Viele Erwerbstätige machen sich kaum Gedanken über ihre Vorsorge, solange alles rundläuft. Oft ist erst eine Krankheit, eine Trennung oder ein Todesfall der Grund, warum sie sich mit dem Thema beschäftigen. Insbesondere Frauen, die ihr Pensum wegen der Kinder reduzieren, unterschätzen die Situation, wie Erfahrungen aus der Praxis zeigen.

In der Schweiz hat Teilzeitarbeit an Bedeutung gewonnen. So ist der Anteil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit einem Beschäftigungsgrad von weniger als 90 Prozent in den vergangenen 20 Jahren deutlich gestiegen. Laut dem Bundesamt für Statistik bedeutet Teilzeitbeschäftigung jedoch auch häufig ungesicherte Arbeitsverhältnisse, schlechtere soziale Absicherungen sowie geringere Karrierechancen und Möglichkeiten zur Weiterbildung.

Autorin:
Romina Mutter ist Vorsorgespezialistin beim VZ Vermögenszentrum.

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Zudem: Wer Teilzeit arbeitet, zahlt weniger in die berufliche Vorsorge ein. Die Folge sind zum Teil grosse Lücken in der Pensionskasse. Problematisch ist das, wenn Frauen längere Zeit in einem Arbeitspensum von weniger als 50 Prozent arbeiten. Eine Studie der Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten (SKG) und der Universität Lausanne zeigt: Die Wahrscheinlichkeit ist dann gross, dass die Frauen im Alter von ihrem Partner finanziell abhängig sind oder mit dem Existenz­minimum auskommen müssen. 

Ein Beispiel: Eine 35-jährige Frau mit einem jährlichen Einkommen von 90’000 Franken reduziert ihr Arbeitspensum von 100 auf 50 Prozent, weil sie Mutter wird. Das reduzierte Pensum behält sie 20 Jahre bei. Erst mit 55 Jahren stockt die Mutter ihr Pensum wieder auf 100 Prozent auf. Die finanziellen Folgen sind einschneidend: Hätte die Frau bis 64 immer Vollzeit gearbeitet, hätte sie in ihrer Pensionskasse 367’507 Franken angespart. Mit dem reduzierten Pensum sind es aber nur 233'393 Franken. Das sind 36 Prozent oder über 134’000 Franken weniger (siehe Tabelle).

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Quelle: VZ Vermögenszentrum

Pensionskasse: Fatale Auswirkungen des Koordinationsabzugs

Dass Teilzeitarbeitende teilweise massiv weniger Leistungen aus der Pensionskasse erhalten als Vollzeitangestellte, ist insbesondere auch auf den sogenannten Koordinationsabzug zurückzuführen. Der Begriff klingt sperrig, aber harmlos. Doch im Alter bekommen Teilzeitarbeitende zu spüren, wie mager ihre Vorsorge wegen des Koordinationsabzugs ausfällt. Warum ist das so? 

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Eine Frau, die Teilzeit arbeitet, muss mindestens 21’330 Franken im Jahr verdienen, damit der Arbeitgeber sie über­haupt in die Pensionskasse aufnimmt und Beiträge zahlt. Für die Höhe der Beiträge ist der Koordinationsabzug von aktuell 24’885 Franken entscheidend. Dieser Betrag wird vom Einkommen abgezogen, um den sogenannten «versicherten Lohn» zu ermitteln.

Wer also 40'000 Franken verdient, ist mit 15'115 Franken versichert (Einkommen von 40’000 Franken minus 24’885 Franken Koordinationsabzug). Nach diesem Lohn richten sich die Beiträge sowie die Alters-, Kinder-, Hinterbliebenen- und Invalidenrenten.

Ein grosser Vorteil ist es darum, wenn die Pensionskasse des Arbeitgebers auch tiefere Löhne versichert oder Rücksicht nimmt, indem sie den Koordinationsabzug dem Beschäftigungsgrad anpasst. Wer dann mit einem Pensum von 60 Prozent 40’000 Franken verdient, kommt auf einen versicherten Lohn von 25’069 Franken – statt wie im Beispiel oben auf 15’115 Franken. 

