T. W. ahnte nichts Böses, als er im Sommer 2008 von A. S. an einer Konferenz angesprochen wurde. ­Er hatte gerade vor 100 Zuhörern die Grundzüge seines neuesten Produkts vorgestellt. «Sie haben eine tolle Lösung, das könnte die Grundlage für ein Unternehmen sein», sagte A. S. zu ihm. Der Unternehmer T. W. wurde mit dem neuen Investor rasch handelseinig. Seine Firma erhielt 800000 Euro Startkapital. Im Gegenzug verlangte der Kapitalgeber, dass T. W. mit seinem Unternehmen in die Schweiz zieht, es an den Open Market der Deutschen Börse bringt und den Investoren 17,5 Prozent der Aktien abtritt.

Heute ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen ein ganzes Netzwerk von Unternehmen in Deutschland, Liechtenstein und der Schweiz wegen vermuteter Marktmanipulationen. Über Gesellschaften wie die liechtensteinische Ecotrend, die in der Schweiz ansässigen Logana oder IPO Consulting sollen Hunderte Scheintransaktionen mit schwer handelbaren Wertpapieren abgewickelt worden sein. Hinter diesen Unternehmen stehen A. S. sowie F. F. und P. M. Laut staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen sollen die Firmeninhaber mehrere Millionen Franken Gewinn erzielt haben, die nun im Fokus der Ermittlungen stehen. Die von den angeblichen Marktmanipulationen betroffenen Schweizer Gesellschaften kämpfen nicht nur um ihren guten Ruf, sondern auch um das wirtschaftliche Überleben.

Kurssturz mit Folgen

Eine dieser Gesellschaften ist das Schweizer Softwarehaus Hulbee. Mit der Aktie schien 2008 noch alles in Ordnung. Damals wurde das Wertpapier im Freiverkehr der Frankfurter Börse, dem Open Market, gelistet. Vom Ausgabekurs bei 3 Euro stieg der Titel rasch auf fast 5 Euro an. Bei einem Nennwert von 1 Cent und einer Stückelung von 80 Millionen Aktien ergab sich so zwischenzeitlich eine Marktkapitalisierung von rund 400 Millionen Euro. Im Frühjahr 2009 brach dann der Aktienkurs plötzlich ein und notierte teilweise gerade noch bei 1 Cent. Die deutschen Behörden untersuchen nun, weshalb der Aktienkurs so rasant anstieg und genauso schnell ins Bodenlose fiel.

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Dokumente der Staatsanwaltschaft Stuttgart nähren den Verdacht, dass mit den Aktien von Hulbee eine betrügeri­­sche Masche umgesetzt wurde. Eine Sprecherin der Untersuchungsbehörde bestätigt, dass gegen mehrere Beschuldigte aus Deutschland und der Schweiz ein Ermittlungsverfahren wegen Marktmanipula­tion hängig ist. Mit einem Abschluss der Untersuchungen sei erst im nächsten Jahr zu rechnen. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt daher für die involvierten Personen die Unschuldsvermutung.

Drehscheibe Schweiz

Um die heiklen Transaktionen durch­zuführen, gründeten die Beschuldigten laut Anklageschrift mehrere Firmen in Deutschland, Liechtenstein und der Schweiz. Im sankt-gallischen St. Mar­grethen befand sich etwa der Firmensitz der drei Gesellschaften Vitascanning, IPO Consulting und Logana, über die solche Deals abgewickelt wurden. Mit Ecotrend hatte ein weiteres Unternehmen des Kon­strukts seinen Sitz im 50 Kilometer entfernten Vaduz. Die eigentliche Schaltzentrale befand sich in Düsseldorf an der mondänen Königs­allee.

In der prunkvollen Altstadt wurde ein Callcenter eröffnet, von dem aus mehr als 30 Verkäufer Aktien an Anleger verkauft haben sollen. Telefonverkäufer, Aktienspammer und Börsenbriefe bewerben vermeintlich risikolose Aktien. Ausgerüstet waren die Verkäufer mit Handys und unregistrierten Prepaid-Karten. Für jedes Aktienpaket, das sie platzieren konnten, erhielten sie eine Provision, weiss ein Insider. Entsprechend motiviert gingen sie zur Sache. «Kaufen Sie Aktien, mit denen Sie Ihr Investment garantiert verdoppeln! Die Aktie hat massiv zugelegt, das wird so weitergehen», so das Versprechen.

