Neue Daten zeigen, dass in der Versicherungsbranche neben Kohle zunehmend auch Öl und Gas ausgeschlossen wird. Die Organisation Campax und die internationale Kampagne Insure Our Future fordern aber ein höheres Tempo, um mit dem 1.5 Grad-Klimaziel vereinbar zu sein. Das richtet sich namentlich auch an die Schweizer Versicherungen Zurich und Swiss Re. 

Die internationale Kampagne Insure Our Future, zu der auch die Schweizer Organisation Campax gehört, hat am heutigen Mittwoch die jährliche Insurance Scorecard veröffentlicht. In dem internationalen Versicherungsranking werden die 30 grössten Versicherungen und Rückversicherungen hinsichtlich ihrer Klimamassnahmen bewertet. Massgebend sind die Ausschlusskriterien im Bereich Kohle, Öl und Gas.

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Erfreuliche Tendenz, zu niedriges Tempo

In ihren Schlussfolgerungen kommt die Allianz zum Ergebnis, dass Kohleprojekte zunehmend unversicherbar sind, zumindest ausserhalb von China. Eine grösser werdende Anzahl von Versicherungen schliesst zudem auch die Deckung von konventionellen Öl- und Gas-Projekten aus. Unter den Rückversicherungen haben inzwischen 62 Prozent Kohle- und 38 Prozent Öl- und Gas-Ausschlusskriterien.

Allerdings variiert die Qualität der Policies erheblich. Um mit dem 1.5 Grad-Pfad kompatibel zu sein, reichen die allermeisten Policies immer noch nicht aus. Im Vorfeld der Klimakonferenz COP27 fordern Campax und Insure Our Future deswegen, dass die Branche nun vollständig aus Kohle, Öl und Gas aussteigt und damit zeigt, dass sie bereit dazu ist, ihre Netto-Null-Verpflichtungen einzuhalten.

«Versicherungen sind die Achillesferse der fossilen Brennstoffindustrie und haben die Möglichkeit, den Übergang zu sauberer Energie zu beschleunigen.»

Peter Bosshard, Koordinator der Kampagne Insure Our Future 

 

Peter Bosshard, globaler Koordinator der Kampagne Insure Our Future und Hauptautor der Scorecard, sagt dazu: «Versicherungen sind die Achillesferse der fossilen Brennstoffindustrie und haben die Möglichkeit, den Übergang zu sauberer Energie zu beschleunigen. Alle Versicherungsunternehmen müssen ihr Geschäft unverzüglich auf die 1.5 Grad-Grenze des Pariser Abkommens ausrichten und die Versicherung neuer Kohle-, Öl- und Gasprojekte einstellen.»

Von den Schweizer Versicherungen wurden Swiss Re und Zurich bewertet. Swiss Re liegt wie bereits im Vorjahr auf Platz 4. Zurich ist von Platz 5 auf Platz 7 abgerutscht.

Swiss Re: Ambitionierte Öl- und Gaspolitik 

Der Rückversicherer Swiss Re hat im Frühjahr 2022 eine ehrgeizige Öl- und Gaspolitik verabschiedet. Neu schliesst sie die Rückversicherung von neuen sowie die Erweiterung von bestehenden Öl- und Gasprojekten aus; auch wenn sie Ausnahmen für Öl- und Gasunternehmen mit glaubwürdigen Netto-Null-Plänen zulässt.

Die Zurich Versicherung hat laut IOF-Bewertung zwar eine der stärksten Kohlepolitiken, aber eine schwache Öl- und Gaspolitik. Seit einem Policy-Update im November 2021 verpflichtet sie sich, die Versicherung für neue Ölförderungsprojekte («auf der grünen Wiese» oder «Greenfield») zu beenden, schliesst aber die Erweiterung bestehender Projekte nicht aus. 

Auch neue sowie die Erweiterung von bestehenden Gasförderprojekten versichert die Zurich uneingeschränkt. Eine genauere Analyse zeigt, dass die derzeitige Policy es der Versicherung erlaubt, bei der Öl- und Gasexpansion wie gewohnt weiterzumachen. 

