Die Corona-Krise hat eindrücklich gezeigt, wie schwer wiegend und vielschichtig die Folgen eines Grossereignisses sein können. Nebst der Pandemie gibt es jedoch noch weitere Toprisiken, die in Zukunft auf uns zukommen könnten. Doch Toprisiken gab es schon immer; so beispielsweise Vulkanausbrüche oder andere überregionale Naturereignisse. «Mit dem technologischen Fortschritt und dem gesellschaftlichen Wandel kamen aber andersartige Risiken dazu, wie zum Beispiel Flugzeugabstürze und Terrorakte», sagt Eduard Held, Geschäftsführer des Elementarschadenpools beim Schweizerischen Versicherungsverband (SVV). Zudem habe sich der Wirkungskreis von potenziellen Toprisikoereignissen durch die Globalisierung stetig vergrössert – dies insbesondere aufgrund der zunehmenden Komplexität der Lieferketten sowie wegen der immer stärkeren Abhängigkeiten innerhalb der globalen Gemeinschaft.

Grundlagen zur Vorbereitung

Organisationen, die sich mit der Bewältigung von Katastrophen und Notlagen beschäftigen, sind entsprechend mit einem vielfältigen und breiten Spektrum von Schadenereignissen konfrontiert. So schafft das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (Babs) mit der nationalen Risikoanalyse «Katastrophen und Notlagen Schweiz» (KNS) Grundlagen für die vorsorgliche Planung und Ereignisvorbereitung auf allen staatlichen Ebenen. Teil der KNS-Risikoanalyse ist der Gefährdungskatalog. Dieser umfasst rund hundert Gefährdungen und Ereignisse, die grundsätzlich in der Schweiz stattfinden können. Die möglichen Schadenereignisse werden in der nationalen Risikoanalyse eingeteilt in die Bereiche Natur, Technik und Gesellschaft.

Die Bewältigung solcher Ereignisse muss organisiert und geplant werden. Um eine systematische Übersicht über das Gefährdungspotenzial zu gewinnen, stützen sich die verantwortlichen Organisationen im Rahmen des Katastrophenmanagements auf die Gefährdungs- beziehungsweise Risikoanalyse. Dabei werden das Spektrum von möglichen Gefährdungen identifiziert, konkrete Szenarien dazu entwickelt, deren Auswirkungen differenziert analysiert und die Eintrittswahrscheinlichkeit der beschriebenen Szenarien abgeschätzt. Problematisch wird die Situ ation, wenn es um die private Versicherung von Toprisiken geht. Hier gelangt die Wirtschaft rasch an Grenzen. Bei der Corona-Pandemie kam beispielsweise erschwerend hinzu, dass die Versicherungswirtschaft für Schäden, die sich aus den bundesrätlichen Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie ergeben hatten, nicht aufkommen konnte, da sie das Prinzip der Versicherbarkeit in zentralen Punkten verletzen: Die Schäden treten weltweit, gleichzeitig und in hoher Zahl auf. Damit können die Risiken nicht diversifiziert und auch nicht rückversichert werden, denn bei einer Pandemie sind alle gleichzeitig betroffen; der Grundsatz, dass die Prämien von vielen die Schäden von wenigen decken, ist ausser Kraft gesetzt.

Partnerschaft mit Anlaufschwierigkeit

Gerade weil das so ist, haben Politik, Wirtschaft, Bevölkerung und die Ver sicherer ein grosses gemeinsames Inte resse, rein privatwirtschaftlich nicht versicherbare Toprisiken im Voraus zu debattieren, Lösungen zu finden und sie proaktiv umzusetzen. Dabei geht es nicht nur um Pandemien, sondern auch um Ereignisse wie globale Cyberattacken, Terroranschläge und grossflächige Stromausfälle oder Strommangellagen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (Babs) schätzt viele dieser Risiken als hoch ein und attestiert ihnen ein grosses Schadenpotenzial. Auch wenn es punktuelle Versicherungslösungen gibt, ist bei diesen Gefahren eine vollumfängliche Abdeckung durch die Privatversicherer nicht möglich. Für Toprisiken müssen deshalb, nebst einem umfassenden Risikomanagement und einer breit abgestützten Prävention, andere Lösungen gefunden werden, um Betroffene im Schadenfall zu unterstützen.

Der Versicherungsverband SVV betont in seinem Bericht «Versicherbarkeit von Toprisiken», dass für solche Gefahren partnerschaftliche Lösungen gefunden werden müssen, damit sie für Wirtschaft und Gesellschaft tragbar bleiben. Und: Die Versicherungswirtschaft könne und wolle einen Beitrag dazu leisten (siehe auch das Interview mit SVV-Direktor Thomas Helbling auf Seite 51). Das Konzept einer Public Private Partnership (PPP) drängt sich geradezu auf – könnte man meinen.

Bereits im Rahmen der Corona-Pandemie kam es zu Diskussion. Die Bundesverwaltung erarbeitete gemeinsam mit der Versicherungswirtschaft Lösungsansätze, wie Pandemien künftig versichert werden könnten. «Zum grossen Bedauern der Versicherungswirtschaft», so der SVV, habe der Bundesrat jedoch beschlossen, das Konzept einer gemeinschaftlichen Pan demieversicherung vorerst nicht weiter zuverfolgen. Der SVV ist weiterhin überzeugt, dass eine Zusammenarbeit zwischen Bund und Privatwirtschaft die beste Lösung ist, um Toprisiken proaktiv zu begegnen.

