Heute aber besiegeln Dritte die Verträge (Notare) und beglaubigen unsere Identitäten (Staat). Drittparteien schaffen damit Vertrauen und sichern Werttransaktionen ab. Wie eine Alternative mit Blockchain für den Versicherungssektor aussehen könnte, haben wir in unserem letzten Blogbeitrag «Blockchain im Versicherungssektor» illustriert. Wo Schweizer Versicherer nun konkret stehen und wo die Lösungsansätze liegen können, soll im Folgenden diskutiert werden. 

Trotz dem gut zehnjährigen Bestehen der Blockchain-Technologie werden damit weiterhin Unsicherheiten assoziiert. Eine Übersicht findet sich in der obenstehenden Abbildung. Grundsätzlich herrscht weiter Konsens darüber, dass technologische Herausforderungen in naher Zukunft relativiert werden. Aus einer Untersuchung mit fünf Schweizer Versicherungsgesellschaften, zwei Banken und vier deutschsprachigen Universitäten mit Blockchain-Kompetenzzentren verdeutlichten sich zwei Themen – Zusammenarbeit in Konsortien und das eigentliche Geschäftsmodell

Konkurrenten müssen zusammenarbeiten

Die Notwendigkeit, zusammenzuarbeiten, ist das prägende Charakteristikum jeder Blockchain-Initiative. Insbesondere im Vergleich zu anderen Zukunftstechnologien bedingen Blockchain-Projekte die Zusammenarbeit mit verschiedenen Teilnehmern der Wertschöpfungskette. Damit ist die Komplexität bezüglich Koordination und strategischer Ausrichtung deutlich höher. «Zusammenarbeiten bedeutet, sich zu einigen, und das kostet Zeit und Geld» konstatierte ein Befragungsteilnehmer. Entsprechend ist es wichtig, dass ein solcher Austausch institutionalisiert wird und der damit einhergehende Nutzen bewertet werden kann. Konsortien etablieren den Wissensaustausch, ermöglichen es, Arbeitsaufwand und Budget unter den Akteuren aufzuteilen, aber auch Skaleneffekte zu erzeugen. Ein weiterer Befragungsteilnehmer fasste dies zusammen, «denn Konsortien bieten das richtige Format, um eine Lösung zu entwickeln, die von vielen akzeptiert wird, und das von Anfang an die benötigten Ressourcen und das entsprechende Budget mitbringt». 

Anzeige

Gleichzeitig entsteht im Austausch mit Wettbewerbern oftmals eine Art Dualität von Konkurrenz und Kooperation, welche limitierend wirkt. Entsprechend kann beobachtet werden, wie kleinere Versicherungen mit schwächerer Marktposition sogenannte Cross-Industry Working Groups präferieren. Diese zielen auf Differenzierung durch industrieübergreifende Use-Cases ab und versuchen damit, neue Wettbewerbsvorteile zu schaffen. Grosse, internationale Versicherungen mit sehr starken Marktpositionen versuchen, demgegenüber industriespezifische Blockchain-Ökosysteme zu etablieren. Somit kann mit diesem Unterschied ein erstes Differenzierungselement für eine potenzielle Konsortiumsstrategie abgeleitet werden. 

Des Weiteren ist auch die Teilnehmeranzahl bzw. die Grösse des Konsortiums relevant. Grosse Konsortien zielen auf grössere Wirkungshebel, sind aber im Vergleich zu kleineren relativ träge und bedürfen grösserer Abstimmung untereinander. Es bietet sich deshalb an, gerade am Anfang erst einmal in kleineren Konsortien aktiv zu arbeiten. In Bezug auf die inhaltliche Zusammenarbeit sind sich alle einig: «Es gälte gleich zu Beginn eine gemeinsam geteilte Mission festzulegen. Denn mit zunehmender Marktreife werden Grundsatzdiskussionen schwierig», bemerkte ein Befragungsteilnehmer beispielhaft. 

Mittelfristig schwierig umsetzbare Meilensteine

Blockchain-Ansätze sehen sich zudem mit der Schwierigkeit konfrontiert, im Projektkontext einer Versicherung ein tatsächliches kurz- bis mittelfristiges Unternehmensziel zu realisieren. Es geht dabei weniger um die Vision oder das langfristige Geschäftsmodell, welche oft exzellent definiert und vermarktet werden. «Vielmehr besteht die Herausforderung darin, mittelfristige Meilensteine zu planen und effektiv zu realisieren sowie die dafür benötigten Durchführungskosten zu schätzen», betont ein Befragungsteilnehmer. Auch eine vereinfachte Kosten-Nutzen-Rechnung ist schwer durchführbar. Denn die Technologie strebt in ihrem ultimativen Zustand eine Disintermediation an, und so ist es für Versicherungen schwierig, relevante Ertragspotenziale für das Kerngeschäft zu erschliessen. Viele Akteure am Markt werfen in diesem Zusammenhang das Risiko einer Kannibalisierung in die Runde. Entsprechend wird beobachtet, wie Blockchain-Initiativen von Schweizer Versicherern in separate Gesellschaften ausgegründet werden oder organisational und geografisch ausserhalb vom operativen Geschäft angehängt werden. An diesem Punkt eröffnen sich damit neue Fragestellungen, beispielsweise zu Notwendigkeit, Form und Zeitpunkt der Wiederintegration in die Linie oder zu Budget und Sponsoring. «Die Überführung in die bestehende Organisationsstruktur war bei uns schlicht nicht realistisch und die Ausgründung in eine eigene Firma damit optimal», ergänzte ein Befragungsteilnehmer. Schliesslich führen diese Dynamiken auch dazu, dass Blockchain-Initiativen im Versicherungssektor heute entweder klare Effizienz-Cases sind oder, wie oben skizziert, auf Schnittstellen für die Bearbeitung neuer Märkte abzielen. 

Anzeige

Insgesamt verdeutlicht diese Auseinandersetzung, dass Blockchain nicht bloss als eine technologische Innovation gesehen werden kann. Der Dezentralitätsgedanke von Blockchain erfordert perspektivisch ein Umdenken bzw. einen Mentalitätswechsel in den Unternehmen und bedingt eine institutionalisierte Zusammenarbeit innerhalb und vor allem ausserhalb der eigenen Versicherungen. Aufgrund dieser Neuartigkeit sehen sich Versicherungen zudem verstärkt mit organisatorischen Fragen konfrontiert.

Cooptetion in Business-Ökosystemen

Rolf Günter, Blockchain-Experte ZHAW und Projektverantwortlicher des «Digitalen Immobilien Dossiers (DIGIM)»: «Die entscheidende Frage bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle ist, wo und wie der klassische Versicherer Mehrwerte durch Services beim Kunden erzeugt und inwiefern sich mit solchen neuen, über den Risikotransfer hinausgehende Services Einnahmequellen für Versicherer erschliessen lassen. Ein wichtiger Faktor aus Kundensicht ist dabei das Stichwort ‹Vertrauen›. Wie baut ein Kunde einfacher und besser Vertrauen zu einem Versicherer oder seinem Ökosystem auf? Dienstleistungen nutzen heisst aus Kundensicht immer Vorschussvertrauen einem Provider entgegenbringen. Die Fähigkeit eines Versicherers, mit Konkurrenten und anderen Serviceprovidern zu kooperieren (Schlagwort ‹Coopetition›), kann Kundenvertrauen stärken und erweitert die eigenen Marktoptionen. Von der Plattform-Ökonomie zur Business-Ökosystem-Ökonomie. Das ist der Weg in die Zukunft und ist für Versicherer fast schon unabdingbar.»
 

Anzeige