1. Die Lebenserwartung steigt. Dies setzt die Renten aus den Vorsorgewerken unter Druck. Was bedeutet das für das individuelle Alterssparen?

José Antonio Blanco: Die demografische Entwicklung wirkt sich gleich mehrfach aus: Die steigende Lebenserwartung und die niedrigen Zinsen zwingen die Pensionskassen, den Umwandlungssatz zu senken. Zusätzlich sind Rentnerinnen und Rentner über einen längeren Zeitraum der Inflation ausgesetzt, welche die Kaufkraft ihrer Rente reduziert. Schliesslich können sie heute tendenziell länger einen aktiven Lebensstil pflegen, der finanziert werden muss. Die Folge ist ein erhöhter Bedarf an persönlichen Ersparnissen. Das heisst: Sparen allein reicht nicht aus, man muss das Geld anlegen.

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Franz Wenzel: Angesichts der weiter steigenden Lebenserwartung und der weiterhin negativen Zinsen über diverse Laufzeiten hinweg kommt man um eine höhere individuelle Altersvorsorge nicht umhin, wenn man den erreichten Lebensstandard in etwa halten möchte. Einfach formuliert gilt: Je früher man mit der Vorsorge anfängt, desto besser, da der lange Zeithorizont höhere Risiko-investitionen, insbesondere Aktien, erlaubt. Dies bedeutet aber auch, dass sich die heute aktiven Generationen verstärkt mit dem Thema Kapitalmarkt auseinandersetzen müssen und damit eventuell weniger verfügbares Einkommen für andere Projekte bereitsteht.

Stéphane Casagrande: Wenn das Rentenalter nicht der steigenden Lebenserwartung angepasst wird, muss der rentenbildende Umwandlungssatz der Vorsorgewerke früher oder später weiter nach unten angepasst werden. Zwei weitere Faktoren verstärken den Druck auf den Umwandlungssatz zusätzlich: Die in den geburtenstarken 1950er und 1960er Jahren geborenen Babyboomer werden in den nächsten Jahren in Pension gehen; zudem ist zu erwarten, dass die Zinsen nachhaltig tief bleiben. Dies hat zur Folge, dass die private Vorsorge weiter an Bedeutung gewinnen wird.

Veronica Weisser: Erwerbstätige und Junge werden deutlich weniger Rente erhalten. Sie werden einen tieferen Lebensstandard im Rentenalter haben, ausser sie arbeiten länger und sparen mehr. Das individuelle Alterssparen -bietet die Chance – sofern früh damit begonnen und richtig investiert wird –, den Lebensstandard ohne allzu grossen Effort zu sichern. Die dritte Säule ist auch der einzige Ort, an dem das Individuum die Kontrolle behält. Dies, weil fehlende Reformen in der ersten und zweiten Säule die Unsicherheit bezüglich der Höhe und Sicherheit der zukünftigen Renten massiv verstärken.

Anastassios Frangulidis: Die demografische Entwicklung und ihre Auswirkungen auf das Vorsorgesystem machen das individuelle Alterssparen unerlässlich. Dabei ist es wichtig, frühzeitig damit zu starten. Eine längere Investitionsperiode bringt nicht nur mehr eingebrachte Ersparnisse, sondern erlaubt auch eine höhere Risikobereitschaft der Versicherten  – das heisst, über eine längere Periode auch eine höhere erzielte Rendite, welche das Weiterführen des gewohnten Lebensstandards bis ins hohe Alter begünstigt.

Tashi Gumbatshang: Die steigende Lebenserwartung führt zu laufend höheren Zahlungsverpflichtungen gegenüber den Rentnerinnen und Rentnern, ohne dass dies auf der Einnahmenseite kompensiert wird. Zudem kann beobachtet werden, dass die Mehrheit der Pensionierten sich einer sehr guten Gesundheit erfreut und vielseitige Hobbys und Interessen pflegt. Damit wird der Ruhestand de facto zu einer Art «Dauerwochenende» oder «Dauerferien», was entsprechende finanzielle Mittel erfordert. In der Folge steigt die Bedeutung des individuellen Alterssparens in den Säulen 3a und 3b.
 

