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Das boomende Geschäft mit Katastrophen

Erdbeben in Nepal: Solche Katastrophen werden mit Anleihen versichert. Keystone

Katastrophen sind für manche Anleger lukrativ: Sie stecken ihr Geld in Katastrophen-Anleihen, mit denen Grossrisiken versichert werden. Mit der Investition verbrennt man sich rasch die Finger.

Von Frank Stocker («Die Welt»)
am 24.06.2015

Seine Mutter weinte. Sein Vater schimpfte. «Der Teufel hat sich in eine Hure verwandelt und dich aufgefordert neben ihr zu liegen», schleuderte er John Seo entgegen. Denn der junge Mann hatte seinen Eltern soeben verkündet, dass er nun, nachdem er gerade seinen Doktor der Biophysik erlangt hatte, an die Wall Street gehen wolle. Für seine Eltern, beides koreanische Einwanderer, beides Mathematiker, kam dies einem Verrat gleich. Das war zu Beginn der Neunziger Jahre.

Heute hat Seos Vater seinen Frieden mit dem Entschluss des Sohnes gemacht. Denn dieser hat in den vergangenen 20 Jahren massgeblich daran mitgewirkt ein völlig neues Segment in der Finanzindustrie aufzubauen, das der so genannten «Katastrophen-Anleihen». Er ist heute einer der grössten Investoren in diesem Bereich, verwaltet rund vier Milliarden Dollar an Kundengeldern und wurde schon als Experte vom US-Kongress angehört.

Experten fordern mehr davon

Vor allem aber hat er damit ein Modell entwickelt, mit dessen Hilfe Länder und Regionen, die von Katastrophen heimgesucht werden, Unterstützung vom Finanzmarkt erhalten könnten. Gerade jetzt, nach dem jüngsten Erdbeben in Nepal, fordern daher Experten, dass dieses Modell Schule macht. Seos Werk steht kurz davor, zu globaler Grösser anzuwachsen.

Dabei klingt es zunächst absurd. Denn Risiken meiden Investoren traditionell wie der Teufel das Weihwasser. Und Naturkatastrophen gehören zu den grössten denkbaren Risiken. Dennoch haben Seo und einige andere Vorreiter mit naturwissenschaftlicher Analyse und mathematischem Verstand genau dies als Anlageklasse erschlossen. «Zwanzig Jahre harter Arbeit waren nötig, um diesen neuen Markt zu schaffen», sagt Seo.

Am Anfang stand Warren Buffet

Die Initialzündung hatte einst der legendäre Investor Warren Buffett geliefert. Mitte 1996 unterzeichnete er für seine Firma Berkshire Hathaway einen Deal mit einem Versicherer. Buffett erklärte sich bereit, im Falle eines Erdbebens in Kalifornien ab einer bestimmten Grössenordnung für Schäden aufzukommen. Dafür erhielt er eine Versicherungsprämie. Im Newsletter an seine Investoren erklärte er, wie der Deal funktionierte. «Das war praktisch die Blaupause für das, was wir entwickelt haben», sagt Seo.

Am Anfang stehen bei diesen Geschäften Haus- oder Geschäftsbesitzer, die sich beispielsweise gegen Hurrican-Schäden versichern. Der Versicherer bündelt mehrere Policen und holt sich dafür Deckung bei einem der grossen Rückversicherer. Bei Extremereignissen wie einem Erdbeben oder einem grossen Wirbelsturm kann die Last aber selbst für den Rückversicherer zu gross werden.

Eine Prämie für das Risiko

Daher sichert dieser sich für solche Fälle wiederum bei Investoren ab und nutzt dazu sogenannte Katastrophenanleihen, englisch gerne als «Cat-Bonds» abgekürzt. Dabei macht der Investor eine Einlage in einen speziellen Fonds. Tritt der Schadensfall ein, geht das Geld an den Rückversicherer, der damit die Schäden begleichen kann.

Bleibt der Schaden aus, erhält der Investor sein Geld mit einer Prämie zurück. «Wir übernehmen Risiken und bekommen dafür eine Prämie», sagt Ralph Läuppi, Fondsmanager bei der Credit Suisse und Experte für Cat-Bonds «Das ist eigentlich recht simpel.»