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Die BVG-Reform will den Koordinationsabzug künftig anpassen (siehe Box «BVG-Reform 2022»). Wer eine neue Teilzeitstelle sucht, sollte aber weiterhin prüfen, ob das Vorsorgereglement des potenziellen Arbeitgebers «teilzeitfreundlich» ist – zum Beispiel, indem es den Koordinationsabzug proportional dem Beschäftigungsgrad anpasst.

Es kann sich auch lohnen, wenn man mit dem jetzigen Arbeitgeber über die Möglichkeiten eines reduzierten Koordinationsabzugs spricht. Einige Arbeitgeber können das ablehnen, weil sie höhere Beiträge zahlen müssen – andere sind aber kulant und kommen Teilzeitarbeitenden entgegen.

Nicht zuletzt sollte man alle Möglichkeiten nutzen, um freiwillig in die Pensionskasse einzuzahlen. Immer wieder ist die Meinung zu hören, dass solche PK-Einkäufe nur etwas für Besserverdienende seien, weil diese grössere Summen überweisen könnten. Doch PK-Einkäufe können sich auch mit kleineren Beträgen lohnen.

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BVG-Reform 2022: Koordinationsabzug soll angepasst werden

Die steigende Lebenserwartung und das tiefe Zinsumfeld machen den Pensionskassen zu schaffen. Auf Einladung des Bundesrates haben der Arbeitgeberverband (SAV), der Gewerkschaftsbund (SGB) und Travail.Suisse einen Vorschlag zur Revision der 2. Säule gemacht. Ende Mai ist die Frist für die Vernehmlassung abgelaufen. 

Die vorgeschlagene Reform hat zum Ziel, das System finanziell zu stärken und dabei die Renten zu sichern. Zu den Eckwerten der Vorlage gehört unter anderem die Anpassung des Koordinationsabzugs, der von 24’885 Franken auf 12’443 Franken halbiert werden soll. Das führt zu einem höheren versicherten Lohn. Die Vorteile: Einerseits sollen Teilzeitmitarbeitende – und damit viele Frauen – künftig bessergestellt werden. Anderseits soll die Renten­reduktion aufgrund des tieferen Um­wandlungssatzes verringert werden.
 

Säule 3a – freiwillig vorsorgen lohnt sich

Auch wenn eine Pensionskasse «teilzeit­freundliche» Regelungen zulässt, bleibt die Vorsorge für viele Teilzeitarbeitende aber ungenügend. Oft bleibt nur die 3. Säule, um Lücken zu schliessen. In die Säule 3a kann einzahlen, wer ein AHV-pflichtiges Einkommen erzielt. Teilzeitarbeitende mit Pensionskassenanschluss können höchstens 6826 Franken überweisen. Ohne Pensionskasse sind es 20 Prozent des Einkommens, höchstens aber 34 128 Franken.

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Einzahlungen in die Säule 3a bringen in der Regel auch finanzielle Vorteile, denn sie lassen sich vom steuerbaren Einkommen abziehen. Verpasste Jahre können allerdings nicht nachgeholt werden. Darum wünschen sich viele eine Flexibilisierung: Wer in einem bestimmten Jahr nicht in die private Selbstvorsorge einzahlen kann, sollte dies später nachholen dürfen – wie bei einem Einkauf in die Pensionskasse. Gerade Frauen, die einen Erwerbsunterbruch haben, würden davon profitieren. Die gute Nachricht: Eine solche Reform der Säule 3a ist im Gange (siehe Box «Finanzielle Vorteile»).

Wer seine 3. Säule aufbaut, sollte regelmässig prüfen, wie gut sie rentiert. Wer heute sein Guthaben auf einem 3a-Konto lässt, wird sozusagen bestraft. Denn im Schnitt verzinsen Banken 3a-Konten nur noch mit 0,16 Prozent, wie ein Vergleich bei 60 Banken zeigt. Die Inflation war in den letzten Jahren meist höher, sodass man jährlich an Kaufkraft verliert. Und auf dem Konto wachsen die Guthaben kaum noch, weil der Zinseszinseffekt praktisch wegfällt.

