Es gibt zwei Thesen. Die erste: Die Kunstwährung Libra, die derzeit unter Führung von Facebook entwickelt wird, ist bestenfalls eine weiterer Geldtransferdienst und schlimmstenfalls ein Flop. Oder, die zweite: Aus Libra entsteht ein eigenes Geldsystem, das teilweise eine Alternative zu den Währungen der Notenbanken darstellt und sie sogar konkurrenziert.

Libra etabliert sich also nicht bloss als Vehikel, um Geld von Jakarta nach Kuala Lumpur zu überweisen; es wird nicht nur ein Angebot, das Menschen ohne Bankkonto ins Online-Business holt. Sondern Libra steigt auf zum globalen Zahlungsmittel, anerkannt von Milliarden Menschen. Dann aber könnten es diese Milliarden auch als Reserve- und Safe-Haven-Geld verstehen und entsprechend horten.

Welche Währung spielt diese Rolle heute regelmässig? Der Schweizer Franken.

Libra könnte die Zinsen beeinflussen

Sucht man also nach den Konsequenzen für den Franken, so ergeben sich nochmals zwei Szenarien. Denkbar wäre – erstens – eine gewisse Entspannung: Der Aufwertungsdruck, den der «Swissie» jeweils spürt, wenn es in der Weltpolitik rumpelt, würde durch die frische Alternative etwas abgefedert. Da Libra ja selber mit einem Mix echten Geldes unterlegt ist – Dollar, Euro und andere –, könnten viele Anleger dereinst versucht sein, damit die Erschütterungen an den Devisenmärkten zu hedgen.

Für die Schweiz wird eine zweite Frage bedeutsam: Was geschieht, wenn die Libra Association den Franken in den Pool seiner Währungen aufnimmt? Mehr noch: Was, wenn der stocksolide Franken da sogar eine besonders gewichtige Rolle erhält?

Dann müsste Libra entsprechende Summen in Franken anlegen – und je grösser der Erfolg des Projekts, desto grösser würden diese Beträge. Im Extremfall wären sie so gewaltig, dass sie die Zinslandschaft der Schweiz einfärben könnten.

Die Währungshüter nehmen es ernst

All das sind Hypothesen. Die Nationalbank gibt keine Auskunft darüber, wie sie sich zu Libra stellt und mit welchen Folgen sie rechnet. Klar ist aber, dass die Währungshüter dieser Welt die Sache ernst nehmen: Die G7-Staaten haben eine Taskforce eingesetzt, welche untersucht, wie sehr Libra reguliert werden soll. Der Financial Stability Board wird die einschlägigen Risiken überprüfen lassen, insbesondere die Too-big-to-fail-Fragen.

Falls sich Libra jedenfalls als Vehikel zur Wertaufbewahrung durchsetzt – falls –, dann wird es die Nachfrage nach Staatsdevisen verändern. Zuerst könnte es in diversen Schwellenländern die wackligen Währungen bedrängen. Spürbar ist aber auch, dass die Initianten um Facebook, Mastercard, Visa und Paypal hier eine neue Hartwährung schaffen wollen: eine Art Franken 2.0. Oder was denken Sie, weshalb die Libra Association, also die Organisation hinter der Kunstwährung, ausgerechnet in Genf angesiedelt wurde?

Das jedoch heisst: Falls sich Libra zur Revolution ausweitet – falls –, dann bekommt der Franken allerlei Erschütterungen ab.

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