Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Derzeit sorgen die Ängste vor einer Ausweitung des Handelsstreits und dessen Auswirkungen auf die globale Wirtschaft für eine Risikoaversion unter den Anlegern. Mit den wachsenden Spannungen in verschiedenen Weltregionen sind die Abwärtsrisiken für die Weltwirtschaft nochmals gestiegen. Auf der anderen Seite geben die Notenbanken dem politischen Druck nach und geben mit zahlreichen Zinssenkungen mächtig Gegensteuer, um dem befürchteten Abschwung entgegenzutreten. Je nach Aussagen aus den USA, China oder von den Notenbanken kann sich der Markt in die eine oder andere Richtung entwickeln. Das heisst: Die Volatilität wird hoch bleiben.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die Robustheit der Schweizer Börse ist auf den ersten Blick überraschend. Die Erklärung liegt jedoch auf der Hand: Einerseits ist die sektorielle Aufteilung defensiv geprägt. Andererseits fallen die negativen Gewinnrevisionen in der Schweiz bescheidener aus, als in zyklischen Märkten wie Europa oder in den Schwellenländern. Es ist gut möglich, dass der «flight-to-quality»- Trend in defensive Werte wie Nestlé, Novartis und Roche weitergeht und zyklischen Werte weiterhin links liegen gelassen werden. Angesicht der auslaufenden Berichtsaison erwarte ich eher eine Seitwärtsbewegung.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Dank den Index-Leadern wie Nestlé, Novartis oder Roche wurde die 10‘000 Punkte-Marke zeitweise geknackt. Damit der SMI weiteren Aufwind erhält, benötigen wir klare, positive Impulse aus den obengenannten Einflussfaktoren. Dann traue ich dem SMI noch einen Anstieg auf 10‘200 Punkte zu. Erreicht jedoch der Handelskonflikt eine weitere Eskalationsstufe, sehe ich durchaus eine Rückschlaggefahr bis auf 9‘000 Punkte.

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Der Franken steht unter Aufwertungsdruck. Wie stark könnte der Franken gegenüber dem Euro werden?
Die aktuellen Treiber hinter der Frankenstärke sind politischer Natur: Handelsdispute, Iran, Italien, Hongkong, Argentinien und Nordkorea. Diese könnten in den kommenden Monaten den Franken gegenüber dem Euro durchaus bis in den Bereich von 1.06 bis 1.08 steigen lassen. Das liegt meines Erachtens in einem vertretbaren Rahmen verglichen mit der Kaufkraftparität von gut CHF 1.10.
Der Trend ist jedoch klar: Aufgrund der Leistungsbilanzüberschüsse und der historisch geringen Inflation bleibt der Franken eine Aufwertungswährung.

Die Europäische Zentralbank EZB wird im September 2019 die Zinsen senken und bringt die SNB nochmals unter Zugzwang. Wie soll sie sich verhalten?
Ich erwarte von der EZB eine Leitzinssenkung um 10 Basispunkte auf -0.50%. Zudem wird bei den schwachen Konjunkturdaten aus Europa die «Quantitativen Lockerung» mittels Wertpapierkäufen immer wahrscheinlicher. Die SNB hat aus meiner Sicht zwei Möglichkeiten: Sie zieht mit der Zinssenkung mit und hält die Zinsdifferenz aufrecht. Oder sie nützt die Gelegenheit, sich von der EZB zu emanzipieren. Aus meiner Sicht sollte die SNB auf eine Zinssenkung verzichten, weil der Schweizerfranken nicht mehr per se überbewertet ist und sich der Aussenhandel stabil genug entwickelt. Vor allem auch, weil die Nebenwirkungen einer Zinssenkung grösser sind als die Auswirkungen der Frankenstärke auf die hiesige Konjunktur.

Wieso diese kritische Haltung gegenüber noch tieferen Zinsen in diesem unberechenbaren Konjunkturumfeld?
Wir sind in einer Tiefzinsfalle gefangen und weitere Senkungen haben in der Summe einen negativen Effekt. Nehmen wir die Haushalte: Durch die globale Unsicherheit werden die Sparquoten vom 2018 ins 2019 nochmals ansteigen. Der damit zusätzlich generierte Liquiditätsüberschuss drückt dann wieder auf das Zinsniveau. Da braucht es nicht noch Zentralbanken, die diesen Effekt verstärken. Solange zahlreiche politische Lager für Unsicherheit sorgen, kommen wir nicht aus der Tiefzinsfalle heraus. Und da der Zinseszins-Effekt wegfällt, beispielsweise auf Vorsorgekapitalen,
sparen die Menschen noch mehr.

Die US-Grossbank Goldman Sachs erwartet keine Lösung im US-chinesischen Handelsstreit vor den Präsidentschaftswahlen in den USA im kommenden Jahr. Teilen Sie diese pessimistische Einschätzung?
Für die laufenden Gespräche habe ich kaum Hoffnung. Das ist mehr Schadensbegrenzung und Wahlkampf. Die Differenzen zwischen den USA und China gehen viel weiter. Die USA sehen ihre Vormachtstellung in der Welt durch China bedroht, und die chinesische Regierung wird sich dem Diktat aus Washington nicht beugen. Es wird keinen Gewinner geben. Möglicherweise kann es zu einer temporären Entspannung kommen, doch China wird sein «Made in China 2025»-Programm unbeirrt weiterführen, um die Abhängigkeit von US-Technologielieferanten auf ein Minimum abbauen zu können.

 Valiant-CIO Renato Flückiger

 

*Renato Flückiger ist seit August 2012 CIO der Bank Valiant in Bern. Zuvor war der Betriebsökonom bei der Grossbank UBS in verschiedenen Funktionen tätig. Renato Flückiger hat an der Fachhochschule in Bern studiert und besitzt zudem das Diplom des Chartered Financial Analyst.

Quelle: ZVG

Novartis steht wegen der Kontroverse um sein Medikament Zolgensma in den USA unter Druck. Wir stark belastet dies den Basler Pharmakonzern?
Novartis drohen straf- und zivilrechtliche Folgen in den USA, und der positive Ruf des Unternehmens könnte weitere Kratzer bekommen. Wie schmerzhaft die Busse ausfallen könnte, ist nicht vorherzusagen. In den USA herrscht Wahlkampf, und die Regeln der Vernunft sind teilweise ausser Kraft gesetzt. Die Erfahrungen aus ähnlichen Fällen zeigen uns, dass Novartis wohl mit einem hohen Betrag rechnen muss.

Björn Rosengren wird CEO von ABB. Vor welchen Herausforderungen steht der neue Chef des Industriekonzerns?
Björn Rosengren verfügt über die nötige Erfahrung und den Leistungsausweis, um ABB erfolgreich in die Zukunft zu führen. Aus seinen früheren Führungspositionen in verschiedenen Unternehmen kann er eine eindrückliche Erfolgsbilanz vorweisen. Allerdings muss allen Aktionären klar sein, dass ABB auch nach der Verpflichtung des neuen CEO’s nicht sofort zu einem neuen Konzern wird. Bis positive Verbesserungen auch ihm Aktienkurs ersichtlich sein werden, braucht es ein paar Jahre. Zusätzlich benötigt ABB eine positive Wirtschaftsentwicklung.

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