Schwarz und schwer hängt die Lederjacke über den Schultern von Jörg Wolle. Auf dem Rücken prangt der Name Harley Davidson. Ein Prunkstück von Motorradjacke. Manchmal trägt der DKSH-Chef das Leder auch an Firmenanlässen. Denn Motorräder sind seine Leidenschaft. Vor Jahren verunglückte der Konzernlenker mit seiner Maschine einmal schwer. Bekannte berichten, es sei damals um Leben und Tod gegangen. Vom Unfall erfuhren nur wenige.

Nun gibt Wolle erneut den Draufgänger, diesmal bei der Arbeit. Bis zum Sommer will er den 150-jährigen Handels- und Vertriebskonzern in Zürich an die Börse bringen. «Er geht gerne Risiken ein», sagt ein Bekannter über den ehemaligen DDR-Flüchtling. In der Branche ist man sich einig. Die Risiken für DKSH dürften mit dem Börsengang stark zunehmen. Seien es Korruption oder Sanktionslisten – im Handelsgeschäft lauern zahlreiche Compliance-Gefahren. Für kotierte Unternehmen sind die Folgen eines Verstosses gravierender als für private Firmen.

Das gilt umso mehr, als DKSH gerade in Asien stark ist – einer Region, in der viele Compliance-Gefahren lauern. Auf dem Kontinent sind die Schweizer eine Macht. Sie öffnen dort westlichen Firmen Märkte und vertreiben deren Produkte als Wiederverkäufer oder auf Kommis­sion. Ob Medikamente, Medtech-Geräte, Mars oder KitKat: In Thailand gibt es zum Beispiel kaum Spitäler oder Kioske, die keine Produkte über DKSH beziehen. «Ihre Position ist enorm stark», sagt ein Konkurrent vor Ort.

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An Handelshäusern wie DKSH kommen viele westliche Exportfirmen in Asien nicht vorbei. Ohne Wissen über die lokalen Märkte und lokale Gepflogenheiten ist jede Expansion zum Scheitern verurteilt. Dieses Know-how hat DKSH. «Deren Verkäufer sind sehr gute Türöffner», erzählt der Konkurrent. «Schon nur wegen ihrer langen Tradition pflegen sie hervorragende Kontakte zu wichtigen Leuten, den Banken und auch zu den Behörden.»

Sorgen in Vietnam und Kambodscha

Doch gute Kontakte alleine reichen nicht immer. «In manchen asiatischen Ländern braucht es noch immer gewisse Annehmlichkeiten, die man dem Geschäftspartner zukommen lassen muss, wenn man ein Geschäft abschliessen will», behauptet ein ehemaliger DKSH-Mann vor Ort. In Singapur oder Hongkong sei das nicht mehr so ausgeprägt. Da überlasse man seinem Gegenüber ab und zu einfach die Armbanduhr. Mehr brauche es nicht. Mehr Sorgen bereite ihm die Situation in Ländern wie Vietnam oder Kam­bodscha. Damit hätte aber nicht nur DKSH zu kämpfen, sondern jeder Händler. Oder sind das alles bloss wilde Geschichten? Gegenüber der «Handelszeitung» wollte das Unternehmen zu diesem Thema keine Stellung nehmen.

«Grosse Produzenten etwa aus Europa und den USA bearbeiten die Märkte in ­Asien oft nicht selber, weil es ihnen aus Compliance-Gründen zu riskant ist», sagt ein anderer Ex-Manager von DKSH. Deshalb überliessen sie das Einführen der Marke und den Vertrieb der Produkte dem Schweizer Konzern. Die grossen Lieferanten bräuchten Händler wie DKSH, um im Notfall jemanden ausserhalb der Firma tadeln zu können, falls einmal ein Fall unethischen Verhaltens publik würde.

Was für die Kunden von DKSH heikel ist, wird auch für den baldigen Börsen­neuling zum problematischen Terrain. «Das Top-Management um Jörg Wolle weiss sehr wohl um die Gefahren von mangelhafter Compliance», sagt ein ehemaliges Geschäftsleitungsmitglied. «Und es hat bereits einiges unternommen.»

