Nachhaltigkeit assoziieren viele in erster Linie mit Themen wie dem Kohleausstieg und Elektromobilität. Wie ordnen Sie die Bedeutung für die Versicherungsbranche ein?

Wir orientieren uns am Leitgedanken, für die kommenden Generationen mindestens die gleichen Voraussetzungen zu erhalten, wie wir sie heute vorfinden. Nachhaltigkeit bewirtschaften wir deshalb in verschiedenen Dimensionen. Es gibt die ökologische Nachhaltigkeit, aber auch die finanzielle und die gesellschaftliche Nachhaltigkeit. Ohne finanzielle und gesellschaftliche Nachhaltigkeit werden wir keine ökologische Nachhaltigkeit erreichen, davon bin ich überzeugt. Die Branche trägt 4,2 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und ist mit einem kumulierten Anlagekapital von 545 Milliarden Franken ein gewichtiger Investor.  Die Versicherer haben damit die Möglichkeit, mit ihren Investitionsentscheiden Nachhaltigkeit zu verankern – und das tun sie auch: 80 Prozent der Kapitalanlagen der Schweizer Assekuranz sind an Nachhaltigkeitskriterien geknüpft.

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Was unternimmt die Versicherungsbranche darüber hinaus, um ihrer Verantwortung nachzukommen?

Zur Nachhaltigkeit gehört auch das Eindämmen der Folgen der Klimaerwärmung: Der Prävention. So unterstützt die Versicherungsbranche die öffentliche Hand zum Beispiel in der Prävention von Naturgefahren. Dass die Schäden im Unwettersommer 2021 nicht grösser ausgefallen sind, ist insbesondere auf Hochwasserschutzmassnahmen zurückzuführen, die wiederum seit 2005 – nach dem letzten grossen Unwetter – umgesetzt worden sind. Auch in der Altersvorsorge setzen wir uns für nachhaltige Lösungen ein. Hier braucht es eine generationengerechte Altersvorsorge, die auf dem bewährten Dreisäulensystem aufbaut. Schliesslich gestaltet die Versicherungsbranche, die in der Schweiz rund 50'000 Mitarbeitende beschäftigt, auch die Arbeitswelt von morgen mit und stärkt mit Initiativen wie «InsurSkills» und der Plattform «startsmart.ch» die Arbeitsmarktfähigkeit ihrer Mitarbeitenden und fördert lebenslanges Lernen.

Der Schweizerische Versicherungsverband SVV veröffentlicht zum dritten Mal seinen Nachhaltigkeitsreport. Was steckt hinter diesem Engagement?

Wir wollen Transparenz schaffen über das, was wir tun. Und den Beweis erbringen, dass wir ein ökonomisches und gesellschaftliches Interesse haben, Nachhaltigkeit in und aus der Versicherungswelt heraus weiter zu verankern. Selbstverständlich geht es uns auch darum, immer wieder aufkommendem Regulierungsdruck entgegenzuwirken, indem wir zeigen, dass wir als Versicherungsindustrie selber in der Lage sind, auf die Herausforderungen zu reagieren. Wir sind als Branche nicht nachhaltig, weil wir es sein «müssen», sondern weil wir überzeugt davon sind, dass Nachhaltigkeit mit unserem breiten Verständnis ein Erfolgskonzept ist. 

Welche Nachhaltigkeitsziele sehen Sie für die kommenden Jahre?

Wir verorten die Nachhaltigkeitsziele in drei Dimensionen, da kommen in nächster Zeit so manche Herausforderungen auf uns zu. Dazu passen die Herausforderungen politischer Natur. Am 25. September 2022 machen wir uns als Branche für die AHV21 und für die Verrechnungssteuerreform stark; das sind zwei Vorlagen, die die finanzielle und die gesellschaftliche Nachhaltigkeit der Schweiz stärken. Die Versicherungswirtschaft hat ein natürliches Interesse an ökologischer Nachhaltigkeit, da Klimarisiken und Wetterextreme in der Nichtlebensversicherung direkte Auswirkungen auf die Versicherungsprämien haben. Natürlich liegt uns damit auch die geeignete Übernahme von Risiken am Herzen. Die Berücksichtigung nachhaltiger Kriterien ist dabei leider nicht so trivial, wie es manchenorts dargestellt wird. Im Weiteren ist es uns ein grosses Anliegen, für Toprisiken, wie zum Beispiel ein Cyberangriff eines ist, besser gewappnet zu sein und zusammen mit dem Bund nachhaltige Versicherungslösungen zu erarbeiten. Vorsorgende Lösungen zur Minderung des finanziellen Schadens unerfreulicher Ereignisse ist unser Kerngeschäft. Wir tragen damit massgeblich zur Widerstandsfähigkeit und damit der finanziellen Nachhaltigkeit der Wirtschaft bei.

Was bedeutet Ihnen Nachhaltigkeit persönlich?

Ich bin sehr gerne in der Natur und in den Bergen, eine intakte Natur liegt mir deshalb am Herzen. Diese ist durch viele Faktoren bedroht, neben der steigenden Bevölkerungsdichte sind es auch die Folgen unserer Lebensweise. Je schonender wir mit unseren Ressourcen umgehen, umso mehr können wir uns an den Schönheiten der Natur erfreuen. Ökologische Nachhaltigkeit bedeutet mir damit viel – ich möchte sie aber in liberaler Denkweise und nicht mit einer Verbotskultur realisiert sehen.