Fitch, eine der drei grossen Rating-Agenturen, setzte zwar Mitte März den Ausblick für die US-amerikanischen und britischen Lebensversicherungen auf «negativ» von zuvor «neutral». Grund ist das Coronavirus bzw. die dadurch verursachte Lungenkrankheit Covid-19. Das hat bei Lebensversicherungen möglicherweise höhere Auszahlungen zur Folge. Aber die grundlegenden Risiken seien beschränkt. Eine sich abzeichnende etwas höhere Sterblichkeit reduziert das Risiko für Lebensversicherungen, dass ihre versicherten Menschen länger leben als zuvor kalkuliert wurde – und dann die ganze Berechnung über den Haufen werfen.

Ausreichende Eigenkapitalmittel

Lebensversicherungen sind bezüglich kleiner Veränderungen an den Grundannahmen besonders exponiert, weil die Verträge oft 30 Jahre laufen. «Investoren prüfen derzeit, ob die zu erwartende Zahl der Covid-19-Opfer die Fundamente der Lebensversicherungsindustrie verändern», kommentieren die Analysten von Morgan Stanley. «Wir rechnen mit einem deutlichen Rückgang bei den Gewinnen bei einigen Gesellschaften, aber wir sehen die Eigenkapitalmittel der Industrie eigentlich als ausreichend an.»

Risiko an Investoren weitergegeben

Denn durch die Umstellung von Garantieprodukten auf solche, bei denen die Policenkäufer die Risiken, die sich aus schwankenden Aktien- und Obligationenmärkten ergeben, tragen, haben viele Lebensversicherungen die Marktrisiken aus ihren eigenen Bilanzen zu den Versicherten verlagert. Die Folgen der jüngsten Baisse tragen also vor allem die Policenkäufer selber. Bei einem weiteren Faktor in der Langfristkalkulation, der Lebensdauer der Versicherten, funktioniert dieser Transfer nicht. Dieses Risiko wird seit 2007, als der erste Abschluss zwischen Swiss Re und der britischen Lebensversicherung Friends Provident stattgefunden hatte, über spezielle Longevity-Rückversicherungspolicen sowie den Longevity Swaps an Investoren weitergegeben. Im Kern geht es dabei immer um den Ausgleich zwischen dem Sterblichkeits- und dem Langlebigkeitsbuch.

Veränderte Grundannahmen

Bei Longevity Swaps zahlt eine Erstversicherung jährlich eine feste Prämie plus Gebühren an die Rückversicherung. Diese Prämie entspricht den zu erwartenden Auszahlungen plus einer Marge. Die Rückversicherung kommt dann für die tatsächlichen Prämienzahlungen auf; dafür lässt sich diese mit einem Aufschlag entschädigen. Je nach Ausgestaltung können Veränderungen bei den Grundannahmen vertraglich berücksichtigt werden.

Dabei geht es um grosse Summen. Typische Transaktionsgrössen reichen von einer halben bis zu mehreren Milliarden Pfund bzw. Dollar. Typische Verkäufer sind laut dem Deal-Verzeichnis des Branchendienstes Artemis Banken mit interner Pensionskasse wie die Lloyds Banking Group, Erstversicherungen wie Aegon, Manulife und Axa sowie weitere grosse Unternehmen mit eigenen Pensionskassen. Wenn diese einen Teil ihrer Risiken aus den eigenen Büchern wegtransferieren können, verschwindet auch die Gefahr, dass Pensionskassenverpflichtungen die Geschäftsabschlüsse belasten. Swiss Life beispielsweise hatte sich 2010 mit der Pensionskasse von BMW in Grossbritannien zusammen mit weiteren Spezialisten seinerzeit auf den Rekordabschluss mit einem Volumen von 3 Milliarden Pfund verständigt.

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Zu früh für Prognose

Zurich und Swiss Re treten auch regelmässig als Gegenparteien und damit als Rückversicherer bzw. Swap-Käufer auf. «Wir sehen derzeit einen sehr aktiven Markt in Grossbritannien sowie auch erste Transaktionen in anderen Ländern», sagt Swiss-Life-Sprecher Florian Zingg. «Grundsätzlich bietet das grosse Marktpotenzial Chancen. Der zunehmende Wettbewerb wird aber die Margen unter Druck setzen.»

Noch im Februar war man optimistisch, dass 2020 ein Rekordjahr werden wird – trotz sich abzeichnenden ersten leichten Verspannungen am Markt. Die Experten vom Broker Willis Towers Watson erwarten für dieses Jahr ein Gesamtvolumen von 25 Milliarden Pfund. Ein guter Teil war vor dem Ausbruch der Corona-Krise in Europa bereits eingespielt worden. Denn die britische Prudential trat als Rückversicherer für die Langlebigkeitsrisiken bei Rothesay Life mit einem Volumen von 6 Milliarden Dollar auf. Und Pacific Re bildet die Gegenpartei für ein 10-Milliarden-Pfund-Portfolio der Pensionskasse der Lloyds Bank. Bei Swiss Life rechnet man laut Zingg nicht mit grundsätzlichen Veränderungen wegen Covid-19. «Es ist aufgrund der sich schnell verändernden Entwicklungen aber noch zu früh, um eine Prognose zu stellen.»