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Schwellenländer
Afrika braucht Geduld

Afrika Investment Aktien Fonds

Das Mobilgerät ist eine Bank: Models an einer Modeshow in Lagos, Nigeria.

Quelle: Getty Images

Der afrikanische Kontinent profitiert massiv vom Geld chinesischer Investoren. Schafft dies Chancen für Anleger?

Von Sandra Willmeroth
am 15.06.2019

Afrika gilt in der Finanzwelt noch immer als Frontier Market – als Nachwuchsschwellenland mit grossen Chancen und hohen Risiken. Doch ein Mitspieler lässt die Investoren aus dem Westen seit einiger Zeit aufhorchen: China. Das Reich der Mitte investiert massiv in den Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur, überall auf dem schwarzen Kontinent.

«Investitionen bedeuten Arbeitsplätze. Anders als die westliche Entwicklungshilfe investiert China in den Wirtschaftsprozess und schafft Arbeitsplätze», sagt Burkhard Varnholt, CIO Schweiz der Credit Suisse sowie Gründer eines Waisendorfes in Uganda

China rührt auch gleich mit der grossen Kelle an: 60 Milliarden Dollar investiert das Reich der Mitte in die wirtschaftliche Entwicklung des gesamten Kontinents, es baut und beteiligt sich an Zugstrecken, Flughäfen, Kasernen, Raffinerien und Staudämmen und finanziert sogar den Bau ganzer Städte, beispielsweise in Angola.

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«Afrika bedeutet auch 1,2 Milliarden Menschen, von denen die allermeisten noch immer bereit sind, für 2 Dollar am Tag zu arbeiten.»

Burkhard Varnholt, CIO Credit Suisse

«Natürlich macht China das nicht ohne Eigennutz», so Varnholt; dennoch goutiert der Afrika-Kenner das Engagement aus dem Osten, denn das, davon ist er überzeugt, lässt andere Investoren weltweit hellhörig werden und wird einen Investitionswettlauf lostreten – von dem jedoch auch nicht alle Regionen des drittgrössten Kontinents im gleichen Masse profitieren werden. Immerhin umfasst der schwarze Kontinent 54 zum Teil sehr heterogene Länder, 44 verschiedene Währungen, 2000 Sprachen und 25 Aktienbörsen.

«Aber Afrika bedeutet auch 1,2 Milliarden Menschen, von denen die allermeisten noch immer bereit sind, für 2 Dollar am Tag zu arbeiten», sagt Burkhard Varnholt.

Konsum und Mobile Banking

Billiger ist der Faktor Arbeit nirgendwo auf der Welt, verglichen damit erscheint Asien als Produktionsstandort geradezu teuer. Zudem bedeutet diese Milliarde Menschen, von denen 40 Prozent unter 15 Jahre alt sind, eine ungeheure Konsumkraft.  «Angesichts der Bevölkerungsdynamik ist einer unserer bevorzugten Sektoren natürlich auch der Konsum», erklärt Pandora Omaset, Managerin des 2008 aufgelegten Afrika-­Fonds von JP Morgan Asset Management.

Omaset investiert gerne in Firmen, die Basisgüter für den afrikanischen Massenmarkt produzieren. Angesichts des rasanten Bevölkerungswachstums und des enormen Potenzials der steigenden Kaufkraft von mehr als einer Milliarde Menschen ist das ein nachvollziehbarer Investmentansatz. Da kommt der zweite Investmentschwerpunkt der Portfoliomanagerin schon etwas überraschender daher: Technologie.

Es klingt paradox, aber die schlechte Infrastruktur in vielen Ländern Afrikas hat einigen Sektoren zu einem Technologiesprung verholfen, so dem mobilen Banking. Hier gilt Kenia als das fortschrittlichste Land weltweit. Kaum jemand hat ein Bankkonto, aber mit dem mobilen Bezahlsystem M-Pesa können Kleinkredite, Überweisungen und das Sparkonto über das Handy geführt werden. Und zwar über ein ganz normales ­altes Handy.

Vorzeigeschüler Kenia

Mittlerweile gibt es das ­mobile Bezahlsystem in vielen Ländern der Subsahara; insgesamt nutzen rund dreissig Millionen Menschen M-Pesa, in Kenia wird ein Viertel des Bruttoinlandprodukts darüber abgewickelt. Zudem hat die Regierung für einen schnellen, günstigen Internetzugang und ein stabiles Funknetz gesorgt: Die Mobilfunk­penetration liegt bei über 90 Prozent.

Des Weiteren investiert das Land in Forschung und Entwicklung, und in Sachen Technologietransfer gilt Kenia als Vorzeigeschüler des gesamten Kontinents. Im «Ease of Doing Business»-Ranking der Weltbank hat Kenia seit 2014 insgesamt 68 Plätze gutgemacht und rangiert heute auf Platz 61.

«In den letzten fünf, sechs Jahren hat die rasche Digitalisierung in einigen afrikanischen Ländern für enorme Veränderungen gesorgt», sagt Robin Lingg, Head of International Digital Marketplaces bei Ringier (die «Handelszeitung» gehört zu Ringier Axel Springer Schweiz).

Lingg hat das Afrika-Geschäft für Ringier aufgebaut und die Entwicklung afrikanischer Hotspots wie etwa im nigerianischen Lagos miterlebt. Siedelten in den fünfziger Jahren erst 300 000 Menschen in der nigerianischen Stadt, sind es heute rund zwanzig Millionen und 2050 werden es vermutlich vierzig Millionen sein.