2. Welche Fehler sind im Sparprozess möglichst zu vermeiden?

Franz Wenzel: Wie bei allen langfristigen Entscheidungen gilt es, einige goldene Regeln zu beachten. Dazu gehört als Erstes, dass man sein Ziel klar vor Augen hat, denn nur dann kann man entsprechende Entscheidungen treffen. Ferner sollte man sich mit dem Markt und dem entsprechenden Risiko auseinandergesetzt haben. Von kurzfristigen Trends und Modeerscheinungen sollte man besser die Finger lassen. Ferner gilt: Taktieren zahlt sich nicht aus. Investieren ist eine langfristige Angelegenheit. Schnelle Gewinne können sehr schnell ins Gegenteil umschlagen. Zu guter Letzt sollte man auf eine gute Mischung von mehreren unterschiedlichen Anlageklassen im Portfolio achten.

Stéphane Casagrande: Das Herauszögern des Beginns des Sparprozesses ist zweifelsohne einer der grössten Fehler bei der privaten Altersvorsorge. Dadurch profitieren Investoren und Investorinnen zu spät vom sogenannten Zinseszinseffekt, einem der am häufigsten vernachlässigten Effekte beim Investieren. Denn bei einem langen Anlagehorizont hat der Zinseszinseffekt selbst bei einem kleinen Anlagevolumen eine enorme positive Wirkung auf das Endkapital bei der Pensionierung.

Veronica Weisser: Häufig treten drei kritische Fehler auf. Erstens wird anstatt mit dem Berufsstart zu spät – mit Alter 45 oder später – mit der individuellen Altersvorsorge und dem Sparen gestartet. Das reicht oft nicht mehr. Zweitens geht das Alterssparen im Alltag oftmals vergessen. Am besten richtet man sich mit dem Berufsstart einen Dauerauftrag für die Säule 3a und das individuelle Sparen ein. So geht es nicht unter. Drittens sollten Sparbeträge, die man voraussichtlich die nächsten zehn Jahre nicht benötigt, mit hohem Aktienanteil angelegt werden. So kann man von attraktiven Renditen profitieren.

Anastassios Frangulidis: Ein Fehler, welcher immer wieder vorkommt, ist das Verzichten auf die Bildung von Vorsorgesparguthaben in den ersten Jahren der Erwerbstätigkeit. Die fehlenden Beitragsjahre sind dann kaum wiedergutzumachen. Was ebenfalls öfters vorkommt, ist das Verlassen der vordefinierten Anlagestrategie nach einer Periode schlechter Entwicklung an den Finanzmärkten. Gerade die Tatsache, dass das Alterssparen einen sehr langfristigen Investitionshorizont hat, erlaubt den Sparerinnen und Sparern, die periodisch auftretenden Marktkorrekturen gut zu überstehen.

Tashi Gumbatshang: Da die meisten Menschen den Zinseszinseffekt unterschätzen, fangen viele relativ spät mit dem Sparprozess an. Ein weiterer Punkt sind entgangene Renditen durch Verzicht auf Wertpapieranlagen aufgrund übertriebener Ängste vor Verlusten sowie falscher Vorstellungen von den Finanzmärkten. In den Köpfen ist oftmals der Gedanke verankert, die Börse sei ein Casino, was dazu führt, dass die Risiken und Gefahren gegenüber den Chancen übergewichtet werden. Bei Anlegerinnen und Anlegern sind die wesentlichsten «Performance-Fresser» fehlende Diversifikation, Timing oder häufige Wechsel von Strategie und Transaktionen auf Basis eines kurzfristigen Momentums.

José Antonio Blanco: Spontanität ist beim Alterssparen fehl am Platz, da die Auswirkungen eines falschen Ansatzes meist erst zu spät sichtbar werden. Zudem muss die Anlagestrategie nicht nur zu den finanziellen Bedürfnissen des Anlegers oder der Anlegerin passen, sondern auch zu deren Charakter. Finanzmärkte schwanken, doch kostspielige Panikreaktionen sollten zwingend vermieden werden, denn Sparen für das Alter ist ein langfristiger Prozess.
 

