«Gloom, Boom & Doom» – er ist wieder da: Marc Faber warnt vor einem Crash an den US-Aktienmärkten und darf dies zur besten Sendezeit auf CNBC begründen. Der Markt weise erhebliche Parallelen zu 1987 auf, sagt er. Was damals geschah ist hinlänglich bekannt: Am 19. Oktober verliert der Dow-Jones-Index fast 23 Prozent – der Tag geht als «Black Monday» in die Geschichte ein.

Obwohl der breiter gefasste S&P-500 auf Rekordhöhen notiere, hätten 170 Aktien aus dem Index ein 52-Wochen-Tief erreicht. «Das ist eine sehr hohe Zahl», sagt der als Crash-Prophet bekannt gewordene Zürcher, der heute in Hongkong lebt. Sein Fazit: Der Index wird bis zum Jahresende 2013 um 20 Prozent fallen – «oder noch mehr», wie er nachschiebt.

Inflationsgefahr lässt auf sich warten

In seiner Kritik steht die expansive Geldpolitik der Notenbanken. Doch genau hier liegt die Krux: Nach wie vor ist die konjunkturelle Entwicklung in den USA nicht über alle Zweifel erhaben, entsprechend wird der Markt mit liquiden Mitteln versorgt. Gefährlich wird das erst bei einer spürbaren Geldentwertung – doch gerade diese Signale einer Inflation sind nach wie vor (noch) nicht auszumachen.

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Kommt hinzu, dass eine positive Börsenstimmung zu Kursgewinnen führt und sich Anleger entsprechend ausgabefreudiger zeigen. So ganz ungewollt kann die Politik der US-Notenbank Fed also nicht sein.

Faber empfiehlt Gold, Goldminenaktien und US-Anleihen. «Die Stimmung ist extrem bärisch», sagt er – und hält diese Märkte für überverkauft. «Der nächste grosse Treiber der Goldhausse wird die Inflationsangst sein», sagte auch Rohstoff-Experte Peter Frech bereits vor Monatsfrist im Interview mit handelszeitung.ch. 

Fakt ist: Die Argumentationsreihe über die Geldpolitik der Fed beisst sich wie die Katze in den Schwanz. Kündigt deren Chef Ben Bernanke ein weiterhin lockeres Händchen an, freut dies die Aktienmärkte – denn mehr Liquidität bedeutet wiederum auch mehr Geld für Aktieninvestments. Genau die gleiche Ankündigung kann mitunter aber auch zu einer Verstimmung der Börsianer führen, weil das Gespenst der Inflationsangst die Runde macht.

Kennzahlen zur Einordnung

Viele Börsenexperten flüchten sich deshalb in statistische Kennzahlen – wie beispielsweise zu «Tobin's Q». Dieser von Nobelpreisträger James Tobin entwickelte Quotient setzt die Marktkapitalisierung eines Unternehmens ins Verhältnis zum Wiederbeschaffungswert seiner Vermögenswerte. Mit anderen Worten: Ein Resultat von 1 würde bedeuten, dass eine Firma an der Börse genau gleich viel wert hat, wie Maschinen, Immobilien oder Markenwerte zusammengenommen.

Aktuell liegt «Tobin's Q» in den USA bei 1,08 – und das ist deutlich höher als der seit Beginn der Messung im Jahr 1900 errechnete Durschnitt von 0,7. Ein Wert von 1,08 wurde seither nur vier Mal erreicht, so auch 1929, im Jahr des grossen Börsencrashs.

Ein ähnliches Bild zeigt eine Kennzahl, die der US-Ökonom Robert J. Shiller entwickelte: Weil das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) von Firmen aufgrund der mitunter volatilen Gewinnentwicklung sehr stark schwank, nimmt das sogenannte Shiller-KGV als Basis die Erträge über ein Jahrzehnt. Und auch dieser Wert liegt für US-Aktien weit über dem langjährigen Schnitt – nur vor 1929 und Ende der 1990er-Jahre, Stichwort Internetblase, wurde ein noch höherer Quotient gemessen.

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Viele Fragezeichen

«Spielereien von Zahlenknechten», unkte ein Kommentator zuletzt – andere fragen sich: Was haben die US-Daten für SMI & Co. zu bedeuten? Und in der Tat sind auf den ersten Blick keine Parallelen zu sehen; die Bewertung gemessen am KGV oder die Dividendenrendite notieren auf vergleichsweise moderatem Niveau. Was uns die Vergangenheit aber mit Sicherheit gelehrt hat: Kommt es in Übersee zu einem Crash, können sich die hiesigen Märkte dieser Druckwelle nicht entziehen.

Um zum Schluss zu kommen, dass, wer hoch steigt auch tief fallen kann, muss man kein Börsenfachmann sein. Und so passt es ganz gut ins Bild, dass selbst der emeritierte US-Wirtschaftsprofessor Doug Short zur Einschätzung kommt: «Phasen der Über- oder Unterbewertung können mehrere Jahre anhalten.»

Heisst also: Der Crash kommt heute – oder übermorgen. Oder eventuell auch gar nicht.

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