Bohrgeräte für Burma

Bis 2007 beschäftigte DKSH in den Ländergesellschaften kaum Juristen. Erst danach wurden in Vietnam, den Philippinen, Taiwan, China oder Malaysia Rechtsabteilungen aufgebaut. Kurz zuvor hatte Wolle die Länderchefs entmachtet und eine neue Struktur mit Divisionen eingeführt. Deren Leiter mussten Richtlinien zum Thema Korruption unterschreiben. «Die DKSH legt schon lange einiges Gewicht auf die Compliance», sagt der Ex-Top-Manager.

Trotzdem soll DKSH 2008 in den Fokus der Behörden geraten sein. Damals beschloss die EU, das Regime in Burma zu isolieren. Die Militärregierung hatte zuvor den Aufstand buddhistischer Mönche und Nonnen blutig niedergeschlagen. Als Folge erstellte die EU eine Sanktionsliste mit Firmen, die mutmasslich die Position des Militärregimes stützten. Von da an waren die meisten Geschäfte mit diesen Firmen verboten. Auf der Sanktionsliste stand auch der Name der Firma Diethelm Technology.

Die Sanktionen richteten sich vor allem auch gegen Minen in Burma. Ohne die Deviseneinnahmen aus dem Rohstoffgeschäft sollte das Regime empfindlich geschwächt werden, so die Hoffnung in Brüssel. Diethelm Technology war auf der Sanktionsliste denn auch unter der Rubrik «Minenausrüstung» aufgeführt. «DKSH lieferte früher Bohrmaschinen von Atlas Copco nach Burma», berichtet ein Händler in Thailand. Die schwedische Firma stellt Industriewerkzeuge und Ausrüstungen für den Minenbau her. «DKSH hatte natürlich keine Freude über die Sank­tionsliste», sagt ein anderer.

Die Waren für Burma wurden offenbar meistens via die Filiale in Bangkok verkauft, die Finanzierung lief über Banken in Thailand. Auch über Malaysia seien Geschäfte abgewickelt worden. Mehrere Kenner der Verhältnisse bestätigen, dass Diethelm Technology eine Tochter der DKSH war, die man später schloss.

Oder ist das alles ein grosses Missverständnis? Der Konzern selber liess nämlich letzten Herbst gegenüber der «Handelszeitung» verlauten, «dass uns eine ­Firma mit Namen Diethelm Technology ­Yangon nicht bekannt ist» und dass ihm bisher keine Behörde eine Verletzung von Sanktionsbestimmungen vorgeworfen habe. Auch dazu will sich DKSH nun nicht mehr äussern. In Burma ist man noch mit der Tochter DKSH Myanmar präsent und in den Bereichen Gesundheitswesen und Konsumgüter aktiv.

Im Bereich der Exportkontrolle hat DKSH kurz nach der Einführung der Burma-Sanktionen das Engagement verstärkt. Zwischenzeitlich stellte man einen eigenen «Export Control Manager» an, der die Geschäfte auf ihre Verträglichkeit mit Sanktionslisten und anderen Regelwerken überprüft. Heute soll die Verantwortung dafür direkt bei der Geschäftsleitung in Zürich liegen. Gewisse Funktionen hat man nach Asien delegiert.

Möglicherweise reichen die Bemühungen nicht aus, um jede heikle Transaktion zu unterbinden. So soll sich laut unbestätigten Branchengerüchten vor noch nicht langer Zeit ein heikler Vorfall ereignet haben. DKSH sei die Agentur für den Vertrieb und den Verkauf der Maschinen eines renommierten deutschen Herstellers in Asien gewesen. Die Asien-Manager bei DKSH wollten angeblich eine Maschine an eine Drittpartei liefern, die auf einer EU-Sanktionsliste gestanden haben soll. Der Originalhersteller in Deutschland soll das erfahren und das Geschäft daraufhin unterbunden haben. Er habe um seinen Ruf gefürchtet, falls dieser Verkauf von Maschinen «im sensitiven Bereich» publik würde. DKSH nimmt dazu keine Stellung.

