich die Eiopa-Vorsitzende Petra Hielkema in ihrem Vorwort überzeugt.


