Auf den ersten Blick geht es den Versicherungen gut: Ihre Angestellten arbeiten seit März vorwiegend im Homeoffice, die Ergebnisse des ersten Halbjahres sind vor dem Hintergrund einer Naturkatastrophe, wie sie sich – laut Modellberechnungen – einmal alle hundert Jahre ereignet, ganz in Ordnung.

Allerdings stehen die Ergebnisse in Widerspruch zu der Einschätzung von Investoren: Laut einer Auswertung der Boston Consulting Group (BCG) war der Versicherungssektor in der ersten Jahreshälfte der viertschlechteste an den Börsen. Lediglich Hotelketten, Fluggesellschaften, Banken und Versorger haben noch miserabler abgeschnitten.

Die Detailanalyse von BCG anlässlich des in diesem Jahr lediglich digital abgehaltenen Rückversicherungstreffens von Monte Carlo zeigt indes beträchtliche Differenzen zwischen den Versicherungsgesellschaften, die sich gut gehalten haben, und solchen, die weniger gut abschnitten.

Eine gute Rückversicherung hat stets die Kosten unter Kontrolle und erwirtschaftet sehr hohe Anlageerträge.

Immerhin zählt mit Swiss Life eine Schweizer Versicherung unter den knapp einhundert gelisteten grösseren Anbietern zu den Top Ten. Zurich, Swiss Re, Helvetia und Baloise tauchen erst im Verfolgerfeld im zweiten Quartil auf, also den Rängen zwischen 26 und 50. Die längerfristigen Vergleiche zeigen noch grössere Unterschiede zwischen den Versicherungen, die es richtig gut gemacht haben, und den weiteren Branchenvertretern. Besonders gross sind die Unterschiede bei Rückversicherungen, wo viele Anbieter ihre Kapitalkosten nicht verdienen. Wobei: Auch hier muss man genau hinschauen. Denn: «Es kommt sehr auf die einzelne Gesellschaft an: Nur vier Rückversicherer liefern Top Quartile Total Shareholder Returns, die Gesamterträge für ihre Aktionäre», sagt Thomas Seidl, Rückversicherungsexperte bei BCG in München.

Specialty-Linien haben weniger Druck

Die Gesamtrechnung bei Rückversicherungen sieht wie folgt aus: Von der Investmentseite ist in diesen Jahren wenig zu erwarten, gute Versicherungen holen 3 bis 4 Prozent Rendite rein. Wenn das Combined Ratio, also die Summe von Kosten- und Schadensatz, über 100 liegt, und das war bei vielen Rückversicherungen aufgrund der Häufung von Naturkatastrophen der Fall, dann übersteigen die Gesamtkosten die Erträge, die eine gute Rückversicherung über alle weiteren Quellen einspielt. Kurz: Eine sehr gute Rückversicherung hat die Kosten unter Kontrolle (sichtbar am Kostensatz) und spielt möglichst hohe Anlageerträge ein. Kostenkontrolle ist das typische Handwerk operativer Chefs, der COO.

Entscheidend für einen guten Gesamtausweis ist das Underwiriting, also der Bereich, in dem darüber entschieden wird, welche Versicherungsrisiken zu welchem Preis auf die Bücher genommen werden.

Investoren, gerade institutionelle Anleger, haben abgesehen von Aktien der Gesellschaften auch Zugang zu alternativen Varianten, um ihr Geld im Rückversicherungsbereich anzulegen. Aktien konkurrenzieren dann mit Cat-Bonds. Welches ist die beste Variante? «Das lässt sich so allgemein nicht sagen, denn es kommt sehr auf die spezielle Situation des Investors an: Diversifikation, eigene Fähigkeiten und Selektion der Topperformer», erklärt Seidl.

«Im Schnitt ist die Rendite in P&C und Life Re in etwa auf dem gleichen Niveau», sagt Christian Reber, Versicherungsexperte bei BCG in Zürich. «Innerhalb P&C Re sind die weniger kommoditisierten Segmente wie Specialty, für die exzellente Underwritings-Skills gebraucht werden, sowie Segmente, die hoch diversifizieren wie Natcat, attraktiver.» Historisch gesehen laufen auch Segmente gut, die das Pricing auf Basis von Exposure-Modellen anstelle von historischen Schadendaten, beispielsweise bei Terrorismus- und Cyberversicherungen, betreiben.

Und worauf sollte jetzt ein guter CEO mit Ambitionen achten? «Er sollte den Fokus auf das eigentliche professionelle Rückversicherungsgeschäft, die Kapital- und Kosteneffizienz sowie die Digitalisierung der Kernprozesse legen», empfiehlt Reber.

Am besten machen es laut BCG das Management Versicherungen Hannover Re, Arch Capital, Renaissance Re und RGA. «Sie heben sich deutlich von der Peer Group durch ihr relatives hohes Wachstum im Buchwert ab, weil sie die wichtigen Stellschrauben effektiver nutzen », so Seidl.