«Mit ihrer Policy hinkt die Zurich ihrer Konkurrenz hinterher. Sie wird ihrem eigenen Anspruch, führend in Sachen Klima zu sein, nicht gerecht.»

Zoë Roth, Campaignerin bei Campax

 

Zoë Roth, Campaignerin bei Campax, sagt dazu: «Mit ihrer Policy hinkt die Zurich ihrer Konkurrenz hinterher. Sie wird ihrem eigenen Anspruch, führend in Sachen Klima zu sein, nicht gerecht. Wir fordern sie eindringlich dazu auf, die Versicherung von Öl- und Gasprojekten vollständig auszuschliessen.»

Der Weg zur Abkehr von Öl und Gas ist noch weit

Die Abkehr der Versicherungsbranche von Öl und Gas ist erst im Anfangsstadium. Die Zahl der Ausschlüsse von Ölsand ist von 14 auf 22 gestiegen, und die Zahl der Beschränkungen für konventionelles Öl und Gas hat sich im letzten Jahr von drei auf 13 erhöht. Die Qualität dieser Beschränkungen ist jedoch uneinheitlich. Während Branchenschwergewichte wie die Allianz, die Münchener Rück und die Swiss Re erhebliche Ausschlüsse beschlossen haben, versichern andere Versicherer wie AIG, Chubb, Lloyd's of London, Tokio Marine, Zurich und AXA weiterhin neue Öl- und Gasprojekte, und zwar unter Vernachlässigung der Klimaforschung und der Erkenntnisse.

Wie im Vorjahr ist die Allianz das Versicherungsunternehmen mit den strengsten Richtlinien für das Underwriting bei fossilen Brennstoffen. Dem deutschen Versicherer, der im April erhebliche Beschränkungen für Öl und Gas eingeführt hat, folgen in der Rangliste Axa, Aviva, Swiss Re, Axia Capital und Generali.

Versicherer und Rückversicherer haben zuletzt - auch auf Druck von Investoren und Umweltaktivisten - Schritt für Schritt ihre Haltung zu umwelt- und klimaschädlichen Branchen verschärft, sich dabei aber bisher vor allem auf Kohle konzentriert. Die Initiative Insure Our Future hatte den Beschluss der Münchener Rück begrüsst als «wichtigen Schritt und als klares Signal an Versicherer weltweit», dem Beispiel von Unternehmen wie Allianz, Swiss Re und Münchener Rück zu folgen. 

Die Allianz, Axa und Axis Capital erreichten im diesjährigen IOF-Versicherungsranking die höchste Punktzahl für ihre Beschränkungen bei Underwriting für Kohleversicherungen während Aviva, Hannover Rück und Münchener Rück die Rangliste bei den Zeichnungsrestriktionen für Öl und Gas anführen. 

Im Durchschnitt erreichten die 30 für diesen Bericht bewerteten Versicherer 3,3 von 10 Punkten für ihre Zeichnungsrichtlinien für Kohle, aber nur 1,1 von 10 Punkten für ihre Öl- und Gasrichtlinien. Die Autoren des IOF-Versicherungsrankings kommen zu dem Schluss: «Die Versicherungsbranche hat noch einen weiten Weg vor sich, um ihre Politik in Bezug auf fossile Brennstoffe mit den Zielen des Pariser Abkommens in Einklang zu bringen.»

Wie schon im letzten Jahr steht Scor an erster Stelle, wenn es um den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen geht. Der französische Rückversicherer wird gefolgt von Axa, Generali, Allianz, Axis Capital und Swiss Re. Allianz, Axa und Axia Capital erhalten die höchste Punktzahl für ihr Kohle-Desinvestment, während Scor, Generali und Axa die höchste Punktzahl für ihr Desinvestment in der Öl- und Gasindustrie erreichen. (pm/hzi/mig)