Vorsorge! Schon das Wort an sich bereitet schlechte Stimmung: Heisst vorsorgen doch wörtlich genommen, sich im Voraus über etwas Sorgen zu machen, das noch gar nicht eingetreten ist. Kein Wunder, dass die meisten Menschen so lange wie möglich einen grossen Bogen um das Thema machen. Vielleicht liegt es ja wirklich auch am Terminus technicus. Was also, wenn nicht überall von «Vorsorge» die Rede wäre, sondern von «Vorfreude»? Und das zu Recht, wenn man den Lebensabschnitt nach dem Erwerbsleben einfach als den längsten Urlaub seines Lebens betrachtet.

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Der wird mit grosser Wahrscheinlichkeit satte zwanzig oder noch mehr Jahre dauern, wenn die Prognosen der an sich äusserst zuverlässigen demografischen Entwicklung recht behalten. Gegenwärtig ist die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt in der Schweiz eine der höchsten der Welt, gemäss Bundesamt für Statistik (BfS). Sie lag 2019 bei 81,9 Jahren für Männer und 85,6 Jahren bei den Frauen. Und wer heuer bereits seinen Fünfzigsten gefeiert hat, kann davon ausgehen, dass er noch weitere 33,3 Jahre (Männer) respektive 36,5 Jahre (Frauen) auf Erden weilt – im Durchschnitt.  «Wer heute älter als fünfzig ist, sollte seine Vorsorge sogar so planen, als werde er neunzig oder hundert Jahre alt», sagt Veronica Weisser, Ökonomin und Vorsorgeexpertin der UBS. Denn mit jedem weiteren Lebensjahr steigt die statistische Wahrscheinlichkeit, älter als der heutige Durchschnitt zu werden.

 

Vorbereitung aufs Nichtstun

Wer in die Ferien will, stellt die Weichen dazu viel früher. Für den längsten Urlaub des Lebens muss zwar keine Vertretung organisiert und kein Urlaubsantrag mehr beim Arbeitgeber gestellt werden, aber abgesehen davon sind die Vorbereitungen ähnlich wie für den dreiwöchigen Wanderurlaub in Neuseeland oder den Segeltörn auf dem Mittelmeer: Man stellt ein Budget auf, überlegt sich, was man alles sehen und erleben möchte, legt eine Route fest, liest oder schaut Dokumentationen über die angepeilten Destinationen und macht sich körperlich fit für die Wanderung oder das Leben auf dem schaukelnden Boot – nur eben für deutlich viel länger als drei oder vier Wochen. Der längste Urlaub des Lebens dauert bei einigen sogar länger als die davorliegende Zeit des Arbeitens.

Wir verwenden heute wesentlich weniger Lebenszeit für die Arbeit und viel mehr fürs Nichtstun. Und zwar genau 12 Prozentpunkte weniger, wie eine Studie der UBS berechnet hat. So haben Schweizerinnen und Schweizer im Jahr der gesetzlichen Verankerung der AHV 1948 rund 60 Prozent ihres Lebens mit Arbeit verbracht. Heute ist es aufgrund der längeren Lebenszeit und mehr Ausbildungszeiten mit 48 Prozent schon weniger als die Hälfte der Lebenszeit. «Die meisten angehenden Pensionierten, die zu uns ins Pensionierungsseminar kommen, sind sich gar nicht bewusst, dass die Zeit ihrer aktiven Pensionierung 20 bis 35 Jahre oder mehr dauern kann», sagt Monika Keller von der Rauszeit Agentur. Sie arbeitet gerne mit dem «Lebensmeter»: ein Metermass, auf dem die verschiedenen Lebensabschnitte, auch die künftigen, farblich gekennzeichnet sind. «Das veranschaulicht die erhoffte Dauer der Pensionszeit recht gut», erzählt Keller. Die erste Frage, die sich die meisten angehenden Pensionierten dann ängstlich stellen, ist: «Reicht das Geld?» Doch das allein reicht nicht.