Anlageklassen

Investitionsideen für Privatanleger

Indizes:
Der MSCI Africa Top 50 und der MSCI South Africa Index umfassen Aktien mit hoher und mittlerer Marktkapitalisierung, sind aber beide sehr rohstofflastig.

Fonds:
Interessierte Privatanleger, die gezielt ein Engagement in Afrika suchen, sind bei aktiven Fondsmanagern, die über Zugang zu den Märkten verfügen, gut aufgehoben.
Hier die Auswahl der «Handelszeitung»:
BB African Opportunities, ISIN LU0433847596; JPM Africa Equity, ISIN LU0355584466; Robecco Afrika Fonds, ISIN NL0006238131; DWS Invest Africa, ISIN LU0329759764.

Digitale Dienste auf dem Vormarsch

Die Zahl der Internetnutzer hat sich in Nigeria von 2015 bis 2018 von fünfzig auf hundert Millionen verdoppelt. Schon jetzt zählt die Stadt zu den dreissig Regionen der Welt mit dem schnellsten ökonomischen Wachstum. Nebst Lagos haben noch zwanzig weitere dieser Hotspots ihre Wurzeln in afrikanischem Boden: in Nigeria, Südafrika, Kenia, Ghana, Senegal und Uganda. Die rasante Geschwindigkeit, mit der sich digitale Dienste und Geschäfte entwickeln, sei unter anderem China und den grossen Investments in den Kommunikationssektor (wie in den Ausbau des Mobilfunknetzes und in das Angebot an günstigen Smartphones) zu verdanken, meint Lingg.

«Wir bevorzugen Länder, deren Regierungen proaktiv arbeiten.»

Malek Bou-Diab, Bellevue Asset Management

 

Auch für ihn ist das chinesische Engagement ein zweischneidiges Schwert. Aber letztlich ist er überzeugt, dass die Fortschritte beim Ausbau der afrikanischen Infrastruktur, vor allem in den Bereichen Logistik, Handel und Produktion sowie im ­Gesundheitssektor, ohne das Geld aus Peking noch sehr lange auf sich warten liessen. «Es fliesst derzeit aber auch aus anderen Teilen der Welt wieder mehr Venture Capital in die afrikanischen Märkte», beobachtet Lingg. Doch anders als vor dem Hype vor rund fünf bis zehn Jahren seien die Investitionen heute gesünder und realistischer.

«Die Vehikel waren zu gross, die Erwartungen ebenfalls und der Horizont der Investitionen war zu kurz», urteilt er.

Heute richteten Investoren ihre Projekte auf einen Zeitraum von zehn Jahren oder länger aus, sodass sich ein gesundes Ökosystem in Wirtschaft, ­Gesellschaft und Regierung entwickeln könne. Denn ein solches sei die Basis für Investitionen.

Krebsgeschwür Korruption

Malek Bou-Diab, Portfoliomanager des Aktienfonds BB African Opportunities von Bellevue Asset Management, hat dagegen ganz konkrete Vorstellungen, wenn es um das Investieren in Afrika geht: «Wir bevorzugen Länder, deren Regierungen proaktiv daran arbeiten, stabile politische Rahmenbedingungen aufzubauen, und die versuchen, wirkliche Reformen umzusetzen.»

Er nennt Ägypten und Marokko als Beispiele. Marokko sei zwar nicht sonderlich spektakulär, aber stabil, und in Ägypten sei seit dem arabischen Frühling sehr viel passiert, bis hin zur Liberalisierung des ägyptischen Pfunds. «Solche Reformen sind zwar kurzfristig schmerzhaft, aber mittel- und langfristig kommen die Früchte», ist der Manager des 2009 lancierten Fonds überzeugt. Das gelte ebenso für das Thema Korruption, diesem «Krebsgeschwür in Afrikas Wirtschaft und Gesellschaft», wie Experten es nennen.

Strenge Governance-Regeln

Zwar müssen sich afrikanische Unternehmen an strenge Governance-Richtlinien halten, die von den meisten kotierten Firmen schon aus Eigeninteresse sehr ernst genommen werden. «Die in Afrika an der Börse gelisteten Unternehmen sind die transparentesten des Kontinents, aber es kann keiner 100 Prozent korruptionsfrei darauf stempeln», warnt Bou-Diab.

Was also können Anleger tun? Wer auf Einzelaktien setzen möchte, muss wissen, dass viele der gelisteten Firmen im Rohstoffsektor tätig sind. Entsprechend volatil sind auch die gängigen Indizes, die eine Alternative zum Direktinvestment sein können. Es gibt zwar Ausnahmen wie Jumia, doch auch hier ist grösste Vorsicht angebracht. Im April wagte der Online-Retailer aus Lagos den Gang an die New Yorker Börse. Der Aktienkurs verdreifachte sich in den ersten Handelstagen. Kurz danach machten allerdings Gerüchte über geschönte Zahlen die Runde, woraufhin die Titel wieder einbrachen.

Unter den nicht gelisteten Firmen diejenigen herauszufiltern, die gesund wirtschaften, ist dagegen noch schwieriger. Gemäss Afrika-Fondsmanager Bou-Diab hätten viele afrikanische KMU keine befriedigende Buchhaltung und agierten mehrheitlich unter dem Radar der Behörden. Für Privatanleger gilt hier: Finger weg.