Der Rekordsprung des Ölpreises nach dem Angriff auf saudische Petro-Anlagen könnte für die Weltwirtschaft nicht zu einem schlechteren Zeitpunkt kommen: Sie steht ohnehin am Rande eines ernsthaften Abschwungs. 

Wie schwer die Wirtschaft betroffen wird, hängt einerseits davon ab, wie lange der Preisansieg anhält. Aber die Ereignisse werden auch das Geschäftsklima und die Konsumentenstimmung weiter untergraben – zwei Faktoren, die angesichts des Handelsstreits und der schwächelnden Nachfrage eh schon fragil waren. Ein weltweiter Einbruch in der Industrie würde das Wachstum von Export-Kraftpaketen wie China und Deutschland dämpfen.

«Beim synchronisierten globalen Wachstum und bei den vielen geopolitischen Krisenherden ist ein negativer Angebotschock wie dieser genau das, was wir nicht benötigen», sagt Rob Subbaraman, Leiter der Makroforschung bei Nomura in Singapur.

Ähnliches meint Shane Oliver, Chefökonom bei AMP Capital Investors: «Ein deutlicher Anstieg der Ölpreise ist das Letzte, was die Weltwirtschaft jetzt braucht.»

Diverse Warnsignale

Der Ölschock trifft auf diverse Warnsignale für die Weltwirtschaft. Soeben meldete China den schlechtesten Monatswert für die Industrieproduktion seit 2002. Im Juli senkte der IWF seine globalen Wachstumsaussichten – ohnehin schon die niedrigsten seit der Finanzkrise – auf 3,2 Prozent in diesem Jahr beziehungsweise 3,5 Prozent im nächsten Jahr; eine Rate von 3,3 Prozent oder weniger wäre die schwächste seit zehn Jahren.

Die Wirkungen eines höheren Ölpreises sind weltweit unterschiedlich.

  • Schwellenländer mit Leistungsbilanz- und Haushaltsdefiziten – etwa Indien und Südafrika – riskieren grosse Kapitalabflüsse und eine Abschwächung ihrer Währungen.
  • Ölexport-Staaten können sich über einen Anstieg der Unternehmens- und Staatseinnahmen freuen;
  • Konsumenten-Länder werden die Kosten tragen, was wiederum die Inflation ankurbeln und die Nachfrage belasten könnte.

Als weltgrösster Ölimporteur ist China anfällig für steigende Rohölpreise, aber auch viele Länder in Europa sind auf importierte Energie angewiesen sind.

Es geht nicht um die Inflation

Da die Inflation kein unmittelbares Problem für die Weltwirtschaft darstellt, erscheinen die Auswirkungen eines Preisschocks auf die – ohnehin schwache – weltweite Nachfrage wichtiger. «Die Inflation ist im Moment kein wirkliches Problem», sagte Louis Kuijs, Chefökonom für Asien bei Oxford Economics in Hongkong. «Aber der Produktionsengpass und der Preisanstieg werden die Kaufkraft drosseln und damit die Ausgaben in einem prekären Moment für die Weltwirtschaft belasten.»

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Eine IWF-Analyse ergab 2017, dass ein einjähriger Schock der Ölversorgung, bei dem der Ölpreis um mehr als 10 Prozent steigt, den globalen Güteroutupt für zwei Jahre um etwa 0,1 Prozent untergraben würde.

Wie reagieren die Notenbanken?

Die Nachrichten aus Saudi-Arabien erhöhen wiederum die Wahrscheinlichkeit einer zusätzlichen geldpolitischen Unterstützung durch die Zentralbanken in Erwartung höherer Energiekosten: Diese sind tatsächlich eine Steuer für die Konsumenten, sagt David Mann, Chefökonom von Standard Chartered in Singapur, auf Bloomberg Television.

«Es könnte ein Grund sein, weshalb die Zentralbanken in den nächsten Wochen erneut Überraschungen bieten werden», sagte Mann

 

(Bloomberg | rap)

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