Griechenland erhält einen weiteren Überbrückungskredit, und die Europäische Zentralbank stellt den Banken neues Geld zur Verfügung. Das spricht für weitere Kursavancen. Doch was sagt die Charttechnik dazu?
Alfons Cortés:
Nach meinen Berechnungen befinden wir uns immer noch in jenem Bullenmarkt, der im März 2009 seinen Anfang nahm. Letzten Herbst erlebten wir zwar einen Crash. Seither hat aber eine Erholung eingesetzt, die den Aufwärtstrend bestätigt.

Letzthin hat der Schweizer Leitindex SMI allerdings eine Delle erhalten. Muss erneut mit einem Einbrechen der Kurse gerechnet werden?
Der SMI-Futurekontrakt ist seit letztem Sommer um rund 30 Prozent ­gestiegen. Das spricht für eine Konsolidierung, die einige Wochen bis Monate anhalten könnte.

Dann wäre 2012 erneut ein verlorenes Jahr für die Anleger?
Nein, überhaupt nicht. Ich rede von einer Pause von höchstens einigen Monaten.

Was lässt Sie so sicher sein, dass die Kurse nicht abstürzen?
Wenn dem so wäre, hätte ich mich im Szenario geirrt – dann wäre die jüngste Erholung nur eine Rally innerhalb eines Bärenmarktes gewesen. Und in ­einem Bärenmarkt gibt es keine Unterstützung nach unten. Wenn ich aber richtig liege mit der Erwartung steigender Märkte, würde jeder Rückschlag den Trend nach oben noch stärken.

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Genau wissen Sie es aber nicht.
Wir müssen mit dem Markt ­navigieren und auf Veränderungen ­achten. Die Zukunft voraussagen kann niemand.

Letzthin haben die Kursschwankungen am Leitindex SMI wieder zugenommen. Da schwant den Anlegern Böses.
Aber die Volatilität ist immer noch vergleichsweise tief. Der Volatilitätsindex des SMI, der VSMI, steht bei 16 Punkten. Letzten August wurden 48 Punkte erreicht. Auch die Volatilitäten des europäischen Euro Stoxx Index und des amerikanischen S&P 500 sind niedrig. Das sagt uns: Alles bleibt beim Alten. Extreme Schwankungen wären indes ein Signal zum Einstieg.

Extrem abgestürzt ist letzthin der viel beachtete Welthandels-Barometer Baltic Dry Index. Auch diverse andere Konjunkturindikatoren wie der deutsche Ifo-Index haben sich abgeschwächt. Welchen Reim machen Sie sich darauf?
Beim Baltic Dry Index sind wir ein wenig ratlos. Denn nebenher beobachten wir Aktien wie jene des Logistikers Kühne + Nagel, die stark zugelegt haben. Es könnte sein, dass der Index nur deshalb fällt, weil zu viele Schiffe gebaut wurden – es gibt überschüssigen Frachtraum. Generell taugen Konjunkturdaten schlecht zur Marktanalyse, weil die Börsen der Wirtschaft vorauseilen.

Beim Ölpreis sind Markt und Zustand der Branche dasselbe. Wird Energie noch teurer?
Diese Entwicklung bereitet uns derzeit grosse Sorgen. Denn das Geld, das für Energie ausgegeben wird, fehlt in anderen Märkten. 2008 hat es beim Ölpreis eine Blase gegeben, bis im Mai 2011 herrschte dann eine Konsolidierung. Seither zieht der Preis an und wird es wohl weiter tun.

Es droht ein Konflikt mit Iran. Könnte der Ölpreis explodieren?
Wer weiss das schon? Die richtige Deutung der Politik ist ausserordentlich schwierig, das zeigt sich immer wieder.

Die Sicht auf die Märkte reicht also nicht sehr weit. Was sollen Anleger tun?
Investoren sollten Rückschläge zu Zukäufen nutzen, denn es gibt noch durchaus interessante Werte. Einigen Raum nach oben erwarte ich bei Öl- und Finanzaktien, aber auch bei Industrie­titeln. Am Schweizer Markt sehen wir bei Nestlé Potenzial, aber auch bei den ­Industrievaloren Georg Fischer und Sulzer. Sogar UBS und Credit Suisse sind eine Wette wert. Allerdings muss man hier Rückschläge verkraften können.

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Alfons Cortés, Chef Unifinanz