3. Sollte man beim Anlegen vermehrt auf Nachhaltigkeit achten – oder wird damit Rendite verschenkt?

Stéphane Casagrande: Die Sicht, dass Nachhaltigkeit mit einer tieferen Rendite «bezahlt» werden muss, ist meines Erachten überholt. Wir bei J.P. Morgan Asset Management sind überzeugt, dass langfristiges Denken zu nachhaltigen Geschäftsmodellen führt. Die Art und Weise, wie Unternehmen mit ESG-Risiken und Chancen umgehen, hat Auswirkungen auf ihre Geschäftsergebnisse. Deshalb berücksichtigen unsere Investmentteams systematisch ESG-Faktoren in deren Anlageentscheidung. Dazu nutzen wir unser eigens entwickeltes Modell, um die wesentlichen, relevanten ESG-Faktoren systematisch in unsere aktiven Anlageprozesse einzubeziehen.

Veronica Weisser: Nachhaltige Anlagen schmälern die Rendite langfristig nicht. Bedingung dafür ist wie bei nicht nachhaltigen Portfolios, dass die Zusammenstellung bewusst nach den Regeln der Portfolio-Optimierung erfolgt. Vorsorgen ist im Grundsatz per Definition nachhaltig – ein 3a-Depot mit nachhaltigen langfristigen Anlagen ermöglicht es, nicht nur für die eigene Zukunft etwas Gutes zu tun, sondern gleichzeitig einen positiven gesellschaftlichen und ökologischen Effekt zu erzielen.

Anastassios Frangulidis: Die Integration von wesentlichen ESG-Kriterien in das Anlageverfahren und Anlegerverhalten ist ein bedeutender Erfolgsbestandteil einer langfristig ausgerichteten Anlagepolitik. Damit können langfristig Erträge verbessert beziehungsweise Risiken reduziert werden. Es setzt aber voraus, dass die Produzenten von Anlagelösungen einen offenen Dialog mit Unternehmen und Regierungen zu ESG-Themen pflegen und dass sie in Firmen investieren, die stärker als die Gesamtwirtschaft wachsen. Dies ist beispielsweise im Rahmen von Umweltstrategien sehr gut möglich.

Tashi Gumbatshang: Durch die Integration von Nachhaltigkeitskriterien (Umwelt, Soziales, Unternehmensführung) in die Titelselektion erhöht sich die Qualität der Anlagelösungen. Verantwortungsvolles, zukunftsorientiertes Handeln zahlt sich langfristig sowohl für Unternehmen wie auch für Anlegerinnen und Anleger aus. Denn nachhaltige Investitionen können nicht nur Positives für Umwelt und Gesellschaft bewirken, sondern potenziell auch die Renditechancen erhöhen und das Anlagerisiko senken.

José Antonio Blanco: Bei Swiss Life sind wir überzeugt, dass die systematische Integration von Nachhaltigkeitskriterien in den Anlageprozess ein wichtiger Erfolgsfaktor ist, um langfristig Wert zu schaffen. Neben traditionellen Finanzkennzahlen können durch die Integration solcher nicht finanzieller Faktoren in den Anlageprozess Risiken und Chancen frühzeitig erkannt und bewertet und dadurch langfristige Gefahren und Chancen für das Anlageportfolio identifizieren werden. In zukunftsfähige Unternehmen zu investieren, bedeutet also nicht, langfristig auf Rendite verzichten zu müssen. Es impliziert eher das Gegenteil.

Franz Wenzel: Sicherlich ist die Rendite nach wie vor das zentrale Element bei der Vermögensanlage. Nachhaltige Investitionen haben aber mittlerweile in de facto allen wesentlichen Vermögensklassen ihre Rechtfertigung erworben. Beide Elemente schliessen sich nicht zwangsläufig aus. Vielmehr zeigen sowohl die Wertentwicklung diverser Anlagegefässe (Fonds) als auch Studien, dass nachhaltige Investitionen altbekannten Instrumenten keineswegs nachstehen.

4. Wie ist ein Portfolio für den optimalen Anlageerfolg zu strukturieren?

Veronica Weisser: Bei Vorsorgeanlagen steht die zwischenzeitliche Volatilität als Risikomass wegen des langen Anlage-horizonts im Hintergrund. Wichtiger ist, mit welcher Wahrscheinlichkeit die voraussichtlich erzielten Renditen am Ende des Anlagehorizonts ausreichen, um den Lebensstandard zu sichern. Auf der Basis des Anlagehorizonts kann nach diesem Prinzip der ideale Aktienanteil bestimmt werden. Bei einem Anlagehorizont von über zehn Jahren und aufgrund des Tiefzinsumfelds ergibt sich in der Regel ein Portfolio aus mehrheitlich Aktien, mit kleineren Anteilen von Immobilien und Anleihen.