 

Die Identität ändert sich

Seit vielen Jahren bereitet Monika Keller in Zusammenarbeit mit einem Versicherungs- und Finanzexperten künftige Rentnerinnen und Rentner in umfangreichen Pensionierungsplanungsseminaren auf den neuen Lebensabschnitt vor. Dabei spielen die finanziellen Aspekte natürlich eine grosse Rolle – aber eben nicht nur. «Anfangs sind viele Teilnehmende vor dem zweiten Seminarteil, der sich mit eher emotionalen Seiten der Ruhestandszeit beschäftigt, skeptisch. Aber sie merken sehr schnell, dass es sich lohnt, auch darüber nachzudenken», erklärt Keller. Wie beispielsweise über die Frage nach der eigenen Identität, denn «diese ändert sich», weiss die Expertin. Es sei halt etwas anderes, über sich selbst zu sagen «ich bin Pensionär», wenn man zuvor dreissig Jahre oder länger sagen konnte «ich bin Banker» oder «ich bin Pilot», denn «das macht etwas mit einem», sagt Keller und berichtet von einem Teilnehmer, der als Rentner eine selbstständige Tätigkeit im Nebenerwerb aufgenommen hat und sich fortan mit «Ich bin frühpensioniert und Jungunternehmer» vorstellte.

Die Frage ist doch: Wer will man sein, wenn man nicht mehr Banker, Managerin oder Lehrer ist? In Deutschland haben Studien gezeigt, dass ein Viertel bis ein Drittel der Menschen Schwierigkeiten hat, sich an die neue Lebensphase anzupassen. Sich mit solchen Gedanken frühzeitig auseinanderzusetzen, schmälert die Gefahr, nach der Pensionierung in das berühmte Loch zu fallen. Und eine gute Vorbereitung ist sinnvoll, denn der Eintritt in den Ruhestand kann nicht geübt werden; man macht ihn nur einmal im Leben. Im Gegensatz zu anderen kritischen Lebensereignissen wie Jobwechsel, Partnersuche oder Kinderkriegen, die bei den meisten Menschen gleich mehrmals im Leben geschehen, tritt man in den Ruhestand ohne Vorstellungsgespräch und Generalprobe.

 

Neustart mit 50 plus

«Vielen aktiven Rentnern bekommt eine Drosselung von hundert auf null nicht besonders gut – und wenn der Job einem doch grundsätzlich guttut, rate ich jedem, so lange wie möglich über das Renteneintrittsalter hinaus weiterzuarbeiten», sagt UBS-Vorsorgeexpertin Veronica Weisser. «Und das nicht nur aus finanziellen Überlegungen heraus.» Natürlich ist das nicht in jeder Branche möglich, und nicht jeder Beruf bietet denen, die ihn ausüben, eine gewisse mentale Erfüllung. Aber für den Einzelnen kann es sehr wichtig sein, etwas zu tun, etwas zu leisten, etwas beizutragen. Denn so schön die Vorstellung vom dreissigjährigen Urlaub auch ist: Irgendwann wird es den meisten Menschen doch auch in den Ferien langweilig – egal, wie schön der Strand ist oder die Aussicht in den Bergen.

«Die meisten Seniorinnen und Senioren wollen weiterhin einen Beitrag zur Gesellschaft leisten», weiss Weisser. Sie rät ihnen, den «Beruf, der einen ruft» zu finden und im Alter das zu tun, was sie vielleicht schon immer mal tun wollten – oder noch mal etwas ganz anderes zu beginnen: Da gibt es die Bankerin, die nach der Frühpensionierung mit 58 die Ausbildung zur Tierpflegerin gemacht hat. Oder die Büroangestellte, die mit 60 Pflegehelferin geworden ist, oder der ehemalige Lehrer, der mit 62 in Rente ging und sich danach als Reiseleiter selbstständig gemacht hat. «Die geistige und körperliche Gesundheit wird massiv davon beeinflusst, wie aktiv man im Alter ist», sagt Veronica Weisser, die selbst zwar noch sehr viel Zeit bis zur Pensionierung hat, aber bereits viele aktive und künftige Pensionierte beraten hat, inklusive der eigenen Eltern.

