Risiken im Zusammenhang mit Umwelt- und Klimawandel besetzen im Global Risks Report 2020 des World Economic Forum (WEF) zum ersten Mal die obersten fünf Plätze. Im Report 2021 gesellten sich noch Infektionskrankheiten zu den grössten Risiken in Bezug auf Auswirkung auf die Welt und Eintretenswahrscheinlichkeit. Globale Erwärmung und Klimawandel sind die wichtigsten Herausforderungen der Zukunft; die Politik reagiert. Das Pariser Klimaschutzabkommen sieht vor, dass die weltweiten CO2-Nettoemissionen bis 2030 halbiert (im Vergleich zu 1990) und bis 2050 auf null reduziert werden müssen. Das Schweizer Parlament hat das Pariser Abkommen bereits im Jahr 2017 ratifiziert, und die Schweiz ist rechtlich verpflichtet, Massnahmen zu ergreifen, die diese Ziele ermöglichen. In der Europäischen Union (EU) fliesst ein Drittel der Investitionen aus dem Aufbaupaket NextGenerationEU und dem Sieben-Jahre-Haushalt der EU in den Grünen Deal, was rund 1,8 Billionen Euro sein werden. In den USA und den anderen grossen Volkswirtschaften laufen ähnliche Bemühungen.

Regulator verlangt Offenlegung

Auch auf regulatorischer Ebene ist viel in Bewegung. Im März 2021 sind zum Beispiel die ersten Bestimmungen der europäischen Sustainable Finance Disclosure Regulation in Kraft getreten. Diese neue Regulierung verlangt eine weitreichende nachhaltigkeitsbezogene Offenlegung im Finanzsektor, sowohl auf Unternehmens- wie auf Produktebene. Weitere Offenlegungspflichten folgen im nächsten Jahr. Davon betroffen sind auch Schweizer Finanzinstitute, die Produkte und Dienstleistungen in der EU anbieten. 

Es ist klar: Der gesellschaftliche und politische Druck, die Wirtschaft nachhaltiger auszurichten, ist deutlich gestiegen. Das hat Konsequenzen für Investoren und Vermögensverwalter, denn sie spielen eine massgebende Rolle für die Allokation von Finanzströmen in nachhaltige Branchen und Projekte. Einerseits sind sie zunehmend gefordert, ESG-Prinzipien (Umwelt, Soziales, Unternehmensführung) in ihren Anlagestrategien zu berücksichtigen, und sie müssen entsprechende Investitionsprodukte bereitstellen. Anderseits fragen immer mehr institutionelle und private Investoren ESG-konforme Anlageprodukte nach. Das bedeutet, dass auch Vorsorgeeinrichtungen ihr Anlageverhalten ändern und Umweltrisiken als Teil der ökonomischen Risiken in ihren Anlagestrategien berücksichtigen müssen.
 

Eignerstrategien anpassen

Private Pensionskassen müssen den Wünschen ihrer Destinatäre gerecht werden, öffentlich-rechtliche Pensionskassen sind auch den (kantonalen) Regierungen Rechenschaft schuldig. Eignerstrategien werden an die neuen Anforderungen angepasst; manche Kantone verlangen von ihren Pensionskassen konkrete Strategien und Umsetzungspläne, wie Klimaneutralität erreicht werden kann, inklusive transparentes Reporting der Nachhaltigkeitsziele. Schweizer Pensionskassen befinden sich auf unterschiedlichen Stufen der Transformation zu mehr Nachhaltigkeit. Einige überzeugen schon durch eine weitgehende Implementierung von Nachhaltigkeitskriterien über verschiedene Anlageklassen hinweg, andere sind noch dabei, eine Strategie zu definieren. 

Der Schweizerische Pensionskassenverband ASIP, der rund zwei Drittel der Versicherten der beruflichen Vorsorge in der Schweiz sowie ein Vorsorgevermögen von gegen 650 Milliarden Franken vertritt, hat im November 2020 eine Umfrage zum Thema ESG durchgeführt. Der Verband stellt fest, dass die Zahl der Pensionskassen, die ESG-Kriterien in ihrem Anlageprozess berücksichtigen, stetig zunimmt. Die rund 160 befragten Pensionskassen geben als Hauptmotive für die Umsetzung von ESG-Kriterien die Überzeugung zur Nachhaltigkeit und den Nutzen für das Risikomanagement an. Gemäss der Umfrage verwendet schon mehr als die Hälfte der befragten Pensionskassen die Ausschlussliste des Schweizer Vereins für verantwortungsbewusste Kapitalanlagen, und mehr als ein Drittel hat eine Nachhaltigkeitsstrategie in ihrem Anlagereglement verankert.

