Am Wochenende ist Tom DeMark besonders beschäftigt. Statt in ­Arizona an seinem Swimmingpool die Wüstensonne zu geniessen, hockt er vor den sechs Computerbildschirmen auf seinem Schreibtisch und vertieft sich in Charts vom Aktienmarkt: «Research ist meine Lieblingsbeschäftigung, und Zeit dazu finde ich nur frühmorgens, spätabends oder am Wochenende», sagt der Star-Charttechniker. Ansonsten klingelt zu oft das Telefon. Dass sein Mahagoni-getäfeltes Büro in seiner weitläufigen, im toskanischen Stil gehaltenen Villa direkt neben dem Schlafzimmer liegt, ist DeMarks Lebensprinzip: Regelmässig steht er mitten in der Nacht auf, um zu arbeiten.

Diese Verbissenheit beschert DeMark und seinem Unternehmen, Market Studies, herausragenden Erfolg. Sei es der Höhepunkt im S&P 500 vor dem Welt­finanzcrash 2008 oder der Tiefpunkt im März 2009: Wer die Marktsignale von ­DeMark bezieht, ist häufig früh genug richtig positioniert, um an der Börse sehr viel Geld zu gewinnen.

Entsprechend populär ist DeMark in der Welt der Finanziers. Für Hedgefondsmanager Steven Cohen, Gründer des Hedgefonds SAC Capital Advisors, steht eigens ein Telefon auf DeMarks Schreibtisch, das nur für dessen Anrufe bestimmt ist. Er und ein weiterer Finanzier, John Burbank von Passport Capital, haben sich sogar in DeMarks Unternehmen eingekauft, um ihren Zugang sicherzustellen. George Soros bezieht DeMarks Chartsignale genauso wie Oswald Grübel, der ehemalige Bankier aus Wollerau am Zürichsee, der erst die Credit Suisse und dann die UBS führte.

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«Ich bin über die Terminals von Bloomberg auf DeMark aufmerksam geworden», schreibt Grübel auf die E-Mail-Anfrage der «Handelszeitung». «Es ist das beste System, das mir in 50 Jahren untergekommen ist.» Grübel ist als eingefleischter Händler bekannt. Er begann seine Karriere als Anleihen-Trader in London. Zwischen 2007, als er als Chef der Credit Suisse in Ruhestand ging, und 2009, als er zum Chef der UBS berufen wurde, arbeitete er als unabhängiger Vermögensverwalter. Heute handelt er noch mit seinem Privatvermögen. Der Bankier nutzt DeMarks Indi­katoren «als eine wichtige Entscheidungsgrundlage für kurzfristige Bewegungen». Nur einmal hat Grübel DeMark persönlich getroffen, aber er spart sich über Details aus: «Keine Anekdoten.» Nur so viel gibt er preis: «Ich kenne DeMark nicht als mathematisches Genie, sondern eher als eine ­realistische Person.»

Neigung zu Extremen

Das auffälligste Merkmal des 65-jährigen DeMark ist dessen rundes Doppelkinn. Zwei Bentleys in seiner Garage, ein grosses Heimkino und eine zweistöckige Sportsbar mit vielen kostspieligen Basketball-Memorabilia sind weniger Zeugen davon, dass er sich gern selbst verwöhnt. Vielmehr verfolgt DeMark jede einzelne seiner Interessen obsessiv: «Ich neige zu Extremen», gesteht er gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Als Kind spielte er einen Sommer lang täglich 81 Golf­löcher, um unter den unter 13-Jäh­rigen im amerikanischen Gliedstaat Wisconsin Bester zu werden. Dann ass er 60 Tage in Folge Spaghetti mit Tomatensosse. 2009 hörte er auf einem Heimflug aus ­London 11 Stunden und 20 Minuten immer wieder dasselbe Lied: «Viva la Vida» der Popband Coldplay. Ihn faszinierte die Nachricht des Songs: «Dass ein respektierter König oder in meinem Fall ein Marktprognostiker mit einem einzigen Fehler seine ganze Welt riskieren kann.» Sein Hauptinteresse gilt nun einmal der Aktien­marktprognose.

Seit 40 Jahren beobachtet DeMark die Kursbewegungen in Aktiencharts, um sich wiederholende mathematische Muster zu erkennen. Er programmiert am Computer Algorithmen, die Kauf- und Verkaufssignale ausspucken, wenn sich eine Trendwende am Markt ankündigt. Die Hoffnung von DeMarks Kunden: Dass sie früher als die meisten anderen Marktteilnehmer mitbekommen, wenn ein ­Index oder ein Future überkauft oder überverkauft ist. So können sie rechtzeitig vor der Herde in die entgegengesetzte Richtung laufen.

