Sie sind erst seit einigen Tagen Präsident von Inter-Pension. Wie weit helfen Ihnen hierbei Ihre Erfahrungen mit Vollversicherungen?

Ich war bei meiner Arbeit in Versicherungen nie in Pensionsbereichen tätig. Aber rückblickend auf die Zeit, während der ich bei Axa arbeitete, erweist sich der Ausstieg aus der Vollversicherung seinerzeit als völlig richtig. Dieser Ausstieg ist zum richtigen Zeitpunkt erfolgt.

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Bei einigen anderen Interviews klingen Sie wie ein Vollblutpolitiker mit Aussagen wie «Die zweite Säule hat sich sehr bewährt» – ist das für Ihre neue Tätigkeit hier auch wichtig?

Das waren einige Aussagen, die ich in meiner Rolle als Chef der Pensionskasse Profond zu unterschiedlichen Aspekten der beruflichen Vorsorge gemacht habe. Jetzt, hier im Verband, werden wir enger mit der Politik zusammenarbeiten und sie bei ihren Überlegungen unterstützen.

Ein Thema der Politik ist die freie Pensionskassenwahl der Versicherten.

Das ist noch kein Thema – und die freie Pensionskassenwahl lehnen wir ab, obwohl ich das persönlich spannend fände. Eine freie Pensionskassenwahl würde die Grundprinzipien der zweiten Säule, so wie sie heute besteht, unterlaufen.

Möglicherweise hätten Sie dadurch bei Profond einen massiven Zulauf, zumal Sie da deutlich höhere Erträge erzielen als andere.

Es gibt noch etliche weitere Pensionskassen, die hohe Erträge erzielen. In diesem Jahr haben wir aber eine ganz andere Situation. Die Lage ist sehr angespannt. Die Invasion Russlands in die Ukraine bestraft die Märkte genauso wie die Geldpolitik der Zentralbanken der vergangenen Jahre. Wir haben per Ende Mai 2022 seit Jahresanfang einen Rückgang des SMI um 19 Prozent und des Swiss Bond Index um 12 Prozent gesehen. Im Juni hat sich das sicherlich nicht besser entwickelt. Wir werden sehen, wie es dann aussieht. Aber ein Teil der Gewinne, die noch Ende 2021 ausgewiesen wurden, sind weg.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf, wenn der Deckungsgrad fällt?

Die Pensionskassen denken langfristig, sie handeln aber teilweise kurzfristig. Natürlich fängt man in den Pensionskassen an, nervös zu werden, wenn der Deckungsgrad Richtung 100 fällt. Es ist auch nicht tragisch, wenn dieser Deckungsgrad einmal kurzfristig unter 100 Prozent fällt. Stresstests von Aufsichtsbehörden ergeben, dass viele Pensionskassen auch darunter sein können – aber kaum eine Kasse würde auch bei extremen Szenarien unter 90 Prozent Deckungsgrad fallen.

Reagieren Sie auf diese veränderten Gegebenheiten, beispielsweise mit Umschichtungen von Assets?

In Pensionskassen denken wir in sehr langen Zeiträumen: Menschen zahlen vierzig Jahre lang ein, um nachher zwanzig Jahre lang Renten zu beziehen. Da passt man die Verhältnisse nicht einfach rasch an.

Aber es gibt jetzt fundamentale Veränderungen – wirken die sich gar nicht aus?

Doch, beispielsweise bei Immobilien sehen wir Veränderungen: Es war lange Zeit schwierig, mehr als 2 Prozent Rendite zu erzielen. Wenn jetzt die Zinsen steigen, gibt es Wertverluste bei einigen Immobilienanlagen, wenn sie in Form von Fondsbeteiligungen gehalten werden. Hier steigt der Druck auf die Pensionskassen. Bei Direktbeteiligungen passiert hingegen im Moment noch nichts. Entscheidend aus Sicht einer Pensionskasse ist immer der Cashflow, der mit Immobilien erzielt wird – und hier sieht es gegenwärtig gut aus. Denn mit den Mieteinnahmen bezahlen wir letztlich einen Teil der Pensionen.

Sehen Sie bei den Pensionskassen, die in Ihrem Verband angeschlossen sind, Unterschiede bei der Asset Allocation?

Nein, sie legen ihre Gelder alle sehr ähnlich an. Das ist kein Wunder, denn sie werden auch von praktisch den gleichen Experten und Expertinnen beraten. Wenn es graduelle Unterschiede gibt, dann sind das die technischen Zinsen und die Umwandlungssätze; sie liegen in der Westschweiz tendenziell etwas höher als in den deutschsprachigen Landesteilen.

Es gibt einige Firmen, die sich bei der Wahl ihrer Pensionskasse oder Sammelstiftungen an den einschlägigen Ranglisten orientieren, die solche Unterschiede ausweisen.

Bei vielen Vergleichen sollte man auch die Grundlagen und weitere Faktoren hinterfragen, die für unterschiedliche Ergebnisse verantwortlich sind. Ansonsten vergleicht man Äpfel mit Birnen. Generell lässt sich aber sagen, dass die Pensionskassen, die am Markt aktiv sind, alle gesund sind. Seit Inter-Pension besteht, hat beispielsweise keine einzige der angeschlossenen Kassen nach Sanierungsbeiträgen gefragt.

«Die Pensionskassen, die am Markt aktiv sind, sind alle gesund.»

Lässt sich daraus schliessen, dass die Kassen eigentlich «zu gesund» sind – und die Versicherten höhere Beiträge erhalten sollten?

Das zeigt vor allem, dass die Pensionskassen ihre Hausaufgaben gemacht haben. Ich bin zudem der Auffassung, dass man Überschüsse an die Versicherten weitergeben sollte – denn sie tragen ja auch einen Teil der Risiken mit, die zu guten Gesamtleistungen führen.

Wo steht man bei der Digitalisierung der Pensionskassen?

Für die Pensionskassen wurden Portale entwickelt, man informiert die Versicherten heute darüber. Das Hauptproblem ist weiterhin der Stellenwechsel von Versicherten. In der ersten Säule ist das längst automatisiert worden. In der zweiten Säule muss man die Daten jeweils an der neuen Stelle wieder erfassen – und dabei können sich Fehler einschleichen. In denke, dass sich in den kommenden Jahren hier eine Lösung abzeichnet – einige Firmen arbeiten bereits an ersten Konzepten, wie ein Datenaustausch elektronisch erfolgen könnte.

Was ist von den Pensionskassen künftig zu erwarten?

Es werden offene Schnittstellen kommen, mit denen der erwähnte Datentransfer möglich sein wird. Darüber hinaus stellt man bei vielen Entwicklungen jetzt die Versicherten – als Kundinnen und Kunden – ins Zentrum, das war vorher kein Thema. Dazu stellt man sich auch Fragen, was man ihnen anbieten und welchen Mehrwert eine Pensionskasse generieren kann. Und uns steht die BVG-Reform bevor. Wenn es hier nicht rasch zu einer Einigung kommt, wird es keine Abstimmung im Juni 2023 geben – und danach sind gleich wieder National-rats- und Ständeratswahlen. Das bringt nicht nur Verzögerungen, sondern auch wieder eine neue Generation von Politikerinnen und Politikern. Und damit würde die Reform auf die Jahre danach verschoben werden.

(Dieses Interview erschien erstmalig am 30.06.22 in der Handelszeitung Nr. 26.)

Zur Person:

Laurent Schlaefli ist Präsident Inter-Pension und CEO Profond Vorsorgeeinrichtung, Zürich. Er hat einen Abschluss als eidg. dipl. Betriebsökonom, EMBA der HEC Paris.