Einen so abrupten Übergang von gemütlichen sommerlichen Mittagessen zu hastigen Sandwiches am Schreibtisch haben Bond-Banker von London bis New York und Tokio noch nie erlebt.

Nach der Sommerflaute nehmen die Emissionen im September zu, das ist normal. Eine Anleiheflut wie dieses Jahr gab es bislang aber noch nie: Angesichts niedriger Fremdkapitalkosten haben Unternehmen wie Berkshire Hathaway, der chinesische Grosskonzern Dalian Wanda Group und das italienische Erdgasunternehmen Snam in der vergangenen Woche Anleihen in Dollar, Euro und Yen im Gegenwert von mindestens 150 Milliarden Dollar begeben - mehr als je zuvor in der ersten Septemberwoche.

Ein bemerkenswerter Ansturm

Der Ansturm ist umso bemerkenswerter nach einem besonders schleppenden August, in dem die Platzierungen aufgrund des Handelskrieges zwischen den USA und China, den schwächeren globalen Wirtschaftsaussichten und den Turbulenzen in Hongkong stagnierten.

Die Entwicklungen in der vergangenen Woche trugen dazu bei, diese Bedenken zu mildern: China und die USA einigten sich auf Handelsgespräche Anfang nächsten Monats, Daten stärkten das Vertrauen in die amerikanische Wirtschaft, und Hongkongs Regierungschefin zog offiziell das Auslieferungsgesetz zurück, das wochenlange Proteste ausgelöst hatte.

Die Flut könnte anhalten

Nur wenige sind bereit, vorherzusagen, wie lange die Neuemissions-Flut andauern wird, insbesondere angesichts der Tweets von US-Präsident Donald Trump, die die Finanzmärkte in den letzten Wochen immer wieder in Aufruhr versetzt haben. Und auch die Turbulenzen in Hongkong und Grossbritannien sind keineswegs Geschichte.

Aber im Moment sammeln Kreditnehmer auf der ganzen Welt billiges Geld ein, solange sie noch können.

«Die globale Pipeline ist wieder zum Leben erwacht»

«Die globale Pipeline ist wieder zum Leben erwacht, und Emittenten mit Investment-Grade-Rating möchten von den niedrigen Renditen und den engen Spreads profitieren», sagte Mark Reade, Leiter Fixed Income Research bei Mizuho Securities Asia in Hongkong. «Asiatische Emittenten sind da keine Ausnahme. Die Bestätigung weiterer US-China-Handelsgespräche Anfang Oktober hat die regionale Stimmung zusätzlich beflügelt.»

In Europa haben Unternehmen ausserhalb der Finanzbranche in der vergangenen Woche zum ersten Mal seit März 2018 die Marke von mehr als 20 Milliarden Euro an Bondplatzierungen ins Visier genommen. Continental, Wirecard und die britische BT Group zählten am Donnerstag zu den Emittenten.

Zudem platzierten Danaher und Schlumberger Bonds in Euro. Allein der Pharmaausrüster Danaher kam am Dienstag mit der zweitgrössten Emission der Region in diesem Jahr und platzierte Bonds über 6,25 Milliarden Euro, um den Kauf des Bio-Pharma-Geschäfts von General Electric Co. zu finanzieren.

Höchstes US-Volumen seit Messbeginn

Sogar 74 Milliarden Dollar haben sich Unternehmen in den USA in der vergangenen Woche am Markt für Investment-Grade-Bonds besorgt. Das ist das höchste Volumen in einem vergleichbaren Zeitraum, seit 1972 mit der Erfassung der Daten begonnen wurde.

Zu den Emittenten zählten unter anderem der Medienriese Walt Disney und der Technologiekonzern Apple . Unternehmen refinanzieren aktuell grösstenteils fällige Verbindlichkeiten, anstatt grosse neue Kapitalprojekte zu finanzieren.

Rekorde auch in Asien

Für Japan war Freitag einer der geschäftigsten Tage überhaupt; Yen-Bonds im Volumen von etwa 1,7 Billionen Yen (14,4 Milliarden Euro) wurden von in- und ausländischen Unternehmen verkauft, nachdem die Fremdkapitalkosten in die Nähe eines Dreijahrestiefs gefallen waren.

Warren Buffetts Konglomerat Berkshire Hathaway bepreiste ein sechsteiliges Angebot über 430 Milliarden Yen, die grösste Yen-Anleihen-Platzierung durch einen nicht-japanischen Kreditnehmer.

(Bloomberg/mbü)

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