Unzählige Insurtech-Startups wollen mit Online-Versicherungsangeboten den Markt neu gestalten. Meist geht es um einfache, standardisierte Prozesse für den Privatkonsumenten und die Privatkonsumentin, wie beispielsweise den Abschluss einer Fahrradversicherung oder die Meldung eines Schadens am Auto.

Aber wie lässt sich die komplexe Risikoabschätzung für den Bau einer Eisenbahnbrücke digitalisieren? Wie bildet man den Underwriting-Prozess für Flugzeug- oder Kunstversicherungen digital ab? Unternehmens- und Spezialversicherungen zählen zu den anspruchsvollsten Bereichen eines Versicherungsunternehmens. Nur wenige Versicherungen in der Schweiz sind überhaupt in der Lage, derartige Risiken zu versichern. Dazu gehören grosse Unternehmen wie beispielsweise Helvetia, Zurich Versicherung, Axa oder die Mobiliar.

Vom Notizblock ...

Der Gotthard-Basistunnel wird nur einmal gebaut. Entsprechend fehlen die statistischen Erfahrungswerte: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Unfall im Bereich von 10 Millionen Franken ereignet? Wie hoch ist sie für einen Unfall im Bereich von 100 Millionen Franken? Und was ist überhaupt der grösstmögliche denkbare (oder undenkbare) Schaden?

Die Risiken für solche Ereignisse lassen sich ohne statistische Werte nicht oder nur sehr ungenau berechnen. Charakteristisch für Industrie- und Spezialversicherungen sind hohe Schadenpotenziale bei relativ geringer Eintrittswahrscheinlichkeit sowie kleine Stückzahlen an Policen mit hohen Prämien pro einzelner Police. Hinzu kommen eine hohe Komplexität des Risikos – beispielsweise bei grenzüberschreitenden Tätigkeiten des zu versichernden Unternehmens mit Niederlassungen im Ausland – sowie viele in dividuelle Wünsche der Kundinnen und Kunden. Diese erwarten für ihr Spezialrisiko eine massgeschneiderte Lösung und fordern dies über ihre Verhandlungsmacht auch ein. Bedingungen wie eben genannte führen dazu, dass einige Versicherungen dieses Geschäft bis heute manuell oder mittels Standard-Office-Software abwickeln: Notizen werden beim Kundenbesuch auf Papier erfasst, Prämienberechnungen werden in Excel-Sheets erstellt und die Police wird im Word geschrieben.

Mit Papiernotizen, Word und Excel ist eine durchgehende Digitalisierung der Prozesse mit allen Beteiligten und mit allen Systemen aber kaum möglich. Ganz zu schweigen von Trendthemen wie digitale Signatur, Blockchain und Machine Learning. In der Unternehmensversicherung ist man hiervon grösstenteils noch sehr weit weg. Bevor man sich jedoch über so etwas Gedanken macht, sollten zuerst die grundlegenden Prozesse digitalisiert werden.

... zur Blockchain

Wie könnte eine zeitgemässe IT-Lösung für die Industrieversicherung aussehen? Ein solches System lässt sich leicht skizzieren:

• Alle erforderlichen Daten werden strukturiert erfasst – kein Excel und Word mehr.

• Alle Versicherungsprozesse – wie Risikoprüfung, Angebotserstellung, Policierung – laufen durchgängig über die gleiche IT-Plattform.

• Alle involvierten Personen greifen auf diese einheitliche Plattform zu – kein Datenaustausch mehr per E-Mail oder über andere Kommunikationskanäle.

• Externe Systeme wie etwa ein Brokerportal werden über standardisierte Schnittstellen angebunden.

• Nachgelagerte Systeme wie die Schadenbearbeitung oder Ein-/Auszahlungen werden direkt mit Daten beliefert.

Eine solche einheitliche Plattform kann heute auf einer hochverfügbaren, sicheren und günstigen Hardware in der Cloud betrieben werden. Basierend auf dieser Underwriting-Plattform sind nun diverse Ausbauschritte möglich. So können beliebige Datenquellen – zum Beispiel Wetterdaten, Positionsdaten von Logistik gütern und so weiter – eingebunden werden. Die Weitergabe und Auswertung der Daten kann beispielsweise an Big-Data-Systeme mit künstlicher Intelligenz erfolgen. Über eine standardisierte Blockchain wie die B3i-Plattform können etwa Rückversicherungsdaten mit anderen Marktteilnehmern ausgetauscht werden. Die Möglichkeiten sind fast unbegrenzt und werden sich auch in Zukunft rasant weiterentwickeln.

Mensch bleibt wichtiger Faktor

Auch wenn die Unternehmensversicherung in vielen Bereichen digitalisiert und automatisiert werden kann, so wird der menschliche Faktor im Underwriting immer eine wesentliche Rolle spielen. Menschen können zuhören, verstehen, verhandeln und auch Entscheidungen anhand vieler Faktoren treffen. Dazu gehören gut aufbereitete Daten wie auch ein gesundes Bauchgefühl.

Dies ist ein HZ Insurance-Artikel

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