Für Ray Soudah ist es eine Win-win-Situation. Geht es den Banken gut, wollen sie expandieren und dabei gut beraten sein. Dann kommt der gebürtige Zypriote mit seiner Firma Millenium Associates zum Zug. Er ist seit vielen Jahren spezialisiert auf Beratungen im M&A-Geschäft, also auf Fusionen und Übernahmen. Wenn es umgekehrt den Banken schlecht geht und schwächelnde Institute übernommen werden sollen, springt Soudah ebenfalls in die Bresche. Und auch in diesem Fall ist guter Rat teuer.

So besehen kennen nur wenige Leute die wahren Befindlichkeiten im Schweizer Bankwesen wie Soudah. «Im Moment», sagt er, «befinden sich einige Banken im Prozess der Kapitulation.» Ein wichtiger Grund dafür: Das Abkommen zwischen der Schweiz und Deutschland in Sachen unversteuerte Gelder rückt immer näher, seit der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble und sein damaliger Schweizer Kollege, Bundesrat Hans-Rudolf Merz, unlängst verlauten liessen, die Angelegenheit bis Ende dieses Monats geregelt sein werde.

Das hat weitreichende Folgen. Denn eine Einigung zwischen Bern und Berlin dürfte für die übrigen Finanzminister innerhalb der EU Modellcharakter haben, sodass die Problematik mit den unversteuerten Vermögen schon sehr bald einmal europaweit erledigt sein dürfte. Für jene Banken in der Schweiz, die in den letzten Jahrzehnten ihr Geschäftsmodell grossmehrheitlich auf ebendiese unversteuerten Gelder abgestützt haben, wird es das Ende bedeuten.

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Vor diesem Hintergrund erwartet M&A-Berater Ray Soudah im nächsten Jahr mindestens 20 Transaktionen, bei denen kleinere oder mittelgrosse Geldhäuser den Besitzer wechseln oder gleich ganz schliessen werden. Betroffen sind Banken mit Kundendepots im Gesamtwert von 0,5 bis 15 Mrd Fr., die unter den neuen, steuer-ehrlichen Gegebenheiten nicht weiter bestehen können. Erstens, weil sie es in den letzten Jahren versäumt haben, ihrer Klientel zur Selbstdeklaration zu raten. Zweitens, weil sie den enorm gestiegenen Anforderungen in Sachen Compliance, Steuern und Recht von ihrer Manpower her gar nicht mehr gewachsen sind.

Grösste Säuberungswelle

Unter diesen Prämissen steht dem hiesigen Finanzplatz die grösste Säuberungswelle in seiner ganzen Geschichte bevor. Die wichtigsten Akteure in diesem Show-down lassen sich dabei leicht in zwei Gruppen einteilen. Auf der einen Seite die Käufer: Dazu zählen grössere, überdurchschnittlich gut kapitalisierte Häuser, deren Bestrebungen, die Schwarzgeld-Klientel von Bord zu kippen, bereits sehr weit gediehen sind. Obendrein besitzen sie auch die personellen Kapazitäten, um in Sachen Compliance auf der Höhe zu sein und der Kundschaft von morgen die erforderlichen Steuerunterlagen für ihr jeweiliges Domizilland aufbereiten zu können. Julius Bär, Sarasin oder Vontobel zählen zu dieser Gruppe von Käuferbanken. Sie haben ihren Appetit teilweise auch schon unter Beweis gestellt. UBS und Credit Suisse halten sich dagegen eher zurück, weil ihre Ambitionen eher globaler Natur sind.

Die Credit-Suisse-Tochter Clariden Leu indessen, die in den letzten zwölf Monaten zwar einen massiven Kapitalabfluss verzeichnen musste, schliesst eine Übernahme nicht aus. «Es sind momentan sehr viele kleine Banken auf der Suche nach Partnern», sagt Finanzchef Roman Kurmann. «Clariden Leu hätte dank der andauernden überdurchschnittlichen Profitabilität und ihrer Grösse sicherlich die Kraft, eine Akquisition durchzuführen.» Mit einer Kernkapitalquote von 24% zählt die CS-Tochter tatsächlich zu den am solidesten kapitalisierten Privatbanken in der Schweiz.

