Länder weltweit sind auf Leistungen angewiesen, deren Grundlage natürliche Ökosysteme sind. Sogenannte Biodiversity and Ecosystem Services schliessen lebensnotwendige Dinge mit ein wie eine sichere Nahrungsmittel- und Wasserversorgung und die Regulierung der Luftqualität, die für den Erhalt der Gesundheit und der wirtschaftlichen Stabilität wichtig sind. So weit, so klar. Doch jedem fünften Land weltweit droht der Zusammenbruch seiner Ökosysteme, weil die Biodiversität und die damit verbundenen nützlichen Leistungen schwinden. Gefährdet sind sowohl Entwicklungs- als auch Industrieländer. Das zeigt eine aktuelle Studie des zum Rückversicherer Swiss Re gehörenden Swiss Re Institute.

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Am Gipfeltreffen der Vereinten Nationen zur Biodiversität vom vergangenen September wurden «dringende Biodiversitätsschutzmassnahmen für eine nachhaltige Entwicklung» gefordert, weil die weltweiten Bemühungen um Verbesserungen in diesem lebenswichtigen Bereich weit hinter den UN-Zielen zur Eindämmung des Biodiversitätsverlusts zurückgeblieben sind. Um das Verständnis für diese globale Thematik zu fördern, hat das Swiss Re Institute den BES-Index (Biodiversity and Ecosystem Services) entwickelt. Mit diesem Index können Unternehmen und Regierungen weltweit den Zustand lokaler Ökosysteme, auf denen ihre Wirtschaft basiert, vergleichen. Der Clou dabei: Versicherer können diese Daten nutzen, um entsprechende Versicherungslösungen zum Schutz von Bevölkerungsgruppen zu entwickeln, die durch schlecht funktionierende BES gefährdet sind.

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Der BES-Index ermöglicht sowohl eine sehr lokalisierte Analyse der zehn BES-Kategorien als auch eine weltweite Betrachtung von Biodiversitäts- und Ökosystemleistungen in einzelnen Ländern oder Regionen.

Quelle: Swiss Re

Basis für die Wirtschaft

Die Erkenntnisse aus dem Index verdeutlichen, wie wichtig der Schutz und die Wiederherstellung der Natur für das Funktionieren der Wirtschaft sind. Unter den Top Ten der Länder mit fragilen Ökosystemen und starker Abhängigkeit des BIP von BES stechen die ressourcenreichen Entwicklungsländer mit grossem Agrarsektor hervor, darunter Kenia, Vietnam, Pakistan, Indonesien und Nigeria. Allgemein kann festgehalten werden: Je stärker die Länder vom Agrarsektor abhängig sind, desto grösser ist die Anfälligkeit für eigentliche «BES-Schocks».

Die Studie weist auf die Gefahr hin, dass diese Länder bei Störungen wichtiger natürlicher Ressourcen kritische Kipppunkte erreichen könnten. Um dies zu verhindern, ist eine weitere wirtschaftliche Diversifizierung wichtig, verbunden mit Bemühungen um den Naturschutz.

Grosse Volkswirtschaften in Südostasien, Europa und Amerika, die bereits über eine diversifizierte Wirtschaft verfügen, sind gegenüber einem BES-Rückgang exponiert, weil wichtige Branchen von einzelnen BES-Faktoren beeinträchtigt werden können. Wasserknappheit etwa kann sich disruptiv auf das verarbeitende Gewerbe, den Immobiliensektor und die Lieferketten eines Landes auswirken.

Der Bericht zeigt auf, dass Naturschutzmassnahmen wesentlich zur Bewältigung der BES-Herausforderungen beitragen können. Zwei Beispiele: Die Sanierung der Ökosysteme an der Küste von Louisiana könnte die erwarteten Kosten infolge Überschwemmungen um jährlich 5,3 Milliarden Dollar reduzieren. Oder: Schritte zur weltweiten Sicherstellung funktionierender Korallenriffe könnten die geschätzten Hochwasserschäden bei Jahrhundertstürmen senken, die sonst weltweit um 91 Prozent zunehmen würden.

So funktioniert der Index

Der BES-Index von Swiss Re bietet eine ganzheitlichere, vergleichende Sicht des weltweiten Zustands der Biodiversity and Ecosystem Services. Er aggregiert Daten aus zehn verschiedenen BES-Kategorien: Wassersicherheit, Holzversorgung, Nahrungsmittelversorgung, Intaktheit von Lebensräumen, Bestäubung, Bodenfruchtbarkeit, Wasserqualität, Regulierung von Luftqualität und Mikroklima, Erosionskontrolle und Küstenschutz. Die aggregierten Daten werden für den gesamten Globus mit einer Auflösung von einem Quadratkilometer zur Verfügung gestellt. Dies ermöglicht sowohl eine sehr lokalisierte Analyse der zehn Kategorien als auch eine weltweite Betrachtung der BES in einzelnen Ländern oder Regionen.

«Durch den Einsatz des BES-Index des Swiss Re Institute als Entscheidungsgrundlage in Underwriting und Vermögensverwaltung werden Unternehmen und Kapitalanlagen widerstandsfähiger», kommentiert Jeffrey Bohn, Chief Research Officer von Swiss Re. «Dieser Index unterstreicht auch den enormen Bedarf an entsprechenden naturbasierten Versicherungslösungen. Er wird ein neues Geschäftssegment für die Versicherungswirtschaft eröffnen und damit die Widerstandsfähigkeit betroffener Regionen und Gemeinden stärken.»

Transparente Risikobewertung

Swiss Re wird den Index im Rahmen von CatNet – dem Online-Naturgefahrenatlas von Swiss Re – zur Verfügung stellen. Anhand der Erkenntnisse aus dem BES-Index des Swiss Re Institute können die Kunden ihre Risikoauswahl um den Nachhaltigkeitsaspekt erweitern und fundiert entscheiden, ob ihre Prämien dem Risiko langfristig angemessen sind. Wenn eine transparente Risikobewertung für BES zur Verfügung steht, wird dies wiederum den Markt für naturbasierte Versicherungslösungen öffnen, sodass Regierungen ökologische Ressourcen mithilfe von Risikotransfermechanismen unmittelbar schützen können.

«Wenn die Menschheit die natürliche Umwelt als Grundlage für Leben, Evolution, Nahrung, Unterkunft, medizinische Versorgung, kulturelle und religiöse Inspiration verliert, was bleibt dann übrig?», fragt Oliver Schelske rhetorisch. Schelske ist Forschungsleiter des Swiss Re Institute Natural Assets & ESG und gibt auch gleich die Antwort: «Wir würden in einer Welt leben, die noch stärker betroffen ist von extremem Wetter, Verlust des Lebensunterhalts und Nahrungsmittelknappheit sowie einer weniger widerstandsfähigen Weltwirtschaft. Wir können gemeinsam gegen den Verlust der Natur vorgehen, indem wir beispielsweise den Schutz von Korallenriffen oder Mangroven ermöglichen oder in Grün- oder Grünflächen investieren oder in ökologische Infrastrukturen.»