Bis Mitte des Jahrhunderts werde die Temperatur ohne Gegenmassnahmen um 3,2 Grad steigen, heisst es in der Stressanalyse, die heute veröffentlicht wurde. Am schlimmsten würden südostasiatische Länder leiden. In Thailand, Malaysia oder Singapur würde das Bruttoinlandprodukt (BIP) um über 40 Prozent in die Tiefe rauschen, erklärte das Swiss Re-Institut anhand der Untersuchung von 48 Ländern. Auch Chinas Konjunktur würde um fast ein Viertel stark sinken. Die Länder auf der Nordhalbkugel kämen da besser weg, hiess es. In Europa und Nordamerika würde der Einbruch rund 10 Prozent betragen. Die Schweiz käme vergleichsweise glimpflich davon: Die hiesige Konjunktur würde "nur" um 6 Prozent schrumpfen.

Schlimmer wären unsere Nachbarländer dran: Österreich müsste einen Rückgang von 8 Prozent verkraften, Deutschland einen Knick von 11 Prozent, während in Frankreich ein Minus von 13 Prozent zu erwarten sei, hiess es in der Studie. Noch stärker müsste Italien Federn lassen (-15 Prozent). Dänemark (-4 Prozent) wäre das Land mit dem geringsten wirtschaftlichen Schaden durch einen ungebremsten Klimawandel.

Bremsung möglich

Da die globale Erwärmung die Auswirkungen von Naturkatastrophen verschärfe, könne sie im Laufe der Zeit zu erheblichen Einkommens- und Produktivitätseinbussen führen: "So kann etwa durch den steigenden Meeresspiegel Land verloren gehen, das sonst produktiv genutzt werden könnte, und Hitzebelastung kann zu Ernteausfällen führen." Doch die Folgen könnten gemildert werden, wenn entschiedene Massnahmen ergriffen würden, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen, schrieb die Swiss Re. Bei einigen Gegenmassnahmen rechnet die Analyse mit einem Anstieg der Erdtemperatur um 2,6 Grad, was einen Rückgang der Weltwirtschaft um 14 Prozent zur Folge hätte. In diesem Szenario würde die Konjunktur der Schweiz um 4,4 Prozent schrumpfen. Wenn hingegen die Ziele des Pariser Abkommens erreicht würden und der Temperaturanstieg unter 2 Grad bliebe, würde die Weltwirtschaft noch um 4 Prozent abnehmen. Die Schweiz müsste mit einem Rückgang um 1,4 Prozent leben.

Swiss Re: "Wir müssen jetzt handeln"

Bis 2050 werde die Weltbevölkerung auf fast 10 Milliarden Menschen anwachsen, und dies vor allem in Regionen, die vom Klimawandel am stärksten betroffen seien. "Daher müssen wir jetzt handeln, um die Risiken zu mindern und die Netto-Null-Ziele zu erreichen", schreibt das Institut der Swiss Re. Das Erreichen der Klimaziele erfordere koordinierte Massnahmen der weltweit grössten CO2-Emittenten. "Nur wenn öffentlicher und privater Sektor an einem Strang ziehen, kann der Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft gelingen", heisst es weiter. Bislang geschehe zu wenig.

Würden etwa die jährlichen globalen Infrastrukturinvestitionen von 6,3 Billionen Dollar um nur 10 Prozent erhöht, könnte der durchschnittliche Temperaturanstieg auf unter 2 Grad begrenzt werden. "Dies ist nur ein Bruchteil des globalen BIP-Verlusts, der uns droht, wenn wir nicht entschieden handeln", erklärte Swiss Re-Chefökonom Jérôme Haegeli: "Doch bislang geschieht zu wenig." 

Die Abschwächung des Klimawandels erfordere eine ganze Palette an Massnahmen. Benötigt werden mehr Regelungen zur CO2-Bepreisung in Verbindung mit Anreizen für naturbasierte CO2-Kompensationslösungen. Zudem brauche es eine internationale Angleichung der Taxonomie für grüne und nachhaltige Anlagen. Die EU-Kommission hatte am Vortag ein solches Paket zu Geldanlagen mit Umweltsiegel vorgestellt: Klare Kriterien sollen Bürgern und Investoren in der Europäischen Union aufzeigen, welche Finanzprodukte dem Klimaschutz nützen. (awp/hzi/kbo)