Zieht es Sie nicht wieder in die Kunstszene zurück?

Dorothea Strauss: Ich bin eine Kuratorin, die sich von Anfang an für mehr als «nur» Kunst interessiert hat. Das liegt wahrscheinlich auch an meinem naturwissenschaftlichen Interesse. Die Expertise des Zueinander-Stellens, Perspektiven aufzubauen, Stakeholder zusammenzubringen und mit Kritikern umzugehen, aber auch mit Geld – das interessiert mich. Alles unter einen Hut zu bringen ist die beste Basis für meinen jetzigen Job. Heute mache ich genau das, in einem wahnsinnig spannenden Kontext aus Forschung, Jugendentwicklung, Innovation und Kunst. Und das Aktionsfeld ist grösser.

 

Wie interpretiert die Mobiliar Ihr Aktionsfeld, also Corporate Social Responsibility (CSR)?

Jeder dritte Haushalt in der Schweiz ist bei uns versichert. Damit geht eine grosse Verantwortung einher, die zwei Facetten hat. Einerseits die unternehmerische – wir müssen erfolgreich wirtschaften, um unseren hohen Standard für unsere Kundinnen und Kunden zu halten. Die andere ist Nachhaltigkeit und Gesellschaftsengagement. Wir möchten einen Beitrag zur Gesellschaftsinnovation leisten.

Was bedeutet Gesellschaftsinnovation?

Etwas zu entwickeln, das weit über die Kundenbeziehung hinausgeht. Denn wir sind Teil der Schweiz und sprechen damit alle an, auch die Menschen, die nicht bei uns versichert sind. Gemeinsam müssen wir daran arbeiten, unsere Gesellschaft vor dem Hintergrund der aktuellen Fragestellungen wie der Digitalisierung und Nachhaltigkeit weiterzuentwickeln. Und das hat schon länger Tradition bei der Mobiliar.

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Sie meinen in der Geschichte des Unternehmens?

Als ich vor rund sechseinhalb Jahren hier bei der Mobiliar begonnen habe, durchforstete ich unser Archiv, um mich mit unseren Grundlagen, unserer Geschichte, anders gesagt: mit unserem Narrativ zu befassen. Und das war eben Engagement für die ganze Gesellschaft, zum Beispiel in Form von Präventionsprojekten. Das ist ja ebenfalls Teil unserer genossenschaftlichen DNS.

Das klingt spannend. Und trotzdem haben Sie den klassischen Begriff CSR gewählt.

Ich glaube, der Begriff passt, da er auf den Punkt bringt, worum es geht: unternehmerische und gesellschaftliche Verantwortung. Wir arbeiten ja nicht nur nach aussen – unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen diese Verantwortung genauso spüren.

«CSR-Abteilungen müssen aktiv sein, überzeugt sein von der Wichtigkeit der Tätigkeit für die Gesellschaft.»

Würden Sie aus heutiger Perspektive einen anderen Namen wählen?

Gute Frage. Wir denken stetig über die Weiterentwicklung unserer Begriffe nach. Die Schriftstellerin Hilde Domin hat einmal gesagt: «Worte tauchen auf und laufen sofort los.» Und da stellt sich natürlich die Frage: Schaffen wir es mit einem abstrakten Begriff wie CSR, die Herzen zu erreichen?

 

Warum die Herzen?

Weil ich überzeugt bin, dass Veränderung im Herzen beginnt. Nicht im Verstand. Doch offen gestanden, ist es am Ende egal, wie es heisst. Es kommt darauf an, wie man die CSR-Strategie umsetzt. Dafür möchte ich meine Energie einsetzen, nicht für das Naming.

 

Wie setzen Sie dieses Gedankengut in Ihrem Aufgabenbereich konkret um?

Die Recherche im Archiv war mein Ausgangspunkt. Danach gingen wir in einen Dialog mit den Menschen im Unternehmen, insbesondere in der dezentralen Struktur, sprich mit den Generalagentinnen und Generalagenten. Sie sind sozusagen unsere föderalistische Intelligenz. Nur im ständigen Dialog können wir dieses starke Potenzial der Organisation wirksam nutzen. Die Erkenntnisse haben wir nach und nach in unseren Ansatz integriert.

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Was war das Ergebnis?

Kurz gesagt eine Formel: V+K=I.

«‹Verantwortung + Kreativität = Innovation›. Innovation ist mit -Verantwortung gekoppelt.»

Das passt ja hervorragend zu einer Versicherung.

Ja … Die Formel bedeutet «Verantwortung plus Kreativität ist gleich Innovation». Im Gespräch mit verschiedenen Stakeholdern haben wir gemerkt, dass das funktioniert. Innovation ist bei uns klar mit Verantwortung gekoppelt. Wir merken, dass diese Gleichung verstanden wird und gut ankommt. Unsere Generalagenten nutzen sie zum Beispiel auch.

Das V passt sicher gut in Ihre Unternehmens-DNS und ist glaubwürdig. Aber Kreativität – bei einer Versicherung?

Auch die Kreativität ist Teil der Historie der Mobiliar. Unser Gründer hatte bereits in den 1820er Jahren die Idee, Werbung zu machen und ein Logo zu kreieren. Das war für damalige Verhältnisse und vor allem für eine Bauernversicherung ausgesprochen kreativ und neu.