Auch Coach Monika Keller kennt einige Erfolgsgeschichten von Menschen, die mit der Pensionierung die Karten noch mal ganz neu gemischt haben. Wie die alleinstehende Frau, deren Renteneinkommen für die Wohnung und das Leben in der Stadt nicht ausreichte und die dann in eine bezahlbare Wohnung in die Berge gezogen ist, dort reiten gelernt hat und seither auf dem Pferdehof im Stall hilft – und so heute sehr glücklich mit ihrem neuen Leben ist. In ihren Seminaren lockt Monika Keller die Teilnehmenden jeweils mit Fragen wie «Was ist Ihre beste Hoffnung fürs Alter?» aus der Reserve. «Viele antworten dann, dass sie gerne bis zum Schluss im Job leistungsfähig und danach weiterhin gesund und aktiv leben möchten», erzählt sie. Durch die Impulse, die Reflexion und den Austausch im Seminar entsteht mehr Klarheit darüber. «Es geht darum, eine gute physische und psychische Gesundheit und Resilienz aufzubauen oder zu erhalten. Darum sollte man sich eigentlich ebenso intensiv kümmern wie um das Budget», fasst Keller es zusammen.

 

Fit im Kopf und in den Beinen

Das dazu passende Angebot der Gesundheitsindustrie ist nahezu unerschöpflich: Vom Seniorensport in der Klubschule oder daheim vorm Fernseher über Nordic Walking im Wald oder Gymnastik im warmen Wasser bis hin zum Fahrradfahren auf dem Hometrainer: Die Möglichkeiten für Bewegung und Fitness für Körper jenseits der sechzig sind zahlreich, ob allein oder in der Gruppe. Wichtig ist, ausreichend Bewegung bewusst in den Alltag zu integrieren – und wenn es nur der eigens verlängerte Fussweg zum Einkaufen ist. Hier gilt der Grundsatz: Lieber weniger, aber dafür öfter. Sport mit einer mässigen Belastung, aber dafür regelmässig, ist laut den Erkenntnissen der Gesundheitsindustrie das beste Allheilmittel für Senioren und Seniorinnen. Und wer auch den Kopf fit halten will, dem raten Expertinnen und Experten etwas mehr, als nur Kreuzworträtsel zu lösen: Der beste Trainer für Geist und Körper ist laut Studien die Musik samt koordinierter Bewegung dazu. «Wöchentliches Tanzen fördert gleich mehrere Bereiche im Gehirn, die sonst mit den Jahren oft verkümmern. Das Erlernen von Schrittfolgen, rhythmischen Bewegungen und Koordination stimulieren also die grauen Zellen.

Seniorinnen und Senioren hierzulande trainieren den Gehirnmuskel jedoch auch überdurchschnittlich häufig mit modernen Technologien: Sie haben das Internet entdeckt und erobert. Gemäss einer Studie der Universität Zürich im Auftrag von Pro Senectute, die noch vor Corona landesweit erhoben wurde, hat sich der Anteil der über 65-jährigen Internetnutzer innerhalb eines Jahrzehnts von 38 auf 74 Prozent nahezu verdoppelt. Und die mobile Nutzung des Internets dieser Altersgruppe hat seit 2015 sogar um mehr als das Doppelte zugenommen. Nach Ansicht von Pro Senectute dürfte Corona einen weiteren Digitalisierungsschub bei den älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern ausgelöst haben, denn die Krise habe gezeigt, wie wichtig digitale Kommunikationswege für die gesellschaftliche Teilhabe sind, und in vielen Familien habe man den Grosseltern die Nutzung von Videokonferenzdiensten gezeigt, um den Kontakt in Quarantäne- und Distanzzeiten aufrechterhalten können.

 

Präventiv gegen Beziehungskrise

Die gesellschaftliche Teilhabe ist ein wichtiger Punkt, gerade für frische Pensionierte. Denn viele unterschätzen den Wegfall des sozialen Umfelds am Arbeitsplatz. Auch Kollegen, die man vielleicht gar nicht besonders gut leiden konnte, kann man vermissen, ebenso wie Prozesse und Strukturen, über die man sich am Arbeitsplatz gerne empört hat. Und während auf der einen Seite des sozialen Netzes etwas wegfällt, bekommt die andere Seite der Waagschale plötzlich Übergewicht: die Beziehung zum Lebenspartner, zur Lebenspartnerin. Viele Paare haben sich vierzig Jahre lang nur abends gesehen und ganze Tage nur an den Wochenenden und in den Ferien zusammen verbracht. Für sie bringt das Rentnerdasein gravierende Änderungen mit sich, die immer häufiger auch zur späten Trennung führen. So hat laut Bundesamt für Statistik der Anteil der Ehen, die nach 25 oder mehr Jahren auseinandergehen, deutlich zugenommen. Mittlerweile sind 10 Prozent aller Scheidungspaare über 65 Jahre alt. «Aber bei einer Trennung im Rentenalter stehen oft beide Partner finanziell wesentlich schlechter da», sagt UBS-Vorsorgeexpertin Veronica Weisser und hält es für den besseren Weg, die Pflege und Vorbereitung beider Partner einer Beziehung als einen Teil der Vorsorge anzusehen und sich auch auf diese anstehende Veränderung entsprechend vorzubereiten.