Die Idee: Der Bund könnte die Rolle eines Rückversicherers einnehmen, derweil die Versicherungswirtschaft grosse Erfahrung darin hat, Risiken zu er kennen und deren Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenausmass zu bewerten. Versicherer können ihre Expertise, die Infrastruktur und die Kundenbeziehungen in eine solche Zusammenarbeit einbringen. Gerade für den Schadenprozess sind personelle Ressourcen, ein ausgeprägtes Fachwissen und eingespielte Abläufe ausschlaggebend. Gemäss Ver siche rungsverband können die Schadenmeldungen nur so auch innerhalb von kurzer Zeit abgewickelt werden. Über etablierte Mechanismen lässt sich die Anspruchsberechtigung gezielt ermitteln. «Eine solche Lösung schafft Trans parenz, Planbarkeit und Rechtssicherheit und hat somit entscheidende Vorteile gegenüber Ad-hoc-Massnahmen, wie sie während der Coro-na-Pandemie zum Einsatz gekommen sind», schreibt der SVV in seinem Bericht. Dass solche Lösungen funktionieren können, zeigt sich anhand des Elementarschadenpools, der seit Jahrzehnten wertvolle Dienste leistet.

Kleiner Aufwand, hoher Nutzen

Egal, ob Strommangellage, eine neue Pandemie oder eine flächendeckende Cyberattacke: Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis das nächste Grossereignis folgt. Offen ist, wie die Schweiz in Zukunft mit solchen Toprisiken umgehen wird. «Manche verstehen die Schweiz quasi als eine Vollkaskogesellschaft, in der der Staat dafür sorgt, dass niemand mehr ein grösseres Risiko selber tragen muss», sagt der Chef des Elementarschadenpools, Eduard Held.

In «schmerzlichem Widerspruch» dazu stehe die Erfahrung nach jeder unerwarteten Katastrophe, dass dies nicht möglich ist. Held betont: «Es kann keine Null-Risiko-Gesellschaft geben.» Umso wichtiger sei es, für jede Reduktion des Risikos eine Kosten-Nutzen-Abwägung durchzuführen. Eine wichtige Rolle übernehme auch die Prävention, wie nicht zuletzt die Corona-Pandemie gezeigt habe: «Wer sich selbst und andere schützt, kann damit die Eintretenswahrscheinlichkeit, aber auch das Schadenausmass beim Eintreffen des Ereignisses vermindern.

Auch bei Naturgefahren bestehen sehr effektive Präventionsmassnahmen. Als Beispiele nennt der Geschäftsführer des Elementarschadenpools eine sinnvolle Raumplanung, erdbebensicheres Bauen oder Hochwasserschutz. «Oft lohnt sich die Prävention, weil Vorbeugungsmassnahmen ein ausgezeichnetes Aufwand-Nutzen-Verhältnis beinhalten können: Der eingesparte Schaden ist über die Zeit oft viel grösser als der für die Prävention erforderliche Aufwand.»

Mit unbekannten Risiken leben

Eduard Held geht davon aus, dass das Coronavirus den Umgang der Gesellschaft mit Grossrisiken verändern wird. «Die Corona-Krise hat uns auf schmerzliche Art und Weise in Erinnerung gerufen, dass wir mit unbekannten Risiken leben müssen und nicht jede Unsicherheit ausschliessen können. Zudem zeigt sie uns, wie verletzlich wir als Gesellschaft sind.»

Bundesrätin Viola Amherd, Chefin des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), schreibt zwar im Bericht «Nationale Risikoanalyse Katastrophen und Notlagen Schweiz» (KNS), dass «Risikoanalysen allein die Schweiz noch nicht sicherer machen, doch sie helfen, den Handlungsbedarf zu identifizieren». Es gelte nun, «diese Hinweise zu nutzen, um gemeinsam unser Land noch besser zu schützen».

Die Top-Ten Risiken: Strom-Mangellage bis Trockenheit

Ranking Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (Babs) hat in seiner nationalen Risikoanalyse die zehn grössten Risiken für die Schweiz definiert. Dabei handelt es sich um folgende Ereignisse (Reihenfolge gemäss Schadenerwartungswert): 


• Strom-Mangellage 
• Grippepandemie 
• Ausfall Mobilfunk 
• Hitzewelle 
• Erdbeben 
• Stromausfall 
• Sturm 
• Ausfall Rechenzentrum 
• Andrang Schutzsuchender 
• Trockenheit

Das Risiko ist eine Modellvorstellung zur Bewertung von Gefährdungen. Es beruht grundsätzlich auf zwei Grössen:

• Schadenausmass: Welche Schäden sind zu erwarten – und wie gross sind diese?
• Eintrittswahrscheinlichkeit beziehungsweise Häufigkeit eines Ereignisses: Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Ereignis in einem bestimmten Zeitraum (z. B. innerhalb von zehn Jahren) eintritt, respektive wie häufig ist das Ereignis zu erwarten?

Weitere Infos: www.risk-ch.ch