Nach Angaben von Allianz Commercial werden 90 Prozent des internationalen Handels über die Meere abgewickelt. Die Sicherheit im Seeverkehr ist daher von entscheidender Bedeutung. Während vor 30 Jahren noch etwa 200 grosse Schiffe pro Jahr havarierten, waren es 2023 nur noch 26. Dieses Rekordtief entspricht einem Rückgang mehr als einem Drittel gegenüber 2022 und mehr als 70 Prozent im Vergleich zu 2013. Das zeigt der aktuelle Safety and Shipping Review des Industrieversicherers. Gleichzeitig steht die Branche durch Kriege, geopolitische Spannungen und der grünen Transformation der Flotten vor grossen Herausforderungen.

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«Konflikte wie im Gazastreifen und in der Ukraine verändern die globale Schifffahrt und wirken sich auf die Sicherheit von Besatzung und Schiffen, Lieferketten und Infrastruktur und sogar auf die Umwelt aus. Die Piraterie ist vor allem am Horn von Afrika auf dem Vormarsch, während anhaltende Störungen durch die Dürre im Panamakanal zeigen, wie sich der Klimawandel auf die Schifffahrt auswirkt. Diese zusätzlichen Risiken kommen zu einer Zeit, in der sich die Branche ihrer grössten Herausforderung, der Dekarbonisierung, stellen muss,» sagt Kapitän Rahul Khanna, Global Head of Marine Risk Consulting, bei Allianz Commercial.

Südostasien bleibt globaler Hotspot

In den letzten zehn Jahren wurden 729 Gesamtausfälle gemeldet. Die Seeregion Südostasien ist sowohl im letzten Jahr als auch im letzten Jahrzehnt (mit 184 havarierten Schiffen) der globale Hotspot. Auf sie entfiel fast ein Drittel der im letzten Jahr verlorenen Schiffe (8). An zweiter Stelle stehen das östliche Mittelmeer und das Schwarze Meer mit sechs Ausfällen. Hier ist die Zahl im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Auf Frachtschiffe entfielen wiederum über 60 Prozent der 2023 weltweit ausgefallenen Schiffe.

Mit einem Anteil von 50 Prozent waren gesunkene Schiffe die Hauptursache für alle Gesamtverluste. Extreme Wetterbedingungen waren für mindestens acht Schiffsverluste weltweit verantwortlich, wobei die Dunkelziffer wahrscheinlich höher ist. Die Zahl der weltweit gemeldeten Schiffsunfälle ist im vergangenen Jahr leicht zurückgegangen (2'951 gegenüber 3'036), wobei die Britischen Inseln die höchste Zahl (695) verzeichneten. Auch die Zahl der Brände an Bord von Schiffen ging zurück: Im Jahr 2023 wurden 205 Brandfälle gemeldet. Mit 55 Totalverlusten in den letzten fünf Jahren sind Brände jedoch weiterhin ein zentrales Sicherheitsproblem auf grösseren Schiffen.

Zunehmende Angriffe

Jüngste Vorfälle wie der Krieg im Gazastreifen verdeutlichen die zunehmende Anfälligkeit der weltweiten Schifffahrt gegenüber geopolitischen Konflikten. Allein im Roten Meer wurden als Reaktion auf den Konflikt mehr als 100 Schiffe von militanten Huthi-Rebellen angegriffen. Die Beeinträchtigung der Schifffahrt in der Region wird in absehbarer Zukunft bestehen bleiben. Zunehmende Angriffe somalischer Piraten sind ein weiterer Grund zur Sorge. «Drohnen sind als neue Technologie eine zunehmende Bedrohung für die Handelsschifffahrt. Sie sind billig, einfach herzustellen und ohne Schutz der Kriegsmarine schwer abzuwehren», sagt Khanna. «Weitere technologiegestützte Angriffe auf die Schifffahrt und Häfen sind durchaus denkbar. Die Berichte über GPS-Störungen auf Schiffen nehmen zu, insbesondere in der Strasse von Hormus, im Mittelmeer und im Schwarzen Meer.»