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Auf einen grünen Zweig kommt eigentlich nur, wer in Wertschriften investiert. Darum haben viele Banken in den letzten Jahren 3a-Fonds lanciert – einige davon mit einem hohen Aktienanteil. Mit solchen Fonds nimmt man zwar stärkere Wertschwankungen in Kauf, langfristig erzielen sie aber deutlich mehr Rendite als 3a-Konten.

Achtung: Oft handelt es sich aber um aktiv gemanagte Fonds, die hohe Gebühren verursachen. Einige Banken ziehen von der Rendite 1,5 Prozent oder mehr ab. Darum lohnt es sich, eine passive Lösung mit sogenannten Exchange Traded Funds (ETF) zu prüfen, die in der Regel viel günstiger ist. Tiefe Gebühren führen zu einer höheren Rendite und damit zu einem höheren Altersguthaben.

Finanzielle Vorteile: Säule 3a wird immer wichtiger

Angesichts der drohenden Rentenkürzungen wird es immer wichtiger, dass man seine Vorsorge selbst in die Hand nimmt und aktiv mitgestaltet. Wer zum Beispiel Einkäufe in die Pensionskasse tätigt, kann sein Altersguthaben erheblich aufbessern und gleichzeitig Steuern sparen. Künftig sollen solche Einkäufe auch in der Säule 3a möglich sein. Wer in früheren Jahren nicht in der Lage ge­wesen ist, in die Säule 3a einzuzahlen, soll das später nachholen können. Und: Die höheren Einzahlungen sollen vom steuerbaren Einkommen abgezogen werden können. Der Nationalrat stimmte im Juni einer entsprechenden Motion zu. Nun muss der Bundesrat eine Gesetzesvorlage ausarbeiten, um die Forderung umzusetzen.

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AHV-Rente nicht überschätzen

Wer Teilzeit arbeitet oder das Pensum reduzieren möchte, sollte auch sorgfältig prüfen, was das für die Absicherung in der 1. Säule bedeutet. Bei der AHV ist die Beitragsdauer für die Berechnung der Rente zentral. Die Maximalrente von 2370 Franken im Monat bekommt, wer im Schnitt ein Jahreseinkommen von mindestens 85’320 Franken erzielt und keine Beitragslücken hat. Frauen, die Teilzeit arbeiten, schaffen das kaum. Oft erhalten sie das Minimum von 1185 Franken.

Darum ist es wichtig, dass sie Beitragslücken vermeiden, denn für jedes fehlende Beitragsjahr wird die Rente anteilsmässig gekürzt. Auch wer nicht arbeitstätig ist, muss sogenannte Beiträge für Nichterwerbstätige bezahlen. Für Verheiratete entfällt die Beitragspflicht, sofern der Ehepartner im Sinne der AHV berufstätig ist und Beiträge in der Höhe von mindestens 964 Franken pro Jahr entrichtet (doppelter Mindestbeitrag).

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Bei unverheirateten Lebenspartnern ist ein Ausgleich der AHV-Beiträge durch den berufstätigen Konkubinatspartner aber nicht vorgesehen. Im Falle einer Trennung werden die AHV-Beiträge auch nicht hälftig geteilt – es gibt kein Splitting wie bei Eheleuten. Deswegen sind Konkubinatspartner deutlich schlechtergestellt, wenn sie Teilzeit oder gar nicht arbeiten.

Fazit: Die Entscheidung, dank Teilzeitarbeit Erwerbstätigkeit mit Familie und Kindern zu vereinbaren, hat Konsequenzen auf die finanzielle Lage vor und nach der Pensionierung. Aus diesem Grund empfiehlt die Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten Frauen und Männern, frühzeitig zu prüfen, wie sich Teilzeitarbeit langfristig auf ihre Vorsorgeleistungen auswirkt. Wer durchschnittlich mindestens zu 70 Prozent erwerbstätig sei, gehe die geringsten finanziellen Risiken ein, selbst im Falle einer Scheidung.

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