Der Teufel steckt im Detail

Aber der Teufel steckt natürlich im Detail. Eines davon ist die Definition des Schadensfalles. Das andere ist die mathematische Eintrittswahrscheinlichkeit des Schadensfalles. Aus beidem zusammen ergibt sich die Attraktivität einer Katastrophenanleihe. Die wesentliche Erfindung der Cat-Bond-Spezialisten waren dabei die sogenannten Trigger, klare Definitionen eines Schadensfalles.

Läuppi erklärt es an einem Beispiel. «Wenn Disney World in Tokio gegen ein Erdbeben versichert werden soll, so könnte vereinbart werden, dass ein Schaden bis zu einer bestimmten Höhe ersetzt wird. Oder aber der Schaden, der eine bestimmte Höhe übersteigt.»

Das wäre die einfachste Variante – doch diese mögen Cat-Bond-Investoren nicht so gerne. Denn im Falle eines Falles dauert es lange, bis feststeht, ob ein Bond ausfällt oder nicht. Zunächst muss ja erst der Schaden festgestellt werden, und das kann Monate dauern.

Investoren wollen klare Regeln

Investoren bevorzugen daher sogenannte «parametrische Trigger». Dabei würde im Beispiel von Disney World in Tokio definiert, dass das Erdbeben an einer ganz bestimmten Stelle eine klar definierte Stärke haben muss. Liegt der Wert auf der Richter-Skala darüber, muss der Investor zahlen. Liegt er aber nur ein Hundertstel darunter, bleibt er verschont, egal, wie hoch die Schäden sind. «Das hat für uns den klaren Vorteil, dass wir sehr schnell wissen, ob wir betroffen sind oder nicht», sagt Läuppi.

Es hat aber auch den Vorteil, dass sich hier mit mathematischen Wahrscheinlichkeiten rechnen lässt. Wie oft kommt ein Erdbeben welcher Stärke in welcher Region vor? Dazu gibt es umfangreiche Aufzeichnungen. «Denn Erdbeben sind recht häufige Ereignisse, mehrmals im Jahr geschehen sie», sagt John Seo. Diese Daten lassen sich extrapolieren, und am Ende steht eine Wahrscheinlichkeit. «Es ist überraschend einfach, solche Risiken zu berechnen», sagt er.

Doch die Cat-Bond-Investoren berechnen nicht nur Wahrscheinlichkeiten. Sie analysieren auch genau, was sie versichern sollen. Wenn beispielsweise eine Region in Florida gegen Hurrican-Schäden versichert werden soll, schauen sie, wie die Häuser dort gebaut sind, welche Dachziegel verwendet werden und sogar, welche Nägel in den Ziegeln benutzt werden. Daraus lässt sich die potenzielle Schadenshöhe berechnen.

Früher war's lukrativer

All diese Daten fliessen zusammen und werden der möglichen Prämie gegenübergestellt, die verdient wird, wenn kein Schaden eintritt. So lag der durchschnittliche Zins-Coupon auf die ausstehenden Katastrophenanleihen im vierten Quartal 2014 beispielsweise bei 6,42 Prozent. Der durchschnittliche erwartete Verlust, der auf den Risikoberechnungen beruhte, betrug demgegenüber für den gesamten Markt 1,76 Prozent. Macht eine Rendite von 4,66 Prozent.

Und das ist schon wenig. In früheren Jahren war meist wesentlich mehr zu verdienen. Allerdings entdecken neuerdings immer mehr Investoren den Markt für Katastrophenanleihen. «Weil die Zinsen für festverzinsliche Papiere so niedrig sind, suchen viele nach Alternativen», sagt Läuppi. Sie werden fündig bei Cat-Bonds. Und die steigende Nachfrage der Anleger drückt die Preise, denn viele geben sich auch mit weniger zufrieden, um überhaupt dabei zu sein.

Es führt aber auch dazu, dass immer mehr Risiken versichert werden. So wurden 2014 schon Papiere im Wert von über sieben Milliarden Dollar aufgelegt, 2008 waren es nur rund drei Milliarden Dollar gewesen. Der Gesamtmarkt ist im gleichen Zeitraum von rund zwölf Milliarden Dollar auf inzwischen über 21 Milliarden gewachsen. Und damit nicht genug: Die Investmentbank BNY Mellon attestiert dem Markt «grosses Potenzial» und sagt ein Anwachsen auf 50 Milliarden Dollar bis 2018 vorher.

