Die Rückversicherungsbranche ist auf dem besten Wege, sich zu einer digitalen Service-Industrie zu entwickeln. Rückversicherer erneuern ihre eignen digitalen Systeme, bauen digitale Partnerschaften auf und avancieren selbst zu System- und Technologieanbietern. Was bei der Avantgarde der Rückversicherung zu beobachten ist, hat disruptives Potenzial. Deckungslösungen werden immer enger mit Technologie verknüpft. Dabei schlüpfen die Rückversicherer in neue Rollen, vom Industrie- oder klassischen Direktversicherer für Privatkunden bis hin zu Assekuradeur oder Managing Agent. Dass man mit digitalen Rückversicherungs-Services auch Geld verdienen kann, ist allerdings noch nicht erwiesen. 

Digitale Skills sind ein «Muss»

«Die Rückversicherer stehen unter Anpassungsdruck. Um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, müssen sie sich in den kommenden zehn Jahren noch stärker digitalisieren und ihre Geschäftsmodelle anpassen», stellt Uwe Carl von der ZHAW School of Management and Law fest. Das Zürcher Institut für Risk & Insurance hat Rückversicherungsmanager zu Kompetenzlücken bei Rückversicherern befragt. Dass in Zukunft fast alle Mitarbeitenden der Rückversicherungsbranche über fortgeschrittene digitale Skills verfügen müssen, scheint demnach Konsens zu sein. 

Die Marktführer gehen mit Macht voran

Die Marktführer gehen mit Macht voran, teils über partnerschaftliche Modelle, teils mit Eigenentwicklungen. Swiss Re Corporate Solutions beispielsweise hat eine Plattform für die Verwaltung internationaler Industrieversicherungsprogramme geschaffen. Die International Program Administration Platform (IPA) wird bereits beim deutschen Versicherer Württembergische implementiert, bei der finnischen Lähitapiola und beim Industriebroker Brokerslink. Die Munich Re unterstützt mit dem von der Munich Re Automation Solution geschaffenen Tool Allfinanz asiatische und nordamerikanische Lebensversicherer beim Underwriting. Durch den extensiven Einsatz von Data Analytics und vorausschauender Modellierung unter Einsatz von maschinellem Lernen erlaubt das Tool Lebensversicherern, Underwriting-Entscheidungen unmittelbar beim Abschlussgespräch zu treffen. Vier Lebensversicherer haben nach Angaben der Munich Re bereits in der Entwicklungsphase mitgemacht, jüngst kam der kanadische Lebensversicherer Sun Life hinzu. «Der Ruf nach datengesteuerten und automatisierten Prozessen im Underwriting von Versicherungen wächst», sagt Colm Kennedy von Munich Re Automation Solutions. 

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Vom Excel-Sheet zum Data Lake

Datenmanagement hat insbesondere die Munich Re als ein wichtiges Handlungsfeld identifiziert. Munich Re hat deshalb einen Data Lake geschaffen. Der Data-Lake erleichtert dem Marktführer, Risiken zu verstehen und datengetriebene Services für Erstversicherer anzubieten. «Wir verfügen über einen einzigartigen Risikodatenschatz. Um diesen zu heben, haben wir unsere bislang dezentral gehaltenen Daten in einen Data Lake migriert», sagt Andreas Kohlmaier, Head of Data Engineering bei Munich Re. Umfangreiche Risikodatenbanken gehören traditionell zu den entscheidenden Wettbewerbsvorteilen von Rückversicherern. Mit den neuen Data Lakes sind diese Informationen in neuen Dimensionen nutzbar. 

Datenpool für Telematiktarife 

Die Scor, Nummer fünf der Rückversicherungen, will sich auf Telematikdaten spezialisieren. Telematikbasierte Kfz-Versicherung steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Die Versicherer tasten sich bei der Interpretation der dadurch generierten Daten vor, um sie gezielter bei der Tarifierung einsetzen zu können. Die Scor hat bereits vor vier Jahren damit begonnen, in Kooperation mit der aktuariellen Beratung MSK einen Datenpool für Telematiktarife aufzubauen. Sechs deutsche Versicherer machen bereits in der Testphase mit. Die Scor legt einen starken Fokus auf digitale Lösungen für die Personenversicherung. So hat der Rückversicherer zusammen mit Bayer und der KI-Plattform von One Drop eine Plattform geschaffen, die an Diabetes erkrankte Menschen beim Management ihrer Krankheit unterstützt. In weiteren Partnerschaften investiert die Scor in die auf Medizindaten spezialisierte US-Gesellschaft Human API, die mit ihren Lösungen den Austausch individueller Gesundheitsdaten erleichtert. Ein weiteres Beispiel ist das Investment der Scor ist das französische Unternehmen Bio Serenity, das mithilfe von IoT-Geräten chronisch erkrankten Menschen den Alltag erleichtert.

Partnerschaftliche Modelle

Als Mittler zwischen Insurtechs und Versicherern positioniert sich die Hannover Rück. Ihre Online-Plattform Equarium verschafft Versicherern Zugang zu 141 technologischen Lösungen in den Bereichen Vertrieb, Produkte, Kunden und Schaden. «Wir müssen unsere Fähigkeiten in Data Analytics und Automatisierung ausbauen, deshalb werden digitale Innovationen und Partnerschaften zunehmend wichtiger», sagt Unternehmenschef Jean-Jacques Henchoz. 10 Prozent der Mitarbeiter der Hannover Rück arbeiten in der IT. Ein Fokus der Hannoveraner liegt auf parametrischen Versicherungen, bei denen der Schadenfall durch einen Index ausgelöst wird. Um das Angebot an kostengünstigen parametrischen Policen über Public Private Partnerships auszuweiten, baut die Hannover Rück mit dem Indexanbieter Global Parametrics einen Natural Disaster Fund für Deutschland auf, über den Naturkatastrophen und Klimarisiken in Entwicklungsländern gedeckt werden sollen. 

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Grosse Dynamik im Markt

Technologie spielt nicht nur bei der Ausweitung der Grenzen der Versicherbarkeit eine entscheidende Rolle, sondern auch bei der Prävention und Schadenschätzung. Digitale Lösungen werden vor allem in der Industrieversicherung entwickelt und für das Management grossflächiger Naturkatastrophen, beispielsweise Orkane und Waldbrände. Die Dynamik ist gross und es entstehen viele neue Geschäftsmodelle. Es bleibt allerdings noch abzuwarten, ob aus den Innovationen und technologischen Lösungen auch Profitzentren entstehen. Grosse Hoffnungen knüpft man bei der innovationsfreudigen Swiss Re an den digitalen B2B2C-Versicherer Iptiq, der weltweit für 40 Versicherer digitale White-Label-Versicherungen anbietet. Im vergangenen Jahr generierte das in Luxemburg angesiedelte Unternehmen bereits 370 Millionen US-Dollar an Prämie. Das Angebot erfreut sich grosser Beliebtheit und wächst kräftig. Hält der Boom an, könnte das Unternehmen zur Cashcow avancieren.

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