Ein solcher Fall wäre «sicher nicht von der Geschäftsleitung abgesegnet worden», urteilt ein DKSH-Mitarbeiter. Früher habe es eher noch heikle Geschäfte gegeben. Das habe abgenommen. Aber natürlich sei es schwierig, neue Verhaltensweisen bei den Verkaufsteams in gewissen asiatischen Ländern durchzusetzen.

Stärker im Scheinwerferlicht

Genau das dürfte Konzernchef Wolle künftig noch stärker beschäftigen. Nach der Publikumsöffnung steht DKSH im Scheinwerferlicht. «Die Compliance-Frage ist eines der grössten Risiken für DKSH nach dem Börsengang», urteilt ein Experte für gute Unternehmensführung. Das hat auch mit stärkerem politischem Druck in Grossbritannien und den USA zu tun. London hat letztes Jahr ein neues Antikorruptionsgesetz erlassen, das internationale Konzerne auch ausserhalb Grossbritanniens treffen kann. Und die USA gehen bei unethischem Verhalten seit einigen Jahren mit schwerem Geschütz auf Konzerne los. Das kann mitunter teuer werden. Die Bestechungsvorwürfe in Nigeria kosteten Panalpina am Ende 300 Millionen Franken. Und in der Schweiz büsste die Bundesanwaltschaft den Industriekonzern ­Alstom kürzlich mit der Begründung, die Compliance-Abteilung sei unterdotiert und die Mitarbeiter zu wenig erfahren gewesen.

In 80 Prozent der in den USA verfolgten Korruptionsfälle spielten Händler oder Vermittler die entscheidende Rolle. «Und Asien ist einfach eine anfällige Region für Korruption», sagt der Compliance-Experte. «DKSH muss da gerade nach dem Börsengang enorm aufpassen.» Denn bald drohen Sammelklagen von Aktionären, falls Compliance-Fehler und Verfahren zu einem Kursrückgang führen sollten.

Wolle gilt als einer, der mit kalkuliertem Risiko sein Umfeld prägt. Auf seiner Harley wählt er selber, wie stark der Gegenwind bläst. Bei der DKSH liegt das nach dem Börsengang nur noch bedingt in seiner Macht.

Traditionshaus: Börsengang nach 150 Jahren

Die Gründerzeit
Unabhängig voneinander gingen in den 1860er-Jahren Hermann Siber Hegner nach Japan, Eduard Anton Keller nach Manila und Wilhelm Heinrich Diethelm nach Singapur. Sie waren die Gründerväter der späteren DKSH. Zuerst gründeten sie aber eigenständige Unternehmen.

Die Expansion
Die Unternehmen der drei Schweizer florierten. Neue Märkte wurden erschlossen. Dazu gehörten Südostasien, Japan, China und der pazifische Raum. Keller und Diethelm steigerten zudem ihren sozialen und wirtschaftlichen Einfluss mit der Besetzung von diplomatischen Ämtern.

Der Zusammenschluss
Im Jahr 2000 schlossen die Nachkommen von Diethelm und Keller in vierter Generation die Geschäfte zur Diethelm Keller Holding zusammen. Zwei Jahre später entstand durch die Fusion mit der Siber Hegner die heutige DKSH. Die Initialen der Gründungsväter geben der Firma ihren Namen. Heute ist der führende Dienstleister für Marktexpansion mit Schwerpunkt Asien der grösste Privatkonzern der Schweiz. Er beschäftigt 24 000 Mitarbeiter in 35 Ländern. 2011 setzte er 7,3 Milliarden Franken um. Grösste Aktionärin ist die Diethelm Keller Holding. Die Investoren Stephan Schmidheiny und Rainer-Marc Frey sowie der Industrielle Robert Peugeot besitzen jeweils 10 Prozent. Bis Ende Juni plant DKSH nun die Publikumsöffnung an der Schweizer Börse.