Governance ins Zentrum rücken

Pensionskassen können Nachhaltigkeitsziele anhand von Ausschlusskriterien – keine Investitionen in kontroverse und besonders emissionsreiche Unternehmen oder Sektoren – umsetzen. Sie können zudem ihre passiven Anlageprodukte an ESG-Benchmarks ausrichten und sich durch die Mitgliedschaft in Engagement-Pools und ähnlichen Gremien für die Förderung einer nachhaltigen Anlagepolitik einsetzen. Dabei gibt es auch einige Fallstricke. Während Umwelt- und soziale Aspekte in Nachhaltigkeitsstrategien bereits recht gut abgedeckt werden können, besteht beim «G» in ESG noch Nachholbedarf.

Die Minder-Initiative, die unter anderem verlangt, dass Pensionskassen an Generalversammlungen im Sinne ihrer Mitglieder abstimmen müssen, hat sich nur als teilweise wirksam erwiesen. Das Principal-Agent-Problem bei kotierten Grossunternehmen ist nach wie vor ungelöst. Nachhaltigkeitsberichte und ESG-Ratings, die Nachhaltigkeitsbemühungen von Unternehmen sichtbar machen, könnten entsprechende Informationsasymmetrien ex ante reduzieren. Da solche Berichte und Ratings jedoch nicht standardisiert sind, sind nach wie vor Ex-post-Asymmetrien vorhanden. Anreize für Führungskräfte, sich an einer nachhaltigen Entwicklung ihres Unternehmens zu beteiligen – auch wenn standardisierte Leistungskennzahlen fehlen –, könnten Abhilfe schaffen.

Institutionelle Investoren wie Vorsorgeeinrichtungen sollten auch vermehrt Farbe bekennen und sich beispielsweise in Engagement-Fonds engagieren. Solche Fonds werden auch in Europa an Bedeutung gewinnen und als Katalysatoren für eine gute Corporate Governance dienen.

Trade-off zulasten der Performance?

Und liefern ESG-Produkte, was sie versprechen? ESG-Investing dient der Diversifikation und trägt allen finanziellen Risiken Rechnung, auch den Umweltrisiken und sozialen Aspekten. Doch wie sieht es mit der Performance aus? Im vergangenen Jahr – in einem zeitweise extrem volatilen Umfeld – haben ESG-Leader eine deutlich bessere Performance erzielt als Anlagen mit niedrigen ESG-Ratings. Längerfristig dürften ESG-konforme Unternehmen eine bessere Performance aufweisen, weil sie schlichtweg besser für die (regulatorische) Zukunft aufgestellt sind als Unternehmen, die die nachhaltige Transformation nicht schaffen. Investoren werden «Verschmutzer» zunehmend meiden.

Pensionskassen haben die treuhänderische Aufgabe, eine möglichst gute Rendite für ihre Versicherten zu erzielen – und die finanzielle Stabilität der Kassen für künftige Generationen zu sichern. Eine nachhaltige Anlagestrategie hilft, diese Ziele zu erfüllen. Unternehmen, die ESG-Aspekte in ihre Aktivitäten integrieren, verfolgen nicht nur Umweltprinzipien, sondern auch handfeste kommerzielle Absichten, denn sie weisen ein langfristig besseres Geschäftsmodell und einen höheren finanziellen Erfolg auf.

Bessere Datenqualität und Methodologie

Allerdings gibt es noch einigen Handlungsbedarf in Bezug auf die standardisierte und einheitliche Festlegung der ESG-Ratings und die Messung der Wirkung von grünen und Impact Investments. Die Datenqualität ist oft mangelhaft. Die ESG-Ratings und sogar die Definition von ESG unterscheiden sich von Anbieter zu Anbieter. Viele Bewertungen basieren auf historischen Daten und berücksichtigen die künftige Geschäftsentwicklung einer Firma zu wenig. Zukunftsgerichtete Daten sollen in die Ratings einfliessen und eine ganzheitliche ESG-Betrachtung ermöglichen. Solche Kennzahlen könnten auch helfen, Greenwashing zu verhindern und die notwendige Transparenz zu schaffen.

 

Dr. Werner E. Rutsch ist Head Institutional Business bei Axa Investment Managers Schweiz