Als wären Themen wie die Beziehung und Scheidung nicht schon unange nehm genug, spricht Monika Keller in ihren Pensionierungsseminaren sogar das heikle Thema Sterben und Tod an. Sie befragt ihre Seminarteilnehmenden nach der besten Hoffnung für ihren Tod. «Dann sagen natürlich alle, dass sie kurz und bündig gehen möchten, ohne Leiden und Schmerzen. Aber es geht auch darum, mit dem Tod der anderen umzugehen, denn auch das ist unvermeidlich, dass Familienmitglieder und Freunde im Laufe der Zeit von einem gehen», sagt Keller. Spätestens bei diesem Teil ihres Pensionierungsseminars wird den Teilnehmenden die Ganzheitlichkeit des Themas bewusst.

Veronica Weisser spricht in diesem Zusammenhang auch gerne von den drei L: Liquidität, Langlebigkeit und Legacy. Wie man nach seinem Tod von anderen erinnert werden und was man von sich zurücklassen möchte, sind Fragen, die vergleichsweise schwierig zu beantworten sind. «Ob jemand 500 Franken ans Tierheim stiftet, der Kommune eine Parkbank schenkt oder den Enkeln das Auskommen im Studium sichert – das Erbe und das Andenken ist für viele Menschen eine wichtige Frage, und auch mit dieser sollte man sich frühzeitig beschäftigen», weiss Weisser. Im Vergleich zu diesen Fragen der Legacy sind die Überlegungen zur Liquidität im Rentenalter vergleichsweise einfach zu klären, da sie sich zunächst einmal in nüchternen Zahlen ausdrücken lassen.

 

Längere Ferien bei gleichem Budget

Das Budget für 25 oder 30 Jahre zu planen, ist aber nur so lange einfach, wie die monatlichen Rentenzahlungen aus der ersten und zweiten Säule in ausreichender Höhe bis ans Lebensende fliessen. Was für künftige Pensionierte jedoch nicht mehr so selbstverständlich ist wie früher. Das Drei-Säulen-System der Schweiz ist so angelegt, dass die Rente aus der Alters- und Hinterbliebenenversicherung (AHV) und die Rente aus der Pensionskasse zusammen 60 Prozent des letzten Lohnes ausmachen sollen. Die AHV ist 1948 eingeführt worden, damals lebten 65-Jährige im Durchschnitt noch knapp 13 Jahre, heute sind es 23 Jahre – also 70 Prozent mehr.

Aus der AHV bekommen Rentnerinnen und Rentner heutzutage maximal 2390 Franken pro Monat und Ehepaare zusammen 3585 Franken. Und das auch nur dann, wenn beide eine lückenlose Beitragszeit seit dem 21. Lebensjahr vorweisen können sowie einen ausreichend hohen Durchschnittslohn. Der zweite Teil der finanziellen Absicherung im Alter fliesst aus der betrieblichen Vorsorge, in die Arbeitnehmende und Arbeitgeber ebenfalls während des gesamten Erwerbslebens eingezahlt haben. Diese zweite Säule des Vorsorgesystems ist im Gegensatz zur ersten Säule im Kapitaldeckungsverfahren aufgebaut, bei dem jede versicherte Person ihr individuelles Altersguthaben auf einem Konto ihrer Pensionskasse (PK) anspart und dieses bei Eintritt in das Rentenalter in eine monatliche Rentenzahlung umgewandelt wird. Dies geschieht anhand des Umwandlungssatzes, der sich aus dem technischen Zinssatz und der Lebenserwartung der Bevölkerung berechnet.

