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Private Banking: Parade der Emotionen

Evelyn Lederle, Zürcher Repräsentanz; Olivier Jaquet, Vom Bank-Chef zum Bank-Berater; Martina Bigliardi, baut neue Jobs auf

Mit der Integration von Clariden Leu verlor die Credit Suisse wichtige Mitarbeiter und viel Know-how. Nun dürften auch Kundendepots abwandern.

Von Claude Baumann
am 05.06.2012

Gerade mal ein gutes Jahr ist es her, seit Olivier Jaquet im Zürcher Nobelrestaurant Metropol die Belegschaft von Clariden Leu zum Durchhalten motivierte. Als Nachfolger des abgesetzten Chefs Hans Nützi stellte sich der einstige Vizeweltmeister im Degenfechten demonstrativ vors Personal und verkündete das Ende der Frustrationen. Nun gelte es, wieder mit Stolz und Freude an die Arbeit zu gehen. Teamgeist sei gefragt.

Die Halbwertszeit seiner Botschaft blieb begrenzt. Knapp acht Monate nach seinem Auftritt wurde Jaquet in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgesetzt und die traditionsreiche Bank ins Mutterhaus Credit Suisse einverleibt.

Kaum ein anderes Ereignis hat in der Schweizer Finanzbranche in letzter Zeit mehr zu reden gegeben, als der Untergang dieser Bank, deren Wurzeln bis ins Jahr 1755 zurückreichten. Emotional war der Akt auch deswegen, weil es im Integrationsprozess zu einer knallharten Selektion kam zwischen jenen Mitarbeitern, die von der CS ein Jobangebot bekamen, und jenen, die auf die Strasse gestellt wurden.

Heute, zwei Monate nach dem offiziellen Ende von Clariden Leu, haben sich die 1734 Clariden-Leu-Angestellten in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Nicht wenige wurden von der Konkurrenz abgeworben. Zum Beispiel der abgehalfterte Chef Jaquet selbst. Seit Anfang Juni hat er ein befristetes Beratermandat bei der einstigen Konkurrentin Julius Bär. Dort soll er das Geschäft mit den unabhängigen Vermögensverwaltern unter die Lupe nehmen. Nach fast 20 Jahren bei einer Grossbank habe ihn eine solche Aufgabe sehr gereizt, sagt er. Was danach geschehe, sei noch völlig offen.

Erstaunliches Privileg

Während Jaquet einen Neustart praktiziert, geniesst dessen Vorgänger Hans Nützi, der von Ende 2007 bis Anfang 2011 Chef von Clariden Leu war, ein seltenes Privileg: Trotz seiner durchzogenen Leistungsbilanz ist der 58-Jährige noch bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung Ende Jahr bei der CS angestellt. Als «Senior Advisor» im Range eines Managing Director betreut er ausgewählte Kunden, wie interne Quellen bestätigen. Diese auf Anhieb erstaunliche Weiterbeschäftigung wird damit begründet, dass es besser sei, Nützi tue dies für die CS statt extern; sprich als Selbstständiger.

Tatsächlich war die Grossbank in den letzten Monaten zu enormen Konzessionen bereit. Nicht unbedingt, um die Leute zu halten, aber zumindest die Gelder derer Kunden. Schliesslich gelten die «verwalteten Vermögen als wichtigste Messgrösse im Vermögensverwaltungsgeschäft. Die CS liess deshalb zahlreiche Top-Berater ziehen, vorausgesetzt, dass sie ihre Depots bei der CS liessen. So wechselte etwa eine Handvoll erstklassiger Berater zum Vermögensverwalter Dynapartners in ­Zürich und Genf, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen – darunter Peter Caminada, Arnold Meier und Marc Paulic – alles Ex-Clariden-Leute.

Dank dieser Kulanz gelang es der CS fürs Erste, die ganz grosse Erosion an ­Kundengeldern abzuwenden. Gleichwohl musste sie im 1. Quartal 2012 bereits einen Abfluss von mehr als 4 Milliarden Franken beklagen, wie CS-Konzernchef Brady Dougan Ende April einräumte, und im 2. Quartal 2012 werden weitere Abflüsse folgen, so ein Banksprecher.

Die eigentliche Kapitalverschiebung dürfte aber noch anstehen. Denn all jene Mitarbeitenden, die sich selbstständig machten oder zur Konkurrenz überliefen, beginnen jetzt, ihre Kunden nachzuziehen. Kein Wunder, stehen CS-Private-Banking-Chef Hans-Ulrich Meister in dem ohnehin schon schwierigen Umfeld noch herausfordernde Monate bevor. Treffend bezeichnet er die Integration von Clariden Leu in die CS denn auch als eine «Opera­tion am offenen Herzen». Eine Bilanz will er frühestens Ende Jahr ziehen, weil erst dann alle Massnahmen griffen.

