Luzern ist nicht Singapur. Doch für die Bank Sarasin hat die Stadt am Vierwaldstättersee genauso viel Priorität wie der boomende Finanzplatz in Südostasien. Gemäss Recherchen der «Handelszeitung» eröffnet das Basler Finanzinstitut im nächsten Jahr eine Niederlassung in Luzern. Leiten wird sie der 48-jährige Markus Koch, der die letzten 25 Jahre bei der UBS arbeitete, zuletzt als Leiter der gesamten Region Zentralschweiz.

Sarasin gelingt damit ein Überraschungscoup, der in eine Reihe von Vorstössen passt, mit denen das Unternehmen seit geraumer Zeit von sich reden macht. Als erstes und bislang einziges Finanzinstitut in der Schweiz etwa bezifferte die Bank kürzlich ihre undeklarierten Vermögen auf geschätzte 5 Milliarden Franken oder 5 Prozent ihrer Kundenvermögen. Zudem kündigte Sarasin an, bis in zwei Jahren keinerlei unversteuerte Depots aus dem Ausland mehr zu halten: Ein hoher Anspruch, den bisher keine andere Bank so absolut formuliert hat.

Vorläufig noch eine Auslandbank

Geht die Rechnung auf, hat Sarasin gute Chancen, eine neue Ära im Swiss Banking zu begründen. Einziger Makel: Seit 2007 ist das Unternehmen keine Schweizer Bank mehr. Das Institut gehört dem holländischen Finanzkonzern Rabo, der 2002 bei den Baslern einstieg und 2007 die Mehrheit übernahm. Seither firmiert das 1841 gegründete Geldhaus als Auslandbank in der Schweiz.

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Doch dieser Status könnte sich ändern, wie Recherchen zeigen. Bereits im Sommer tönte CEO Joachim Strähle gegenüber der «Finanz und Wirtschaft» derlei Bestreben an. Auf die Frage: «Träumen Sie von einem Management Buyout?», antwortete er überraschend: «Es wäre spannend, mit dem Management etwas zu unternehmen. Aber ich glaube, wir müssen noch etwas gefestigter sein.» Mit derlei Statements kokettiert kein Manager.

Gerade einmal fünf Monate später bestätigt Strähle gegenüber dieser Zeitung, dass sich an diesem «Traum» nichts geändert habe, der Zeitpunkt aber noch nicht da sei, den Traum zu realisieren. Mehr will er nicht verraten. Es wäre aber erstaunlich, wenn das weiter nur eine Fantasie bliebe. Stimmen in der Branche weisen darauf hin, dass eine reine Schweizer Bank gute Chancen im Markt hätte und vor allem für ausländische Kunden eine interessante Alternative wäre.

Ein Indiz dafür lieferte vor Jahresfrist der Ostschweizer Privatbankier Konrad Hummler. In einem seiner Anlagekommentare sinnierte der Teilhaber der Privatbank Wegelin über die Ausgestaltung einer reinen Schweizer Bank, die aus Risikoüberlegungen keine Geschäfte mehr mit US-Kunden mache und sich statt dessen auf solide Schweizer Werte besinne. Mit seinen Überlegungen stiess Hummler auf eine weltweite Resonanz.

In Schweizer Finanzkreisen traut man dem früheren Credit-Suisse-Banker Strähle durchaus einen weiteren Coup zu. Es ist auch ein offenes Geheimnis, dass die Abläufe im genossenschaftlichen Rabo-Konzern zähflüssiger sind als in der mittlerweile schlagkräftig durchorganisierten Bank Sarasin. Und während die holländische Mutter in den USA stark präsent ist, hat sich Sarasin aus diesem Markt aus Compliance-Aspekten zurückgezogen.

Bislang dementiert Rabo jegliche Verkaufsabsichten. Doch am Rheinknie erweckt einiges den Eindruck, dass das Institut seit etwa zwei Jahren auf eine unabhängige Positionierung hin arbeitet: Neben der anvisierten Steuerehrlichkeit profiliert sich Sarasin mit einem breiten Angebot an nachhaltigen Anlagen, welche die Finanzkrise erstaunlich gut meisterten; die Bank expandiert zudem gezielt in Asien, im Nahen Osten sowie in Polen und Deutschland. Ein Alleingang wäre auch da von Vorteil, da die Bank in einzelnen Ländern, wo Rabo bereits vertreten ist, keine oder nur eine limitierte Lizenz erhielt.

Schliesslich unterstreicht Sarasin mit der kürzlichen Eröffnung einer Filiale in Bern und der geplanten Niederlassung in Luzern ihre Verbundenheit zur Heimat. Diesen Leistungsausweis präsentierte Strähle unlängst auch in einem Gespräch mit der britischen «Financial Times», die ihn als sympathischen «Eigenbrötler» (Maverick) mit hoher Erfolgsquote beschrieb. Unklar bleibt, wie ein Rückkauf finanziert werden könnte. Immerhin hat die Bank einen Börsenwert von 2,33 Milliarden Franken. Rabo hält 46,1 Prozent des Kapitals und 68,6 Prozent der Stimmen. Gemessen wird der Wert einer Privatbank auch an den Kundenvermögen, die derzeit knapp 100 Milliarden Franken betragen. Im Markt wird für qualitativ gute Depots zwischen 4 und 6 Prozent bezahlt.

Befremden im «Daig»

Tatsächlich entspräche die Repatriierung der Bank einem tiefen Bedürfnis in Basel. Denn seinerzeit löste die Übernahme des Traditionshauses im Establishment, umgangssprachlich der «Daig», einiges Befremden aus. Umso mehr täte eine Rückgewinnung der gebeutelten Basler Seele gut. Dessen ist sich Strähle bewusst, selbst wenn der 52-Jährige kein Basler ist. Er wuchs im benachbarten Baden-Württemberg auf, bevor er mit seinen Eltern im Kindesalter nach Zürich zog und später Schweizer wurde. Er gibt nicht den abgehobenen Banker, sondern gilt als zuverlässiger Arbeiter. Nur unterbrochen von einem Abstecher zu Julius Bär stand er zwanzig Jahre im Dienst der Credit Suisse, bevor er 2006 zu Sarasin ging.

Dort traf er auf ein ausgebremstes Geldhaus, das unter seinen Teilhabern keinen Chef gefunden hatte und kundenseitig kaum mehr zulegte. Zwar löste seine Ankunft Verunsicherung aus, doch in der Finanzkrise erwies sich die Bank unter seiner Führung als sehr stabil. In drei Jahren flossen der Bank 44,5 Milliarden Franken Neugeld zu. Ende Jahr will Strähle die 100-Milliarden-Marke knacken, 2015 sollen es gar 150 Milliarden Franken sein. Auch das soll mehr als ein Traum sein.