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Sicherlich haben auch Sie eine Kreativitätsinfusion von aussen gegeben, oder?

Alle unsere Aktivitäten in den letzten Jahren waren sicherlich eine Art Initialzündung für die Veränderung der Mobiliar. Aber der fruchtbare Boden dafür war da. Nur die Interpretation von Verantwortung wurde geschärft.

Es kam sicher die Frage auf, was Kunst mit Verantwortung zu tun hat, oder?

Ja, immer wieder. Bedauerlicherweise wird der Begriff Kreativität meist einseitig gelebt. Die Unternehmen arbeiten ja nicht mit den wirklichen Kreativen zusammen – mit Künstlern, Schauspielern, Musikern und so weiter. Sondern Menschen im Unternehmen machen eine Weiterbildung in Kreativmethoden. Das ist ein bisschen, als ob man sein Herzproblem vom Ohrenarzt behandeln lässt. Aus meiner Sicht macht es viel mehr Sinn, die wirklichen Kreativen ins Unternehmen zu holen und die geschäftlichen Ideen mit ihnen zu diskutieren.

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Haben Sie deshalb so viel Kunst hier am Hauptsitz?

Was ich an der Kunst so schätze, ist, dass sie Hierarchien abbaut. Deshalb hat die Kunst hier viel Raum und wird zum Gesprächsgegenstand für alle Mitarbeitenden. Kunst kann die Reflexion trainieren – ist quasi ein Trainingsfeld für K wie Kreativität. Und auch für das V von Verantwortung. Denn Verantwortung braucht Partizipation. Und das wiederum heisst, man muss Bescheid wissen und sich mit aktuellen Fragestellungen auseinandersetzen. Mit Kunst lässt sich die Bereitschaft für Transformation hervorragend üben.

Wie haben die Menschen auf Ihren Ansatz reagiert?

Wir arbeiten dazu mit unserer Abteilung Human Development zusammen. Und meine Kollegin, Nathalie Bourquenoud, hat eine klare Vorstellung eines zeitgenössischen Unternehmens mit kreativer Power und Verantwortungsbewusstsein. Denn natürlich gab es im Unternehmen auch Widerstand gegen unser Vorhaben.

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Und heute?

Ein Teil ist sicher heute noch dagegen. Aber ich merke bei den meisten, am deutlichsten auf den Generalagenturen, dass sie stolz sind auf diese Verantwortung. Das finde ich bewundernswert und spannend. Und den Widerstand empfinde ich als erfrischend. Er zwingt dazu, sich selbst immer wieder auf den Prüfstand zu stellen.

Es wird nicht einfacher. Veränderung ist Normalzustand.

Und ich glaube, damit sind wir bei des Pudels Kern. Transformation ist nicht ein Übergang von einem Zustand in einen anderen. Sondern ein permanent andauernder Prozess. Und das setzt die Bereitschaft voraus, immer wieder bei sich selbst anzufangen. Stimmt mein Weg noch? Stimmen meine Entscheidungen?

 

Das klingt sehr anstrengend.

Natürlich schafft das eine gewisse Komplexität. Aber wir dürfen davor nicht wegrennen. Wir müssen diese Herausforderung annehmen und sie lustvoll und mit Spass und gleichzeitig mit Ernsthaftigkeit umsetzen. Da sind wir wieder bei V+K=I.

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Was ist Ihre Vision für die kommenden fünf bis zehn Jahre?

Mein Ziel ist, dass die Leute sagen: CSR bei der Mobiliar, das läuft anders. Die setzen sich wirklich für uns ein. Das heisst, wir wollen ein neues Modell schaffen, wie Unternehmen mit der Gesellschaft zusammenarbeiten können. Das ist für mich die Zukunft von CSR. Bei der Mobiliar, wo sich dieser Gedanke noch besser verankern soll, aber auch bei den anderen Unternehmen, die vielleicht von uns lernen können.

Das klingt ein bisschen so, als ob Sie eine Bewegung starten wollen.

Genau das möchte ich. Eine Bewegung für Gesellschaftsinnovation, die sich auf die ganze Schweiz, auf ganz Europa überträgt. Am besten auf die ganze Welt. CSR-Abteilungen müssen aktiv sein, überzeugt sein von der Wichtigkeit der Tätigkeiten für die Gesellschaft. Ohne überheblich zu denken, man wisse, wie es geht. Sondern ko-kreativ mit der Gesellschaft, mit den Menschen.

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Die Kuratorin

Dorothea Strauss (58) verbrachte den Grossteil ihrer Karriere in der Kunstszene, zuletzt als Direktorin des Museums Haus Konstruktiv in Zürich. 2013 wechselte sie zur Mobiliar nach Bern. Dort leitet sie, dem CEO unterstellt, die Abteilung Corporate Social Responsibility. Ihr Team ist von ursprünglich 3 auf mittlerweile 15 Mitarbeitende angewachsen. Strauss ist grosser Fan der Wissenschaften und überträgt die Inspiration und Erkenntnisse, die sie daraus gewinnt, auf den Kontext der Mobiliar.