100 verschiedene Indikatoren

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DeMark glaubt, dass der Goldene Schnitt, der Satz für Proportionen, der sich unter anderem in Leonardo DaVincis Zeichnungen, am Parthenon in Athen und an der grossen Pyramide von Gizeh wiederholt, nicht allein für die Architektur ­relevant ist. Vielmehr sieht er diese harmonische Proportion, bei der zwei Seiten geteilt durcheinander 1,618 ergeben, überall in der Natur und eben auch am ­Aktienmarkt. Eng mit dem Goldenen Schnitt verbunden ist die sogenannte ­Fibonacci-Folge 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34 ..., bei der jede Zahl die Summe aus den beiden vorhergehenden ist. Der Mathematiker Leonardo Fibonacci aus Pisa zeichnete diese Zahlenfolge im 13. Jahrhundert auf. Teilt man eine Fibonacci-Zahl durch die vorhergehende, erhält man wiederum 1,618 – eben den Goldenen Schnitt.

DeMark analysiert die wellenförmigen Bewegungen an den Aktienmärkten. Daraus entwickelt er rund 100 Indikatoren. Der TD Sequential Indicator ist einer der beliebtesten. Fällt der Preis für eine Aktie, einen Rohstoff oder einen Index unter den vor vier Tagen erreichten Kurs, beginnt DeMark zu zählen: Schliesst der Wert neunmal in Folge unter dem vor vier Tagen erzielten Schlusskurs, ist das «Setup» erreicht. Dann beginnt der Countdown. Hierbei müssen die Kurse dreizehn Mal in Folge unter das Intraday-Tief von vor zwei Tagen ­fallen. Das markiert laut ­DeMark den Tiefpunkt. Der Indikator empfiehlt den Einstieg.

Dieses Prinzip kann DeMark auf alles anwenden, was regelmässig Zahlen generiert – sei es ein Aktienkurs, die Bierproduktion, Migrationstrends oder eine Wahlprognose. Bei der US-Wahl hatte der TD Sequential Indicator schon eine Woche vor der letzten Debatte zwischen Mitt Romney und Barack Obama ­ergeben, dass Romneys Popularität abbröckelt.

500 Dollar im Monat für seine Einsichten

Allerdings geht DeMark mit den Fibonacci-Zahlen kreativ um. Eigentlich müsste er zunächst nach einer achtmaligen ­Wiederholung suchen und erst danach nach einer 13-maligen. «Mit neun funktioniert das besser als mit acht», sagt er in ­einem Interview. «Lange habe ich mit der Zahl neun gehadert, weil sie ja keine Fibonacci-Nummer ist. Doch dann verglich ich in einer Studie die Schlusskurse vom 9. Tag mit den Schlusskursen vom 4. Tag. Und weil neun und vier ja wiederum mit 13 eine Fibonacci-Nummer ergibt, konnte ich den Konflikt in meinem Kopf beheben.»

500 Dollar im Monat kosten die charttechnischen Einsichten von Tom DeMark. Sie stehen nur professionellen Händlern offen, weil DeMark sie ausschliesslich über die Handelsterminals von Bloomberg oder Thomson-Reuters vertreibt. Die Zahl seiner Abonnenten hält DeMark geheim. Allein SAC zahlt DeMark im Jahr mehrere Millionen für seine Dienstleistungen. Seit 15 Jahren hat er DeMark unter Vertrag.

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De Mark startete seine Finanzkarriere in den 1970er-Jahren als Aktienanalyst in der Anlageabteilung des Versicherers Northwestern National Insurance. Hier brachte ein Kollege ein Chartbuch mit ins Büro – absolutes Neuland zu der Zeit. «Damals war das so, als brächte man ein Playboy-Magazin ins Kloster. Man musste die Hefte unter dem Schreibtisch verstecken.»

«Gut für kurzfristige Bewegungen»

Noch heute ist die technische Analyse von Charts heftig umstritten. Während die einen sie entscheidend finden, um den richtigen Zeitpunkt für den Einstieg in ein Wertpapier zu finden, halten andere sie für Humbug. Der grösste Widersacher ist Warren Buffett. «Ich erkannte, dass Chartanalyse nicht funktioniert, als ich einen Chart auf den Kopf stellte und dennoch dieselbe Antwort erhielt», sagte er einmal bei einem Vortrag. Oswald Grübel wundert das nicht: «Für langfristige An­leger stimmt seine Aussage», findet er, «DeMarks System ist gut für kurzfristige Bewegungen.»

DeMark versucht weiter obsessiv, das Geheimnis des Aktienmarktes endgültig zu lüften – sehr zum Leidwesen seiner Ehefrau Nancy. «Er arbeitet ständig», klagt sie, «sein Lebenssinn ist es, den Markt zu knacken. Er sagt selbst: ‹Löse ich das Geheimnis, dann sterbe ich.›»