Erst wer sich vergegenwärtigt, wie viele frühere Clariden-Leu-Mitarbeiter nun an unterschiedlichsten Orten wieder auftauchen, wird sich des riesigen Know-howVerlustes bewusst. Daniel Savary etwa wechselte gleich mit einem 18-köpfigen Team zu Julius Bär, und betreut 3 Milliarden Franken an Geldern vorwiegend aus dem Nahen Osten. Die liechtensteinische Fürstenbank LGT schnappte sich ein 10-köpfiges Team unter der Leitung von Michael Stahel für das Geschäft mit Insurance-Linked-Investments (ILS). Bei Barclays Wealth, dem Vermögensverwaltungsarm der drittgrössten Bank Grossbritanniens, hat Osteuropa-Expertin Martina Bigliardi Moehr die Leitung des Zürcher Büros übernommen. Sie war im Sommer 2010 von der UBS zu Clariden Leu gestossen. Nun will Barclays Wealth in Zürich und Genf 40 neue Stellen schaffen. Von der Limmatstadt aus betreuen zehn Mitarbeiter reiche Kunden aus Russland, Osteuropa und ­Israel. Bis Ende des Jahres soll die Zahl verdreifacht werden, wie Bigliardi letzte Woche an einer Pressekonferenz erklärte.

Auch andere ehemalige Clariden-Leu-Mitarbeiter bezogen neue Büros. So startete Daniel Ritz die Zürcher Filiale des Genfer Vermögensverwalters Unigestion. Unter der Ägide von Thomas Henauer eröffnete das US-Finanzinstitut Janus Capital International ein Büro in der Limmatstadt, genauso wie Evelyn Lederle, die im Dienst des britischen Finanzhauses Jupiter Asset Management eine Vertretung in Zürich installiert. Die letzte Medienchefin von Clariden Leu, Tanja Kocher, hat inzwischen bei der Deutschen Bank einen Kommunikationsjob mit europaweiter Verantwortung gefunden. Und Mike Baur, zuletzt verantwortlich für das Private Banking in der Schweiz, übernimmt per Anfang Oktober die Verantwortung für das Private Banking bei der Anfang 2012 neu formierten Sallfort Privatbank in Basel und Zürich.

Für allerhand Aufsehen sorgte auch die Nachricht, wonach die vom deutschen August Baron von Finck kontrollierte Goldhandel-Unternehmensgruppe Degussa ein Büro in Zürich eröffnet. Leiter ist der ehemalige Clariden-Leu-Banker Andreas Hablützel. «Wir möchten unser Geschäft schnell ausbauen. Neben einem Onlineshop wollen wir eine Schalterhalle und Schliessfächer anbieten. Ferner prüfen wir weitere Standorte. Das ist insgesamt eine spannende Herausforderung für mich», so Hablützel.

Mutmassen über Metropol

Am meisten spekuliert wurde in den letzten Wochen jedoch über die Firma Metropol Partners – benannt nach dem gleichnamigen, historischen Gebäude an der Zürcher Börsenstrasse, wo einst die Bank Hofmann und später Clariden Leu residierten. Gegründet wurde das Unternehmen Mitte März 2012, wie der Rechtsanwalt und Verwaltungsratspräsident Christian Brunner gegenüber der «Handelszeitung» bestätigt.

Der eigentliche Initiant ist jedoch der Amerikaner Anthony Cagiati (ex Leu). Mit von der Partie sind als Verwaltungsräte und Zeichnungsberechtigte zudem einige «Untouchables», also Clariden-Leute, die zuvor Depots in der Grössenordnung von einer Milliarde Franken betreuten und deswegen direkt der Bankleitung unterstellt waren. Zu ihnen gehören etwa Bruno Lienhart und Christian Sieber. Zu den weiteren wichtigen Mitarbeitern zählen der auf russische und osteuropäische ­Klientel spezialisierte Alexander Ostrowsky (ex Clariden) und Thomas Fürbringer (ex Clariden), Eugen Müller (ex Leu) sowie Lorenz Kiener (ex Hofmann) und Hansjörg Muntwyler (ex Hofmann). Wie in der Branche kolportiert wird, will das Unternehmen mit der Zeit rund 30 Mitarbeitende beschäftigen. Bestätigen mag dies Präsident Brunner nicht, da manche Mitarbeiter noch vertraglich gebunden seien. Bis Herbst werde einiges spruchreif sein.

Nicht immer verlief die Abnabelung der Clariden-Leu-Leute reibungslos. Wie rigoros die CS-Verantwortlichen vorgingen, offenbarte sich bei einem Lateinamerika-Team, das im Begriff war, zu einer Zürcher Traditionsbank zu wechseln. Selbst als die Arbeitsverträge schon unterzeichnet waren, bearbeiteten oberste CS-Manager die Abspenstigen übers Wochenende dermassen, dass diese bis am Montagmorgen kalte Füsse bekamen. Auch da zeigte sich, wie viele Emotionen mit Clariden Leu verbunden sind.

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