Nur etwa die Hälfte der Schweizer Bevölkerung kann regelmässig Geld zurücklegen. Das Problem liegt weniger beim Willen als bei der Umsetzung: 79 Prozent geben an, dass ihnen das Sparen wichtig ist, doch nur 47 Prozent konnten in den letzten sechs Monaten tatsächlich Geld zur Seite legen. Gemäss Bundesrat drohen der AHV ohne Gegenmassnahmen bis 2030 Defizite von 2,5 Milliarden Franken, bis 2040 Defizite von 5,7 Milliarden.
Auch die berufliche Vorsorge steht durch die steigende Lebenserwartung und den demografischen Wandel vor grossen Herausforderungen. Umso wichtiger wird die private Vorsorge. Zugleich stufen 60 Prozent der Bevölkerung ihr Finanzwissen selbst als höchstens mittelmässig ein. In einer Umfrage konnten die Befragten im Durchschnitt nur 5,43 von 10 Finanzfragen richtig beantworten – mit erheblichen Unterschieden zwischen Einkommensgruppen und Geschlechtern.
Manuel Fuchs ist Leiter Wholesale & ETF bei Invesco Schweiz
Dies reflektiert sich in der Schweizer Sparquote. Sie liegt mit über 22 Prozent zwar europaweit an der Spitze, doch die Art, wie gespart wird, wirft Fragen auf: Die durchschnittlichen Sparzinsen sind 2025 auf 0,18 Prozent gefallen, viele Banken zahlen gar keine Zinsen mehr. Gleichzeitig zeigt das UBS-Sorgenbarometer 2025, dass die Altersvorsorge auf Platz drei der grössten Sorgen der Bevölkerung steht. Ein Widerspruch? Nicht unbedingt, aber ein Zeichen dafür, dass traditionelle Sparformen ihre Wirkung verloren haben. Dabei ist gerade in Niedrigzinsphasen die Wahl der Anlageform entscheidend. Und mit ihr der Zinseszinseffekt. Dieser funktioniert unabhängig vom absoluten Zinsniveau – entscheidend sind die Gesamtrendite und deren konsequente Wiederanlage.
Wenn Mathematik auf Marktlogik trifft
Die Mechanik des Zinseszinses ist einfach: Wer Erträge reinvestiert statt abhebt, erzielt Renditen auf bereits erzielte Renditen. Ein Beispiel macht den Unterschied deutlich: 5'000 Franken zu 8 Prozent jährlich angelegt wachsen bei Entnahme der Zinsen in dreissig Jahren linear auf 17 000 Franken. Reinvestiert man hingegen konsequent, erreicht man über 50 000 Franken – das Dreifache.
Noch eindrücklicher wird der Effekt bei Sparplänen unter günstigen Marktbedingungen: Eine Anfangsinvestition von 25'000 Franken kombiniert mit monatlich 150 Franken über 35 Jahre könnte – bei der historischen Rendite des MSCI World von 12 Prozent der vergangenen zehn Jahre – auf knapp 2,65 Millionen Franken anwachsen. Davon entfallen lediglich 88'000 Franken auf Eigenkapital. Wer mit dreissig Jahren beginnt, hat gegenüber einem Vierzigjährigen nicht nur zehn Jahre mehr Anlagedauer, sondern profitiert von zehn zusätzlichen Zinseszinszyklen. Diese Dekade kann den Unterschied zwischen komfortabler Zusatzrente und Vorsorgelücke ausmachen.
Die Herausforderung liegt in der praktischen Umsetzung. Dividenden und Kursgewinne zu reinvestieren, erfordert Disziplin, besonders wenn kurzfristige Konsumwünsche locken. Thesaurierende Fonds, die Erträge automatisch reinvestieren, machen den Zinseszinseffekt zum Autopiloten des Vermögensaufbaus. Fakt ist jedoch auch, dass nur 31 Prozent der Schweizer ein 3a-Konto mit Wertschriftenlösung besitzen und 24 Prozent in Aktien- oder ETF-Sparpläne investieren – obwohl gerade diese Instrumente den Zinseszinseffekt optimal nutzen.
Bildung als Schlüssel
Drei Viertel der Bevölkerung finden es wichtig, dass Finanzwissen bereits in der Schulzeit vermittelt wird – doch 69 Prozent bewerten ihre schulische Ausbildung in diesem Bereich als unzureichend. Diese Lücke hat Konsequenzen: Obwohl 57 Prozent der unter 65-Jährigen von einer Frühpensionierung träumen, planen nur 11 Prozent aktiv darauf hin. Die Finanzindustrie täte gut daran, nicht nur Produkte zu verkaufen, sondern auch Finanzbildung zu fördern. Der beste Vermögensberater ist das Verständnis dafür, wie Geld wirklich für einen arbeitet – durch die Kraft des Zinseszinses.
Der Zinseszins ist keine Magie, sondern Mathematik. Wer ihn versteht und nutzt, kann sich einen entscheidenden Vorteil verschaffen. Der demografische Wandel mit einem steigenden Bevölkerungsanteil von Senioren und einem sinkenden Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentnern macht private Vorsorge zur Notwendigkeit. In diesem Kontext wird das Verständnis für Zinseszinseffekte von der Kür zur Pflicht – für jeden, der seine Chancen auf einen besseren Lebensstandard im Alter erhöhen möchte.


