Der steigende Strombedarf bringt Afrika in Zugzwang, und Atomkraft gilt als mögliche Lösung. Westliche Staaten und Unternehmen, die grosses Interesse an den Ressourcen und dem Marktpotenzial des Kontinents haben, haben ihre Unterstützung angeboten. Doch bereits in der Frühphase der Planungen werden erste grössere Hindernisse offenbar. Unklar ist etwa, ob das nötige Kapital aufgebracht werden kann. Die potenzielle Verfügbarkeit von Atomkraft und Know-how in den oft instabilen politischen Systemen der afrikanischen Länder erregt ebenfalls weltweit Besorgnis.

Ein Konsortium, dem unter anderem die südafrikanische Regierung und die zur Toshiba Group gehörende Westinghouse Electric angehören, investiert 3 Mrd Dollar n neuen Typ von Atomkraftwerk, von dem Befürworter sagen, es könnte später den Bau weiterer Anlagen verbilligen. Südafrika, das 60% des gesamten in Afrika verbrauchten Stroms produziert und über seine Stromnetze auch Nachbarländer wie Namibia, Botswana und Simbabwe versorgt, will 20 Mrd Dollar in den Ausbau des Stromsektors, unter anderem in mindestens fünf neue, grosse Atomreaktoren, investieren.

Zentrale Rolle Südafrikas

In Südafrika, wo 7% des weltweit abbaubaren Urans lagern, plant man überdies, Uran anzureichern und zu exportieren.

«Es wäre seltsam, wenn sich ein Land, das über ähnlich grosse Uranvorkommen wie Südafrika verfügt – und die Anreicherung betreiben wir schon länger –, diese Vorräte nicht zunutze machen würde», erläutert der südafrikanische Minister für Handel und Industrie (Public Enterprises), Alec Erwin. Er betonte jedoch, das Land werde die Vorschriften der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) genau befolgen.

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Andere afrikanische Staaten, in denen sich insgesamt rund 20% des weltweit abbaubaren Uranvorrats befinden, wollen ebenfalls eigene Atomenergieprogramme aufstellen. Die Regierungschefs von Nigeria, Senegal, Uganda und Ägypten haben in diesem Jahr bereits angekündigt, sie seien sehr an der Entwicklung von Atomenergieprogrammen interessiert, entweder um den eigenen Strombedarf zu decken oder zur Diversifikation der Energiequellen ihres Landes.

Nach Europa erhielt im vergangenen Jahr Südafrika den zweitgrössten Anteil an Fördermitteln zum Ausbau der Atomkraft von der Atomaufsichtsbehörde IAEA. Tansania sagte, man wolle bis 2020 den ersten Atomreaktor bauen, während Burundi, Kongo und die Kapverden erst seit kurzem Mitglieder der IAEA sind und Guinea mit der Behörde in Gesprächen über die Entwicklung von Nuklearindustrie steht.

Nach Schätzungen der eng mit der Uno zusammenarbeitenden Aufsichtsbehörde für die Industriestaaten wird der Strombedarf in Afrika jährlich um  durchschnittlich 3,7% wachsen – die höchste Rate abgesehen vom ostasiatischen Raum.

Afrika südlich der Sahara benötigt für Investitionen im Energiesektor in den nächsten 20 Jahren 560 Mrd Dollar, schätzt Jeannot Boussougouth, Analyst beim internationalen Consulter Frost & Sullivan. Auf Afrika entfallen derzeit rund 5% des weltweiten Stromverbrauchs. Doch Atomkraft verlangt grosse Vorausleistungen und sehr gute technische Kenntnisse. Die IAEA geht davon aus, dass der Anteil des aus Atomkraft gewonnenen Stroms in Afrika von 11 Terawattstunden im Jahr 2005 bis 2015 auf 15 Terawattstunden steigen, aber dennoch nur einen kleinen Prozentsatz an der afrikanischen Gesamtenergie ausmachen wird.

Hans-Holger Rogner, Vorsitzender der Abteilung Planung und Wirtschaftsstudien bei der IAEA: «In den Köpfen der Menschen hat eine mögliche nukleare Renaissance bereits begonnen, aber sie hat die Geldbörsen noch nicht erreicht.»

Vor allem das Thema Sicherheit wird diskutiert. Kritiker weisen darauf hin, dass eine «schmutzige» Bombe schnell gebaut ist, wenn man erst einmal Zugang zu radioaktivem Material – und sei es auch nur in winzigen Mengen – hat.

Südafrika konzentriert sich hauptsächlich auf einen kleinen, kostengünstigen Reaktor, der an der Küste, nördlich von Kapstadt, entwickelt werden soll. Der Entwurf hat das Interesse des USEnergieministeriums geweckt, das einen Zuschuss von 3,7 Mio Dollar zur Erforschung des Reaktorpotenzials in anderen Umgebungen gewährte. Ministeriumssprecher Spurgeon sagt, diese Technologie sei eine von rund einem Dutzend, die innerhalb eines 250-Mio-Dollar-Programms untersucht werden soll mit dem Ziel, kleine Atomreaktoren für Entwicklungsländer zu entwickeln.

Eine revolutionäre Technik

Die Reaktortechnik wird von der Pebble Bed Modular Reactor Ltd. entwickelt. An dieser Firma hält Westinghouse 15%, der Rest gehört dem Staat Südafrika und der staatlichen Eskom. Es werden Tausende von tennisballgrossen Grafitkugeln mit Urankernen verwendet. Befürworter weisen darauf hin, dass ein derartiger Kugelhaufenreaktor nach Erreichen der Serienreife rascher und billiger gebaut werden kann – in zwei Jahren für rund 500 Mio Dollar.

Er muss nicht wassergekühlt werden, ist also praktisch für jeden Standort geeignet. Die Kapazität kann schrittweise erhöht und bereits in der Bauphase dem lokalen Energiebedarf genauer angepasst werden, wodurch Überinvestments vermieden werden können.

Rita Browser, Vizepräsidentin von Westinghouse in Südafrika, spricht in diesem Zusammenhang von einer «kleinen, an die Verhältnisse angepassten» Anlage in
einem expandierenden Markt für billige, leistungs- und anpassungsfähige Reaktoren.

Es gibt jedoch auch skeptische Stimmen, die unter anderem auf die Verzögerungen und Kostensteigerungen hinweisen, die seit Beginn der Planung für den Pilotreaktor im Jahr 1998 entstanden sind.