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So funktionierte die Masche des Flash-Crash-Händlers

S&P 500 am 6. Mai 2010: Ist der legendäre Flash Crash nun aufgeklärt?   Bloomberg Terminal

Nach fünf Jahren scheint der Schuldige des kurzfristigen Börsencrashs von Mai 2010 gefunden. Ein einzelner Händler soll das Beben durch Scheinverkäufe ausgelöst haben. Wie funktionierte der Trick?

Von Gabriel Knupfer
am 22.04.2015

Fast fünf Jahre lang blieben die Hintergründe des Flash Crashs von 2010 im Dunkeln. Dabei hatte das Ereignis an den US-Börsen einen gewaltigen Schock ausgelöst und kurzfristig fast eine Billion Dollar an Aktienwert vernichtet. So stürzte der US-Leitindex Dow Jones am 6. Mai 2010 binnen fünf Minuten um 600 Punkte ab.

Nun scheint der Schuldige gefunden. In Grossbritannien wurde am Dienstag der 37-jährige Händler Navinder Singh Sarao wegen seiner mutmasslichen Rolle im kürzesten Börsencrash der Geschichte festgenommen. Die US-Behörden fordern seine Auslieferung und wollen ihm wegen Marktmanipulation den Prozess machen.

Verkaufslawine ausgelöst

Ob tatsächlich ein einzelner Finanzprofi hinter dem Vorfall steckte, bleibt zweifelhaft. Das FBI aber ist sich seiner Sache sicher. Durch geschicktes Spoofing soll Sarao die Programme von Hochfrequenzhändlern getäuscht und eine regelrechte Verkaufslawine ausgelöst haben. Spoofing nennt man das Platzieren von Scheinaufträgen, in der Absicht, diese umgehend wieder zu löschen.

Der Londoner Händler war auf das Geschäft mit den beliebten E-mini-S&P-Futures spezialisiert. Futures sind Terminkontrakte, bei denen das gekaufte Produkt erst in der Zukunft geliefert und bezahlt wird. Diese speziellen E-Mini-Futures sind an den amerikanischen S&P-500-Index gekoppelt. Mit einem automatisierten Handelsprogramm platzierte Sarao jeweils ein ganzes Paket der Futures zum Verkauf. Sein Ziel war aber nicht der Verkauf der Papiere, sondern die Manipulation der Kurse. Deshalb sorgte das Computerprogramm dafür, dass das Angebot des Händlers immer ein wenig teurer war, als das billigste Angebot anderer Teilnehmer, so dass ihm möglichst niemand die Papiere abkaufte.

40 Millionen Dollar verdient

Mit dem Trick der falschen Verkaufs-Order wollte Sarao andere Trader dazu bringen, ebenfalls zu verkaufen. So drückte er den Kurs und konnte seinerseits zu günstigen Konditionen einkaufen. Sobald dies geschehen war, schaltete der Brite sein Programm ab, die Kurse normalisierten sich und der Spoofer hatte einen satten Gewinn erschwindelt.

Nach Angaben der Ermittler der US-Finanzaufsicht CFTC hat Sarao während fünf Jahren an mindestens zwölf Tagen die Terminbörsen auf diese Weise manipuliert. Insgesamt soll er mit dem Algorithmus 40 Millionen Dollar verdient haben. Doch nur einmal kam es durch die Manipulation zu einem Crash. Am 6. Mai 2010 habe sein Trick «ein bisschen zu gut funktioniert», schreibt Börsenexperte Matt Levine auf dem Wirtschaftsportal «Bloomberg».

Keine einzige Verkaufs-Order realisiert

Dabei war der Tag, der dem Trader nun zum Verhängnis werden könnte, zunächst sehr lukrativ für den Briten. Während dem Crash kaufte er über 62'000 E-mini-S&P-Futures mit einem theoretischen Wert von 3,5 Milliarden Dollar. In wenigen Stunden verschaffte ihm dies einen Gewinn von fast 900'000 Dollar. Laut dem Bericht des FBI platzierte Sarao an diesem Tag selbst bloss 3600 Verkaufs-Order, von denen erwartungsgemäss kein einziger realisiert wurde.

Dass die Manipulation eines einzelnen Händlers an diesem Tag dermassen schwere Folgen hatte, lag laut Beobachtern an zwei Faktoren: Einerseits war die Nervosität an der Börse bereits hoch, weil es in Griechenland zu Protesten und Ausschreitungen gegen die Sparpolitik der Regierung gekommen war. Andererseits reagierte ein Börsenprogramm der Investmentfirma Wadell & Reed fehlerhaft auf die Aktionen von Trader Sarao. Beide Fehler zusammen lösten offenbar die grosse Wirkung mit aus.

Verkettung unglücklicher Umstände?

Für gewisse Beobachter wie die Händler-Plattform «Automated Trader», ist jedoch klar, dass nicht ein Verkäufer die Kaskade von Verkäufen bei Futures (und danach Aktien) ausgelöst haben kann. Vielmehr sei es eine Verkettung von menschlichen Fehlentscheiden und Programmfehlern gewesen, die den Crash bewirkte. Noch schlimmer wäre aber, wenn die Ermittler recht hätten, schreibt Matt Levine: Es würde bedeuten, dass ein Mensch der ganzen Welt einen Crash vorspielen könne – und so tatsächlich einen Crash auslöst.

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