Rund 6500 Personen pilgerten Ende Februar nach Basel, um der a.o. Generalversammlung der UBS beizuwohnen. Wer sich, angesichts des angekündigten Redenmarathons, auf ein an solchen Veranstaltungen übliches Rahmenprogramm mit warmer Mahlzeit freute, wurde allerdings bitter enttäuscht: Das Lunchpaket mit Sandwich, Getränk und Süssgebäck war die Reise nicht wert.

Anders sieht es bei der jährlichen Generalversammlung der Betriebsgesellschaft Kongresshaus Zürich aus. «Nach dem offiziellen Teil wird ein Apéro serviert, gefolgt von einem Abendprogramm mit exquisitem Essen», beschreibt Hans-Ulrich Wanzenried seinen Top-Favoriten unter den Aktionärstreffen. Als selbstständiger Investor besucht Wanzenried seit mehreren Jahren zahlreiche Generalversammlungen, von der kleinen Regionalbank bis hin zu schweren SMI-Blue-Chips. Dadurch nahm er 2006 an sage und schreibe 137 Veranstaltungen teil. «Die Qualität der Generalversammlung zeigt mir unter anderem, wie sehr die Firmen die Aktionäre wertschätzen», begründet Wanzenried sein zeitaufwendiges Treiben.

GV-Qualität als Massstab

Er scheut sich nicht, an den Generalversammlungen auch einmal kritische Fragen zu stellen und mit Vorstössen aktiv zu werden. Daneben spielen für ihn aber auch die Soft-Faktoren eine wichtige Rolle, ob er an seinem Investment festhält. «Ich bin schon nach einer unbefriedigenden Veranstaltung nach Hause gekommen und habe sämtliche Positionen verkauft», berichtet der GV-Experte. So geschehen nach einer Generalversammlung von Dottikon ES, wo er sich während einer Stunde einen Monolog von CEO Markus Blocher anhören musste, auf den dann nur ein billiger Apéro folgte. Das Gegenteil hat Wanzenried ebenfalls bei einem Mitglied der Familie Blocher erlebt: «Bei Frau Martullo spürt man, dass sie die Aktionäre achtet. Die Generalversammlung der Ems-Chemie ist ein wahres Volksfest.»

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Vom eigenen Erfolg überrannt

Zuweilen werden die Firmen vom Erfolg ihrer Generalversammlungen aber auch überrannt, wie das Beispiel Victoria Jungfrau Collection zeigt. «Früher fand die Veranstaltung im Grand Hotel in Interlaken statt und wurde von einem Dinner begleitet», weiss Versicherungsmakler und Investor Fred Moser, der im Rahmen seiner Anlegertätigkeit seit Jahren regelmässig Generalversammlungen besucht. Die jährliche Zusammenkunft in Interlaken erreichte den Status eines Networking-Anlasses in der Region Bern, wo sich das lokale Gewerbe und Investoren getroffen haben. Nachdem sich dies bei den Anlegern herumgesprochen hat, nahm die Teilnehmerzahl rasant zu, weshalb die Versammlung mittlerweile in den Kursaal verlegt werden musste.

«Je mehr Personen an einer GV anwesend sind, desto bescheidener fällt das Rahmenprogramm aus», hat Moser festgestellt. Denn neben den anfallenden Kosten stellt eine hohe Teilnehmerzahl auch grosse logistische Herausforderungen an die Firmen. Dies gilt es der eingangs erwähnten UBS zugute zu halten. «Logistisch hat die Bank den Anlass hervorragend gemeistert», so Moser.

Mit dem Massenproblem hat auch Nestlé zu kämpfen: Seit an dem Aktionärstreffen mehr als 2000 Leute anwesend sind, verzichtet die Firma auf eine ausgiebige Mahlzeit und offeriert stattdessen einen Apéro. «Und anstelle normaler Nestlé-Produkte werden heute nur noch Muster als Give-away abgegeben», ergänzt Moser.

Auf der anderen Seite verspricht ein hoher Aktienpreis eine exklusive GV. «Bei der AG für die Neue Zürcher Zeitung trifft sich die Zürcher Wirtschaftselite», weiss HelveticStar-Chef Fritz Ruprecht, der auf den Handel mit ausserbörslichen Aktien spezialisiert ist. Den Einlass dazu muss man sich allerdings teuer erkaufen: Die Titel des Traditionsverlags werden für 75000 Fr. gehandelt. Ein Treffen im ausgewählten Kreis verheissen auch die Generalversammlungen von Luxushotels wie dem Suvretta House oder dem Grand Hotel Dolder. Mit Kursen um 10000 resp. 6000 Fr. ist aber auch hier die Eintrittskarte recht kostspielig.

Lohnender GV-Tourismus

Ist der Preis moderater, so kann es sich für die Aktionäre manchmal gar lohnen, alleine für die Generalversammlung einen Titel zu kaufen. Die abschätzig auch als «Fressaktien» bekannten Titel sind vor allem in der Nahrungsmittelindustrie zu finden. Interessant sind aber auch die Papiere der Casino-Gesellschaften und, aufgrund ihres lokalen Charakters, der Regionalbanken. Ebenfalls hoch im Kurs stehen Bergbahnaktien, deren GV mit einer Bergfahrt verbunden sind.

Hier treffen sich neben den Finanzinvestoren auch die sogenannten GV-Touristen. «Dabei handelt es sich meist um ältere Personen, die sich aus dem Erwerbsleben zurückgezogen haben und den Besuch einer GV als Zeitvertreib sehen», hat Ruprecht festgestellt. In der Hauptsaison von April bis Juni ermöglicht dieses Hobby ein ausgefülltes Tagesprogramm mit jeweils einer GV am Mittag und am Abend.