Anastassios Frangulidis: Ein auf langfristigen Erfolg ausgerichtetes Portfolio muss gut diversifiziert und hauptsächlich in Anlagen investiert sein, welche über eine längere Periode eine hohe Risikoprämie abwerfen. Dazu gehören beispielsweise Unternehmens- und Schwellenländeranleihen, Aktien, Immobilien oder auch alternative Anlagen. Ein grosser Vorteil des langfristigen Sparens liegt darin, dass man auch in weniger liquide Anlagen investieren kann. Diese offerieren aber oft eine Liquiditätsprämie, welche den langfristigen Erfolg steigert.

Tashi Gumbatshang: Wichtig ist die Definition einer Anlagestrategie, welche auf die persönlichen Ziele und Bedürfnisse zugeschnitten ist. Es empfiehlt sich eine möglichst breit diversifizierte Umsetzung dieser Strategie ohne Einzel-wetten in Firmen, Themen oder Währungen. Je nach persönlicher Präferenz kann dies zum Beispiel mit Strategiefonds oder einem Vermögensverwaltungsmandat oder aber einem Beratungsmandat erfolgen, wenn das Interesse und Bedürfnis da ist, laufend eigene Entscheidungen zu fällen. Im Idealfall ist auch eine «zeitliche Diversifikation» wertvoll, das heisst, die Investitionen zu staffeln im Sinne eines vordefinierten «Dauerauftrags».

José Antonio Blanco: Es gibt kein allgemeingültiges «Rezept» für ein erfolgreiches Portfolio. Die Struktur hängt unter anderem vom Alter, vom Vermögen sowie von der Risikofähigkeit und -bereitschaft des Anlegers oder der Anlegerin ab. Angesichts der langfristigen Ausrichtung eines solchen Portfolios ist es aber sicherlich sinnvoll, einen signifikanten Anteil in Sachwerte zu investieren, da diese eine gute Rendite liefern und die Kaufkraft des Portfolios schützen. Dazu gehören zum Beispiel Aktien, diversifizierte Immobilien oder Infrastruktur.

Franz Wenzel: Eine allgemeingültige Formel gibt es leider nicht! Unabdingbar ist, die erwartete Rendite und das akzeptable Risiko des Sparers oder der Sparerin zu definieren. Das ist leichter gesagt als getan und erfordert eine solide Analyse. Zweifellos bieten die Anlageprinzipien der Vorsorgestiftungen beziehungsweise Pensionskassen eine sehr nützliche Richtschnur. Eine gesunde Mischung aus risikobehafteten Wertpapieren, Obligationen und Immobilien und/oder Gold bietet eine gesunde Ausgangsbasis. Dabei sollte man die private Immobilie nicht übersehen. Grundsätzlich gilt: Ein längerer Anlagehorizont -erlaubt einen höheren Anteil an Risikopapieren und damit die Chance auf attraktivere Renditen.

Stéphane Casagrande: Eine allgemeingültige optimale Portfoliostruktur gibt es nicht. Die Portfoliozusammensetzung hängt massgebend vom Anlagehorizont ab. Grundsätzlich kann zu Beginn des Sparprozesses ein Portfolio mit einem hohen Rendite-Risiko-Profil optimal sein. Eine graduelle Anpassung des Portfoliorisikos im Zeitablauf ist jedoch ratsam, um dem kürzeren Anlagehorizont Rechnung zu tragen. Weitere Faktoren wie zum Beispiel die individuelle finanzielle Situation spielen bei der Festlegung der optimalen Portfoliostruktur ebenfalls eine wichtige Rolle.
 

José Antonio Blanco
Head Investment Management Third-Party Asset Management (TPAM), Swiss Life

Franz Wenzel
Anlagestratege für institutionelle Kunden, Axa Investment Managers

Stéphane Casagrande
Head Institutional Clients, J.P. Morgan Asset Management Schweiz

Veronica Weisser
Leiterin Bereich Retirement &
Pension Solutions, UBS Schweiz

Anastassios Frangulidis
Chefstratege und Leiter Multi Asset, Pictet Asset Management

Tashi Gumbatshang
Leiter Kompetenzzentrum Vermögens- und Vorsorgeplanung, Raiffeisen Schweiz