Noch eine Gruppe von Banken geht neuerdings in der Schweiz auf Einkaufstour: Es sind grössere ausländische Institute, die bislang nur bescheiden oder gar nicht zwischen Zürich und Genf vertreten waren. «Unsere Bank ist im Akquisitionsmodus», verkündete Alberto Valenzuela vor wenigen Tagen an einer Private-Banking-Konferenz des Medienkonzerns Reuters. Der stellvertretende CEO der Société Générale (Suisse) erachtet die Schweiz als wichtiges Wachstumsfeld fürs Private Banking: Der französische Bankkonzern habe in der Schweiz zwar schon eine gute Grösse. Man bleibe aber interessiert an Akquisitionen, so Valenzuela.

Mehr Gerede als Action?

Bereits einen Schritt weiter ist der Schweizer Ableger der indischen Hinduja-Gruppe. Die Genfer Tochter Hinduja Bank (Schweiz) übernahm Anfang 2010 die Banca Commerciale Lugano (BCL) und ist seither ständig im Gespräch, wenn Institute feilgeboten werden letzte Woche stieg das Institut auch noch in den Bieterkampf um die zum Deutsche-Bank-Konzern gehörende BHF Bank ein, die man in der Branche schon längst unter den Fittichen der liechtensteinischen LGT Group vermutete.

Letzte Woche meldete auch die Royal Bank of Canada (RBC), dass ihr Schweizer Ableger ehrgeizige Wachstumspläne in der Schweiz hege. Im laufenden Jahr habe RBC bereits drei Unternehmen genauer geprüft, sagte Karen Simpson, die Leiterin von RBC in der Schweiz, an einem Anlass. Doch es kam zu keinem Abschluss: «Momentan gibt es mehr Gerede als Action.»

Mit den sich anbahnenden Veränderungen in der Steuerthematik wird sich das jedoch schneller ändern, als es manche Akteure annehmen. Die vielzitierte Konsolidierung wird dabei noch durch einen weiteren Trend begünstigt: Immer mehr Reiche und Superreiche ziehen in die Schweiz. Darum hat kürzlich auch die amerikanische Bank J.P. Morgan Chase erklärt, hierzulande wachsen zu wollen. Das Institut will sich auf ein Publikum konzentrieren, das mindestens 20 Mio Dollar an liquiden Mitteln zur Verfügung hat. Auch die US-Bank Morgan Stanley hat vor, sich unter der Leitung ihres neuen Private-Wealth-Chefs Pavlos Bailas bei sehr vermögenden Personen stärker zu engagieren.

Als typische Verkaufsobjekte gelten grundsätzlich jene Institute, die den wachsenden Kosten nicht mehr gewachsen sind, oder bei denen der Entscheid des (ausländischen) Mutterhauses feststeht, den Ableger in der Schweiz zu veräussern - in der Regel, um mit dem Erlös Staatsgelder zurückzuzahlen. Vor diesem Hintergrund stehen viele Banken auf dem Radar, welche die anrollende Konsolidierungswelle nicht überstehen werden (vgl. Kasten).

Schmerzvoll, aber nötig

Früher, sagt M&A-Berater Ray Soudah, hätten diese Institute das Geld aus dem Ausland wie Magnete angezogen. Doch das sei nun vorbei. Was jetzt komme, sei ein bisweilen schmerzvoller, aber notwendiger Anpassungsprozess. Branchenexperten sind überzeugt, dass die Schweiz davon profitieren wird. Die Bankenlandschaft wird dadurch stabiler, besser kapitalisiert und kompetenter. Dass andere internationale Finanzplätze da mithalten können, bezweifelt Ray Soudah. Mittlerweile sei der Druck überall enorm gross.