Eines der Unternehmen aus dem Konstrukt erteilte zu einem festgelegten Zeitpunkt eine Verkaufsorder für ein entsprechendes Aktienpaket, gleichzeitig gab ein anderes dieser Unternehmen eine Kauforder ab. Zudem besteht der Verdacht, dass sich die Beschuldigten Zugang zu Aktiendepots von anderen Aktionären verschafft haben. Über deren Depots erfolgten vermutlich ebenfalls abgesprochene Kauf- und Verkaufsaufträge in den Markt.

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Interesse weiterer Anleger geweckt

Durch die Transaktionen wurde dem Markt vorgegaukelt, dass beträchtliche Volumen der Titel zu einem bestimmten Kurs von mehreren Tradern gehandelt wurden. Der Ak­tienkurs stieg und das Interesse weiterer Anleger wurde geweckt. Im Ermittlungsbericht der Stuttgarter Behörden geht man von rund 200 solcher Transaktionen aus. Doch dürfte dies nur die Spitze des Eisbergs sein. Es wird vermutet, dass es von Februar bis Herbst 2009 zu zahlreichen weiteren ähnlichen Transaktionen gekommen sein könnte.

Dessen ungeachtet machten in Anlegerforen im Internet bald Gerüchte die Runde, dass mit den Unternehmen etwas nicht stimmen könne. Die Bewertung dieser Gesellschaften war durch die Geschäftsentwicklung nicht zu rechtfertigen. Den Aktien ging daher bald die Luft aus.

Die deutsche Bundesanstalt für Finanz­dienstleistungsaufsicht (BaFin) warnt derzeit auf ihrer Internetseite Anleger vor unbefugt erteilten Wertpapierorders mit 26 betroffenen Aktien. Darunter befinden sich Aktien von mehr als einem halben Dutzend Schweizer Unternehmen. Sie heissen CMX Capital Markets, Hulbee, Pharma Kontor, Plim Cooperation, Prime Gold Invest, VAN Verde, Vitascanning in Liquidation oder Wavetech. Die Bafin bestätigt den Verdacht, dass mit Aktien dieser Unternehmen versucht wurde, unberechtigte Transaktionen durchzuführen. Unklar ist heute, wie weit die Eigentümer der betroffenen Gesellschaften in die Transaktionen eingeweiht wurden oder ob sie ein Opfer der Unternehmen wurden, die sie an die Börse brachten. «Wir haben mit dem schnellen Börsengang Mist gebaut», sagt etwa einer der Unternehmer, der anonym bleiben möchte. Er sei zu naiv gewesen und hofft, dass Gras über die Sache wächst und er den erlittenen Rufschaden wieder ausmerzen kann. «Wir wollen jetzt in Ruhe sauber wirtschaften und so die Fehler der Vergangenheit korrigieren», so der Firmeninhaber.

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Hinweise von deutschen Banken

Die Liste beruht denn auch auf Hinweisen von deutschen Banken, bei denen die verdächtigen Geschäfte in Auftrag gegeben worden sind. «Wenn zukünftig keine Meldungen mehr auftreten, werden die Unternehmen wieder von der Liste genommen», so Bafin-Sprecherin Anja Engelland. Bei der Bafin erwartet man, dass die unbefugten Ordererteilungen mit den Werten auf ihrer Liste abnehmen werden. Bald schon werden wohl aber wieder andere Titel über Aktienspam oder Callcenter gepusht. In der Schweiz sind bislang keine derartigen Fälle bekannt, heisst es bei der Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma.

Die beschuldigten Personen zu erreichen ist schwierig, viele Beteiligte wollen sich, wenn überhaupt, nur anonym äus­sern. Der Verdächtige A. S. ist in der Schweiz weitgehend unbekannt. Die einzige Spur führt zu einer Briefkastenfirma in der Nähe des thurgauischen Kreuzlingen. An der gleichen Adresse befindet sich auch die Firma von P. M., der von den Stuttgarter Behörden ebenfalls verdächtigt wird. Nach zahlreichen Versuchen gelingt es, P. M. telefonisch zu erreichen. Er streitet sämtliche Vorwürfe ab mit dem Verweis, dass die Behörden seit zwei Jahren ermittelten und noch nichts Konkretes gegen ihn zutage gefördert hätten.

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T. W. dachte, dass die Sache endlich ausgestanden sei. Bis vor drei Monaten wieder Aktien seines Unternehmens per Telefon an Dritte verkauft wurden. Dagegen geht T. W. jetzt vor. «Wir wollen so etwas nicht noch einmal erleben», so T. W. An die Zukunft seines Produkts glaubt er weiterhin. Vor wenigen Tagen erfolgte eine Kapitalerhöhung, um ein gesundes ­finanzielles Fundament zu haben.