Entwicklungsländer werden gemieden

Allerdings geht es dabei fast ausschliesslich um Risiken in den USA, Europa oder Japan. «Entwicklungsländer sind leider oft nicht gut versichert», sagt Paula Jarzabkowski, Professorin für Strategisches Management an der Cass Business School in London. «Für Katastrophen wie in Nepal, die grosse Zerstörungen verursacht haben, steht kein Kapitalmarkt bereit, um für Verluste aufzukommen.»

Doch genau das fordert sie. «Katastrophenanleihen könnten – obwohl bislang in solchen Situationen ungetestet – das Sicherheitsnetz erweitern und helfen, Gemeinschaften nach solchen Katastrophen wieder zu stärken.»

Und tatsächlich gibt es erste entsprechende Katastrophenanleihen, die nicht von Rückversicherern, sondern von Staaten aufgelegt wurden. Mexiko hat sich auf diese Weise bereits zwei Mal gegen Hurrican-Schäden versichert, im Juni 2014 legte die Weltbank in Zusammenarbeit mit 13 karibischen Staaten einen Cat-Bond gegen Zyklone und Erdbeben auf, und selbst die Afrikanische Union begab im September 2014 ein Papier im Wert von einer Milliarde Dollar, das gegen extreme Wetterereignisse versichert.

Zinsen sind plötzlich interessant

Möglich wird dies vor allem deshalb, weil das Renditeniveau der Anleihen so tief ist. Ein Zins von 4,6 Prozent ist für jene Länder, die sich versichern wollen, durchaus tragbar, zumal sie sonst am Finanzmarkt meist wesentlich höhere Zinsen zahlen müssen. Gleichzeitig ist eine solche Rendite angesichts der Nullzinspolitik der Notenbanken für die meisten Investoren immer noch interessant.

Und die Anleihen bieten Anlegern einen weiteren Vorteil, denn sie entwickeln sich vollkommen unabhängig vom übrigen Finanzmarkt. Ob Griechenland Pleite geht oder nicht, ob Aktienkurse fallen oder steigen – all das hat keinerlei Einfluss. Für die Cat-Bonds zählt nur, wie die Hurrican-Saison ausfällt oder ob es ein schweres Erdbeben gibt.

Geschieht so etwas, dann kann dies allerdings auch zu herben Verlusten führen, so wie 2005, als der Wirbelsturm Katrina die US-Golfküste verwüstete, oder 2011 als ein Erdbeben und der anschliessende Tsunami Fukushima und Umgebung zerstörten. Dies ist an entsprechenden Dellen im Global Cat Bond Performance Index abzulesen, einem Index, der die Wertentwicklung der Katastrophenanleihen abbildet. Immer, wenn grössere Schadensfälle eintraten und Anleihen ausfielen, zeigt er einen Knick.

Totalverlust ist möglich

Aber eben nicht mehr als das. «In einem ganz extremen Szenario könnte es vielleicht mal sein, dass Investoren bis zu 25 Prozent verlieren», sagt Seo. Mehr aber nicht. «Ein Totalverlust ist mathematisch und strukturell ausgeschlossen.» Dazu müssten auf der ganzen Welt gleichzeitig überall Erdbeben, Wirbelstürme und Taifune wüten.

Hinzu kommt: Nach dem Ausfall einzelner Anleihen ging es in der Vergangenheit mit dem Index schnell wieder aufwärts. Das liegt auch daran, dass nach einem Schadensfall meist die Prämien steigen, ähnlich wie bei der Autoversicherung. Hat der Versicherte einen Unfall, muss er anschliessend höhere Beiträge zahlen.

Das System funktioniert

Anleihenausfälle sind für die Anleger also verschmerzbar. Gleichzeitig zeigen sie aber, dass Investoren eben nicht nur verdienen, sondern auch tatsächlich ein Risiko tragen und das Geld im Zweifelsfall den Opfern einer Katastrophe zugute kommt. «Ich bin daher eigentlich froh, dass es zu den Ausfällen kam», sagt Läuppi. «Ansonsten wäre der Nutzen für diejenigen, die die Anleihen begeben, natürlich fraglich.»

So jedoch findet sie immer mehr Freunde unter Versicherern, Staaten und Anlegern. Und John Seos Vater weiss inzwischen: «Mein Sohn scheffelt nicht nur Geld.»

Dieses Artikel erschien zuerst in unserer Schwester-Publikation «Die Welt» unter dem Titel «Wie die Wall Street zum Katastrophen-Helfer wird».

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