Schattenflotte durch Sanktionen

Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine hat die schrittweise Verschärfung der internationalen Sanktionen gegen russische Öl- und Gasexporte zum Wachstum einer beträchtlichen «Schattenflotte» von Tankschiffen beigetragen. Diese umfasst mittlerweile zwischen 600 und 1'400 Schiffe, die bis heute in mindestens 50 Zwischenfälle verwickelt waren, darunter Brände, Maschinenausfälle, Kollisionen, Kontrollverlust und Ölverschmutzung. «Es handelt sich zumeist um ältere, schlecht gewartete Schiffe, die ausserhalb der internationalen Vorschriften und oft ohne angemessene Versicherung betrieben werden. Dies birgt ernsthafte Umwelt- und Sicherheitsrisiken», sagt Justus Heinrich, Leiter der Schifffahrtsversicherung in Deutschland und der Schweiz bei Allianz Commercial. «Die Kosten dieser Vorfälle fallen oft den Regierungen oder den Versicherern der anderen Schiffe zur Last.»

Transitverkehr auf Suezkanal stark beeinträchtigt

Die Angriffe auf die Schifffahrt in den Gewässern des Nahen Ostens haben auch den Transitverkehr auf dem Suezkanal und den Handel stark beeinträchtigt. Dieser ist nach Angaben von Allianz Commercial seit Anfang 2024 um mehr als 40 Prozent eingebrochen. Kurz nach den anhaltenden Störungen durch die Dürre im Panamakanal kommt dies einem doppelten Schlag für die Schifffahrt gleich. Globale Lieferketten stehen damit vor einer weiteren Belastungsprobe, weil sich unabhängig von den alternativen Routen lange Umwege und höhere Kosten ergeben. Ein Beispiel: Die Umgehung des Suezkanals über das Kap der Guten Hoffnung verlängert die Fahrzeit um mindestens 3'000 Seemeilen (über 5'500 Kilometer), was etwa zehn Tagen entspricht. 

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Strenge Klimaziele

Die Schifffahrt trägt jährlich mit etwa drei Prozent zu den weltweiten Treibhausgasemissionen bei und hat sich strenge Ziele zur Reduzierung dieser Emissionen gesetzt. Um diese Ziele zu erreichen, ist nach Ansicht der Allianz-Experten ein Mix aus verschiedenen Strategien erforderlich, darunter Massnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz, die Einführung alternativer Kraftstoffe sowie innovative Schiffskonstruktionen und Antriebsmethoden. Dementsprechend stellt die Dekarbonisierung die Branche vor verschiedene Herausforderungen: Sie muss eine Infrastruktur entwickeln, die den Betrieb von Schiffen mit alternativen Kraftstoffen unterstützt und gleichzeitig fossile Kraftstoffe auslaufen lassen.

Zudem gibt es potenzielle Sicherheitsprobleme für Hafenbetreiber oder Schiffsbesatzungen beim Umgang mit alternativen Kraftstoffen, die giftig oder hochexplosiv sein können. «Die Erhöhung der Werftkapazitäten wird von entscheidender Bedeutung sein, da die Nachfrage nach umweltfreundlicheren Schiffen zunimmt. Diese Kapazitäten sind derzeit durch lange Wartezeiten und hohe Baupreise begrenzt», sagt Heinrich.

Bis 2050 müssen jährlich über 3'500 Schiffe gebaut oder umgerüstet werden, doch die Zahl der Werften hat sich zwischen 2007 und 2022 mehr als halbiert. «Kapazitätsengpässe auf den Werften können sich auf Reparaturen und Wartung auswirken. Bei beschädigten Schiffen kann es daher zu langen Verzögerungen kommen.» Maschinenschäden oder -ausfälle sind die häufigste Ursache für Schiffsunfälle und machen im Jahr 2023 weltweit mehr als die Hälfte der Unfälle aus (1'587). (pd/hzi/bdw)