Der schwedische Versicherungsmarkt hat eine lebendige Insurtech-Landschaft hervorgebracht. Die technologiegetriebenen Startups aus dem Norden Europas haben früh damit begonnen, weltweit zu expandieren. In dem technologisch sehr fortgeschrittenen Land haben die etablierten Versicherer hingegen noch Nachholbedarf.

Über lange Jahre befand sich der schwedische Versicherungsmarkt in einem Dornröschenschlaf. Stabile Marktverhältnisse sorgen für mehr als auskömmliche Margen. Schaden-Kosten-Quoten von unter 90 Prozent sind keine Seltenheit. Mit umgerechnet 40,9 Milliarden US-Dollar Prämieneinnahmen ist das 10-Millionen-Einwohner-Land Schweden laut Sigma die Nummer 20 der Versicherungsmärkte weltweit. Im vergangenen Jahr wuchs der schwedische Markt um satte 7,7 Prozent. Damit war Schweden der Wachstumschampion Europas und der am zweitstärksten wachsende Markt der Welt. Nur die Versicherer Südkoreas legten im Corona-Jahr 2020 stärker zu.

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Die schwedischen Versicherer haben von der zurückhaltenden Pandemiestrategie profitiert. Das Land hat viel später als andere strikte Massnahmen zur Corona-Bekämpfung umgesetzt. Während auf vielen Märkten das Lebengeschäft unter den eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten der Generalagenten und Makler litt, legten die Beitragseinnahmen im Altersvorsorgegeschäft in Schweden um 6 Prozent zu. Die positive Dynamik hält auch in diesem Jahr an.

Vermittler kommen bei Digitalisierung nicht hinterher 

Doch steigende Beitragseinnahmen und eine mehr als auskömmliche Schadenlast haben den Markt träge gemacht. Untersuchungen des dänischen Meinungsforschungsinstituts Epsi zeigen, dass die Kundenzufriedenheit auf dem schwedischen Versicherungsmarkt deutlich hinter der des dänischen Marktes zurückliegt. Grund dafür sind die Rückstände in der Digitalisierung und ein mangelhaft ausgearbeiteter Omnichannel-Vertrieb. Vor allem die Vermittler büssen in puncto Kundenzufriedenheit beständig ein. Die Zahl der Vermittler stagniert im 10-Millionen-Land bei etwa 3800. Zum Vergleich: Die Schweiz (8,6 Millionen Einwohner) hat mehr als 17’000 Vermittler. Wie auf so vielen Märkten leidet die Digitalisierung des Versicherungsvertriebs in Schweden unter mangelhaft ausgearbeiteten digitalen Schnittstellen zwischen Versicherern und Generalagenten sowie Brokern.

Als Folge bilden sich Monopole in der Vermittlung und Beratung aus: Der als Preisvergleichswebsite agierende Broker Compricer und der Industriemakler Söderberg & Partner verdanken ihre dominierende Stellung einer frühen und konsequenten Digitalisierungsstrategie. Durch den zum grössten Broker aufgestiegenen Compricer werden die Schweden darauf aufmerksam gemacht, dass man beim Thema Versicherung auch einmal ins Portemonnaie schauen sollte. Söderberg & Partner ist dank seiner digitalen Plattform zum dominierenden Industriebroker Schwedens aufgestiegen und gehört zu den Unternehmen mit den zufriedensten Kunden im Versicherungssektor. Jetzt hat das vor 17 Jahren gegründete Unternehmen umgerechnet etwa 250 Millionen Franken an frischem Kapital aufgenommen, um über die Landesgrenzen zu expandieren. Nach der Etablierung in Dänemark und Zukäufen in den Niederlanden und Finnland sondiert Unternehmensgründer Gustaf Rentzhog jetzt den deutschen und britischen Maklermarkt.

Insurtechs auf Eroberung

Angespornt durch den Erfolg des schwedischen Startups Spotify sind auch die Insurtechs stark auf internationale Expansion ausgerichtet. Das 2010 vom ehemaligen Mobilfunk-Manager Gustaf Agartson gegründete Insurtech Bima bietet Mikroversicherung in 13 Entwicklungsländern an. Das mit mehr als 100 Millionen Dollar finanzierte Startup vermittelt mit Unterstützung von Mobiltechnologie Versicherungen ihres Kapitalgebers Allianz und anderer Versicherer im Omnichannel-Vertrieb an. Bima versteht sich als «purpose-driven company» und zählt 31 Millionen Kunden. Das schwedische Insurtech Hedvig (digitale Wohngebäudeversicherung) ist in Norwegen, Dänemark und Frankreich tätig. Nach Paris hat es das Startup Insurello (digitale Unterstützung bei der Schadenmeldung) gezogen, das jetzt den deutschen Markt sondiert. Greater Than (Kfz-Telematik Versicherung) baut Aktivitäten in Grossbritannien (Zurich UK), in den USA und in Hongkong aus und sein Konkurrent Paydrive bereitet gerade einen Börsengang vor, um die Auslandexpansion zu finanzieren.

Trotz seinem kräftigen Bevölkerungswachstum gilt Schweden als abgeschlossener Markt, in dem ausländische Unternehmen einen sehr langen Atem brauchen. Die Zurich ist mit einem Marktanteil von 1,2 Prozent die Nummer neun am Markt. Mit 190 Mitarbeitern in Stockholm und weiteren Büros in den nordischen Ländern versichert sie knapp 1000 Industrieunternehmen, die Prämien schreibt sie für ihre irische Tochter. Neben der Zurich sind auch HDI, AGCS, Euler Hermes und Axa XL aktiv. Der Bootsversicherer Pantaenius (Allianz) verfügt über ein Büro im Hafenstädtchen Marstrand nördlich von Göteborg. 

Tryg übernimmt Trygg-Hansa und wird zur Nummer zwei

Jetzt kommt durch die Übernahme von Trygg-Hansa Bewegung auch in den traditionellen Markt. Der dänische Marktführer Tryg hat die Nummer vier des schwedischen Versicherungsmarktes von der britischen RSA erworben. Nun wollen die stark auf Effizienz ausgerichteten Dänen Trygg-Hansa mit der kleineren Moderna fusionieren. Die neue Nummer zwei der schwedischen Schadenversicherer soll digitaler und vor allem effizienter werden. Ein halbes Jahr nach der Übernahme haben die Dänen bereits 150 Initiativen für ihre stark gewachsenen Aktivitäten in Schweden definiert. Sie sollen Einsparungen von 900 Millionen Dänischen Kronen einbringen.     

Es zeichnet sich ab, dass die Fusion von Moderna und Trygg-Hansa sowohl die Digitalisierung des Marktes beschleunigen wird als auch dem Wettbewerb guttut. Tryg-Chef Morton Hübbe streitet ab, dass Preisnachlässe in seinem Expansionsstreben eine Rolle spielen. Doch im Zusammenspiel mit der Popularisierung von Preisvergleichen kündigen sich britische Verhältnisse an, zumindest ein ganz kleines wenig.

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Veränderung der Beitragseinnahmen und des BIP quartalsweise (Veränderung in%) – blau: Leben, gelb: Schaden, schwarz: BIP.

Quelle: Svensk Försäkring

HZ Insurance-Serie über internationale Versicherungsmärkte

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