Das jüngste Kapitel der Saga um ­Florian Homm beginnt an der ­Löwenstrasse 56 in Zürich. Hier, in einem unscheinbaren Bürogebäude, ­befindet sich der Sitz der Liberia Renaissance Foundation. Sie finanziert 180 Schülern in Liberia eine Ausbildung und hat illustre Paten. Der flüchtige Financier Homm errichtete die Foundation vor sechs Jahren, seine Ex-Frau Susan Devine sitzt immer noch im Stiftungsrat. Betreut wird die Foundation von der kleinen PHZ Privatbank an der gleichen Adresse.

Dieser Tage geriet das wohltätige Werk jäh ins Rampenlicht. Der Stiftung sollen die Erlöse jenes Buches zufliessen, das Homm auf seiner Flucht schrieb und nun mit einem beispiellosen PR-Coup veröffentlichte. Deutsche Medien berichteten grossflächig über den 2007 verschwundenen Hedgefonds-Manager. Das «Phantom» gab Interviews und polarisiert wie eh und je. Bei der PHZ Bank will man nichts von der ganzen Sache gewusst haben. Seit Jahren gebe es keinen Kontakt zu Homm mehr. Das Geld nehme die Stiftung aber gerne an.

Karpfen statt Haie

Homm als gefeierter Autor – die Wendung mutet bizarr an. Wenige Monate ist es her, da war auf den deutschen 2-Meter-Hünen noch eine Belohnung von 1,5 Millionen Euro ausgesetzt. Privatermittler fahndeten nach ihm rund um den Globus. Inzwischen haben die Auftraggeber der Kopfjagd die Suche abgeblasen. Angeblich, weil sie mit dem Tod bedroht wurden. Jetzt ist Homm am Zug. Unter dem sinnigen Titel «Kopf Geld Jagd» rückt der bekennende Psychopath und «Klaus Kinski des Hedgefonds-Management» (Klappentext) seinen Gegnern zu Leibe.

«Homms Auftauchen und das Buch zeigen, dass die private Fahndung nach ihm und die Involvierung der Drogenbehörde DEA in Amerika ihn in die Enge getrieben haben», glaubt Josef Resch. Der 63-jährige Bayer leitete von Hamburg aus die Jagd nach Homm. «Unter diesen Vorzeichen wollte wohl niemand mehr mit ihm Geschäfte machen.» Ungeachtet seiner Absichten zeichnet Homm in seinen Erinnerungen ein facettenreiches Bild ­seiner selbst und der Feldzüge nach Profit – die ihn nicht zuletzt in die Schweiz ­führten.

Tatsächlich knüpfte der Grossneffe des mächtigen Versandhandelsmagnaten Josef Neckermann hierzulande schon früh an seinem Beziehungsnetz. Erste Berührungspunkte dazu bot die feine Privatbank Julius Bär. An deren Niederlassung in Frankfurt sei er in den Genuss eines üp­pigen Bonusplans gekommen, berichtet Homm. «Ich war der Jüngste im besten Wohnviertel, verdiente das meiste Geld und hatte dazu eine schöne, kosmopolitische Frau und ein schickes neues Auto.» Ansonsten konnte er seinem Umfeld nicht viel abgewinnen. «Private Banking ist der Kern energiearmer, amateurhafter, konsensorientierter Ideenflüsse.» Über die Kollegen in Frankfurt schreibt er: «Sie ­waren Karpfen, die Haie sein wollten.» Es hielt ihn nicht lange dort. «Homm war in Frankfurt im Asset Management tätig», heisst es heute bei Julius Bär. Er habe die Bank bereits 1993 verlassen. Homm zog es ins Hedgefondsgeschäft. «Wenn Sie wirklich hinter Geld her sind, warum sollten sie etwas anderes werden als HedgefondsManager?», benennt er seine Motivation.

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«Vorbote des Todes»

Nebenbei schrieb Homm Aktienanalysen für United Zurichfinance mit Sitz in Zug, an der er beteiligt war. Eine brisante Mischung. 2004 musste er hohe Bussen zahlen. Der Grund: Es konnte ihm nachgewiesen werden, dass er auf dieselben Titel wettete, die er in seinen Analysen traktierte. Homm nennt das Urteil in seinem Buch «eine Hexenjagd». Im gleichen Jahr gründete Homm in Mallorca den Hedgefonds Absolute Capital Management – mit Niederlassung in Zug. Es war die Zeit der Übernahmecoups und des «Greenmailings» − der Erpressung des Managements über den verdeckten Aufbau von Anteilen an Unternehmen.