Jedoch leidet auch die zweite Säule an der zunehmenden Langlebigkeit ihrer Versicherten und an den veränderten Wirtschaftsbedingungen. Als das System 1985 obligatorisch eingeführt wurde, kannten Sparerinnen und Konsumenten noch stattliche Zinsen und gesunde Inflationsrate, die Lebenserwartung bei Geburt lag für Männer bei 73,5 und für Frauen bei 80,2 Jahren, und der Umwandlungssatz betrug 7,2 Prozent. Heute drückt das anhaltende Nullzinsumfeld auf die Anlageerträge, und die Langlebigkeit der Versicherten streckt die Auszahlungsdauer. Der gesetzliche Rentenumwandlungssatz wurde entsprechend auf 6,8 Prozent für den obligatorischen Teil der Altersguthaben gesenkt. Doch auch diese 6,8 Prozent sind nach Ansicht der allermeisten Fachleute noch viel zu viel. Sie beziffern den mathematisch korrekten Satz auf lediglich 4,5 bis 4,8 Prozent. Was hiesse, dass aus einem Altersguthaben von 100 000 Franken bei der Pensionierung eine jährliche BVG-Rente von 4500 bis 4800 Franken resultieren würde. Was vielen künftigen Rentnerinnen und Rentnern zu wenig sein dürfte.

 

Länger arbeiten mit Vorteilen

Die Lösung ist einfach: Länger arbeiten. Was, wie Pensionsberater unisono betonen, ohnehin förderlich für die mentale und physische Gesundheit im Alter ist. «Die Möglichkeiten sind vielfältig, Arbeitnehmende können etwa mit einem reduzierten Pensum im Betrieb bleiben und sich nur noch um einen fest umrissenen Teilbereich ihres bisherigen Aufgabengebietes kümmern», sagt Veronica Weisser. Viele solcher Lösungen werden innerbetrieblich und individuell ausgearbeitet. Doch was ihr fehlt, ist ein dynamischer Arbeitsmarkt für Senioren und Seniorinnen. «Hier müssen mehr Nischen und Möglichkeiten geschaffen werden», findet sie.

Wer nach dem Überschreiten des ordentlichen Pensionierungsalters in einem Teilzeitpensum oder als Selbstständige weiterarbeitet, kann damit unter Umständen auch Steuern sparen. Denn manch eine muss als Rentnerin mehr ans Steueramt überweisen als gedacht, da alle berufsbezogenen Steuerabzüge wie PK-Beiträge, Berufsauslagen oder Sonderabzüge, die an die Erwerbstätigkeit gekoppelt sind, mit dem Eintritt ins Rentenalter wegfallen. Ebenso wie die Möglichkeit zur Senkung des steuerbaren Einkommens über Einzahlungen in die dritte Säule, die man ohne ein AHV-pflichtiges Einkommen nicht mehr leisten darf. Wer nun aber als Rentner teilzeitbeschäftigt bleibt oder eine selbstständige Tätigkeit anmeldet, dessen steuerbares Einkommen steigt zwar wieder, aber er darf auch wieder Abzüge vom steuerbaren Einkommen machen. Zudem kann es sich lohnen, die AHV-Rente aufzuschieben oder sich vorzeitig teilpensionieren zu lassen. Wichtig ist nur, dass man all das vorher durchrechnet und die Weichen frühzeitig stellt.

Monika Keller von der Rauszeit Agentur hat in den vergangenen Jahren über 300 Arbeitnehmende beraten; oft buchen Unternehmen ein Seminar bei ihr für alle angehenden Rentnerinnen und Rentner ihres Betriebs. «Leider kommen dann aber sehr viele Angestellte, die ganz kurz vor der Rente stehen», sagt Keller. Dann sei es oft zu spät, die finanzielle Basis für die Zukunft zu legen, denn mit 50 oder 55 kann man noch einiges anpassen, aber mit 64 sind die Möglichkeiten, ein schlaues Budget für die lange Zeit der Freiheit nach dem Erwerbsleben aufzubauen, doch deutlich limitiert. Aber wer bereits mit 50 beginnt, sich damit auseinanderzusetzen, kann in den 14 oder 15 Jahren bis zur Rente die Vorfreude auf den längsten Urlaub des Lebens vollends auskosten.