Homm verkörperte den Typ des skrupellosen Raiders wie kein Zweiter. Bald galt er in der Branche nur noch als «der Plattmacher». Die Rückblende auf die Anschleichtaktiken und Leerverkäufe gehört zu den spannendsten Passagen des Buches – und zu den authentischsten. «Meine Kritiker behaupten, ich hätte zahlreiche ­Unternehmen zerstört», schreibt Homm. Er habe als Leerverkäufer nur überbewertete, schwer verschuldete Unternehmen aufgespürt, die dabei gewesen seien, sich selber zu zerstören. «Die Schuld lag alleine bei ihnen selbst. Schlimmstenfalls war ich der Prophet, der die Katastrophe ankündigte, gelegentlich auch der Vorbote des Todes.»

Homm griff nach Schweizer Firmen. Sein Hedgefonds war zeitweise an Mobilzone, Ascom, Comet und SIG beteiligt. Bei der Medienfirma Highlight Communications hatte er heimlich eine Beteiligung aufgebaut. Nur um Haaresbreite konnte der Angreifer 2005 vom Verwaltungsrat zurückgeschlagen werden. Martin Wagner, heute Vizepräsident des Unternehmens, erinnert sich an die Schlacht. Homm habe seine Übernahmeversuche wie ein Krieger geführt. «Er war aber durchaus in der Lage, eine Niederlage einzugestehen.»

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Attacke gegen Vekselberg

Einiges dramatischer nimmt sich Homms Part beim Verkauf des deutschen Anlagebauers M+W Zander aus. Die Wirren rund um den Deal schildert er ­ausführlich, mitsamt den in der Schweiz bestens bekannten Akteuren: Die österreichische Beteiligungsfirma Victory, deren Besitzer Ronny Pecik und Georg Stumpf, der russische Oligarch Victor Vekselberg sowie der Investor Martin Gruschka. Homm hatte erst mit Gruschka zusammengespannt, sich dann aber später mit diesem verkracht.

Homms Protokoll über das Geschehen bei Zander deckt sich im Weiteren mit ­einem Bericht der «Financial Times Deutschland». Die Zeitung mutmasste, Gruschka habe M+W Zander zweimal verkauft – einmal an Homms Firma, einmal an Victory. Genauso sei es geschehen, schreibt Homm. Gruschka weist diese Version weit von sich. «Es gab keinen Doppelverkauf. Die Firmengruppe M+W Zander wurde nicht an Homm oder die von ihm geführten Fonds verkauft», sagt er auf Anfrage. Das Rennen machte schliesslich Victory. Sie integrierte Zander in die eigene OC Oerlikon. «Am Ende verkauften wir unsere Anteile an M+W Zander unter Wert», resümiert Homm. «Was solls. Ich habe niemanden umgebracht.»

Ganz zu Ende war die Episode damit noch nicht. Homm brüstet sich, im Jahr 2007 «massive Leerverkaufsattacken gegen Vekselbergs grosse Holding-Gesellschaften Oerlikon und Sulzer» mitorganisiert zu haben.

Trotz einzelner Niederlagen machten Homms Methoden in der Schweiz Eindruck. Nicht wenige Investoren kauften Anteile an seinem Hedgefonds. Ein Banker, welcher damals zugriff, erinnert sich. «Homm war hierzulande weitherum bekannt. Wir wussten natürlich, dass er kein Musterknabe war, doch die Performance seiner Fonds war gut.» Heute will kein Käufer mehr mit Homm in Verbindung gebracht werden. Zu schmählich waren die Verluste, als er 2007 untertauchte. Die Fonds wurden geschlossen. Der Aktienkurs von Absolute Capital Management fiel ins Bodenlose. Als das Unternehmen 2009 von der Börse genommen wurde, waren die 3 Milliarden Dollar Kundengelder auf 2,3 Millionen Dollar geschrumpft. Nicht von ungefähr sagte Homm-Jäger Resch, dass zu seinen Auftraggebern wohl auch Schweizer gehörten.

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Abrechnung mit dem Gegner

Was danach folgt, ist die Flucht – auch in Homms Buch. Sie führt den einstigen Firmenschreck von Mallorca nach Kolumbien und Afrika weg von seinem alten Ich und hin zu Reue und Glauben. «Der Hauptgrund für mein Undercover-Dasein war, dass ich Abstand und das Alleinsein brauchte, um einen Sinn in meinem ­Leben zu finden», sinniert Homm. Das Nachwort endet mit den Zeilen: «Ich bin gesegnet und ein sehr glücklicher Mann.»

Der geläuterte Homm hält seinen Gegnern allerdings nicht beide Wangen hin. Viel Verachtung findet er für jene, die ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt haben – und greift seinerseits zu Drohungen. «Die Kopfgeldjäger zielen darauf ab, mir das Geld auf jede erdenkliche Weise, einschliesslich Folter, abzunehmen und mich dann umzubringen», vermutet er. «Die Typen wissen genau, dass sie den Rest ­ihres Lebens ständig über ihre Schulter blicken müssten, wenn sie mich am Leben liessen.» Homm nutzt die Plattform ausgiebig, um den ihm gegenüber erhobenen Vorwürfen zu begegnen. Schuldige sind schnell gefunden. Die Verluste bei Absolute Capital Management nach seinem Abgang lastet er vorab der damaligen Führung des Unternehmens an.

Schwieriger zu kontern ist die Klage der amerikanischen Börsenaufsicht SEC. Im Jahr 2011 reichte die Behörde Klage ­gegen Homm und weitere Personen ein. Sie wirft den Beschuldigten vor, die Kurse von nahezu wertlosen Pennystocks nach oben getrieben und den Anlegern teuer verkauft zu haben. Das soll gelungen sein, weil Homm die Hälfte an der Brokerage-Firma Hunter besessen habe. Über Hunter lief ein Grossteil der Transaktionen mit den betroffenen Titeln. Die mutmasslich ertrogene Summe: 63 Millionen Dollar. Homm stellt fest, alle Transaktionen seien transparent, seine Geschäftspartner bei Absolute Capital Management stets informiert gewesen. Und Wirtschaftsprüfer hätten den Wert der Positionen im Portefeuille nie korrigiert.

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Erwartete Rückkehr

Dass ihn die amerikanische Drogen­behörde DEA sucht, dazu schreibt Homm nichts. Mit keinem Wort erwähnt er sein Kontaktnetz, das gemäss Ermittlerkreisen auch in die Schweiz und Liechtenstein ­hineinreicht und immer noch aktiv sein soll. Nichts erfährt man über die Holding in Zug, die im Frühling 2009 − anderthalb Jahre nach Homms Verschwinden – Po­sitionen von dessen Hedgefonds übernahm. Genauso wenig finden Leser über die Loyr-Stiftung in Vaduz. Einem früheren Geschäftspartner des Hedgemanagers zufolge soll es sich um die Stiftung der ­Familie Homm handeln. Bei der Liberia Renaissance Foundation will man «nicht ganz ausschliessen», dass die Stiftung eine Spende von Loyr in Liechtenstein erhalten habe. Privatermittler Resch jedenfalls glaubt nicht recht an einen mittellosen Homm. «Dass er kein Geld mehr hat, bezweifle ich.»

Bereits jagen sich die Gerüchte, dass Homm bald wieder «auftaucht». Das vermutet wenigstens jener Schweizer, der im Buch den Decknamen «Rialas» trägt. Er arbeitete als Homms persönlicher Assistent und sass zeitweise auch im Stiftungsrat der ­Liberia-Foundation. So, wie er Homm einschätze, glaube er, dass dieser sich den Vorwürfen stelle, sagt der Mann im Gespräch. «Ich hoffe, er macht es.»

 

«Kopf Geld Jagd»: Schonungslose Einsichten

Buch
«Kopf Geld Jagd» ist vieles zugleich: Autobiografie, Selbstfindungsroman und Insider-Bericht aus der geheimen Welt der Hedge-Manager und Firmen-Raider. Es sind mithin diese Stellen, in denen Text und Autor überzeugen. Kein Zweifel, Florian Homm kennt sein Metier. Er beschreibt die Taktiken und Finten seiner Zunft genau und emotionslos. Treffend sind auch seine Urteile über die Branche. Einer, dessen Ruf bereits ruiniert ist, darf ganz ungeniert schreiben. Bei der Enthüllung seiner eigenen Vergangenheit mutet Homm den Lesern hingegen viel zu. Zu viele Details, zu viel Namedropping und zu viel Selbstfindungs- Esoterik erschweren die Lektüre. Klar wird Lesern vor allem dies: Hier schreibt einer, der daran litt, all die Jahre abseits des Rampenlichts zu stehen. Damit dürfte es allerdings vorbei sein. Das Buch ist bei FinanzBuch Verlag erhältlich.

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