Der Satz fällt im Gespräch mit einem Bankier, der seit den 90er-Jahren in der Schweiz eine Finanzboutique führt und entsprechend die Höhen und Tiefen der hiesigen Finanzindustrie hautnah miterlebt hat: «Ich verstehe wirklich nicht, weshalb sich Thommy dies nochmals antut.»

Mit Thommy ist Thomas Matter gemeint, Gründer und ehemaliger Chef der Swissfirst-Gruppe, der sich nach der öffentlichen Kritik zur Fusion seines Finanzinstituts mit der Bank am Bellevue zum Rücktritt gezwungen sah. Das mit Skepsis kommentierte Projekt: Matter hatte vor gut einem Jahr angekündigt, dass er ins Geschäft zurückkehren und eine neue Bank gründen will. Zusammen mit seinem langjährigen Weggefährten Daniel Hefti hat er bei der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma) ein Gesuch für eine Bankenlizenz eingereicht. Noch wurde diese entgegen den bisherigen Ankündigungen nicht erteilt. Laut einem Kenner der Materie soll sie allerdings bis Ende Jahr vorliegen.

Nicht nur Matter wartet derzeit auf eine Bankenlizenz der Finma. Auch Reto Ringger, Pionier im Bereich nachhaltiger Investments und Gründer der Sustainable-Asset-Management-Gruppe (SAM), der er bis zum Verkauf an die niederländische Bank Robeco im Jahr 2008 als Chef vorstand, befindet sich mitten in den Aufbauarbeiten für ein neues Bankhaus. Dieses soll - so der Plan - im ersten Quartal 2011 an den Start gehen.

Bald noch mehr Neugründungen

Etwas weniger prominent sind die Aushängeschilder der Genfer Reyl-Gruppe, die seit Anfang November dieses Jahres als Bank im Markt auftreten darf. Oder der Bank Gutenberg, die Tochtergesellschaft der auf Brokerage, Asset Management und in der Vermögensverwaltung tätigen Cat Group um Mehrheitsaktionär Alfons Niedhart oder den ehemaligen Rieter-Pensionskassenverwalter Jürg Maurer. Seit September 2010 verfügt das Unternehmen über eine Bankenlizenz.

Und dies sind keine Einzelfälle. Gar von einer markanten Zunahme der Anfragen nach der Gründung einer Bank spricht der Zürcher Wirtschaftsanwalt Daniel Fischer, der die Gesuchsteller beim Aufbau einer Schweizer Bank rechtlich unterstützt. «Derzeit stehe ich mit fünf Gruppierungen in Kontakt, die ernsthaft über eine Bankengründung nachdenken», so Fischer. In der Regel handle es sich dabei um Gesuche von ausländischen Interessenten, die vom guten Ruf des hiesigen Finanzplatzes profitieren wollen. Darüber hinaus gelte der Besitz einer eigenen Schweizer Bank in gewissen Kreisen als erstrebenswertes Statussymbol.

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«Zwar haben auch hierzulande die Anforderungen für eine Bankengründung zugenommen. Im Vergleich zum Ausland ist es aber immer noch einfacher», ergänzt Fischer. Die leicht steigende Zahl ausländisch beherrschter Banken unterstreicht die Aussage (siehe Tabelle).

Trend zeigt Konzentration der Branche

Die Initiativen lassen aufhorchen, weichen sie doch vom allgemeinen Trend in der Finanzbranche ab, der über die letzten zehn Jahre einen markanten Rückgang der Bankhäuser zeigte (siehe Grafik). «Die Schweizer Bankenlandschaft befindet sich seit Jahren in einer Konzentrationsphase», stellt Daniel Senn fest. Er ist Partner beim Beratungsunternehmen KPMG und Mitverfasser einer Studie zur Entwicklung des Schweizer Privatbankenwesens. «Aufgrund zunehmender Regulierungskosten sind vor allem kleinere Gesellschaften, die zwischen 10 und 15 Milliarden Franken verwalten, am stärksten unter Druck», ergänzt er. Dass es noch zu keiner starken Konsolidierungswelle wie nach der Krise 2001 gekommen ist, führt Senn auf den noch zu geringen Leidensdruck zurück.

Einmalige Chance?

Doch dieser könnte sich schneller erhöhen, als es insbesondere den Finanzboutiquen lieb sein dürfte. Dann nämlich, wenn der wirtschaftliche Aufschwung wieder ins Stocken gerät. «Das Einhalten der neuen Vorschriften aus dem amerikanischen Steuergesetz Fatca (Foreign Account Tax Compliance Act) oder den Steuerabkommen mit Deutschland und England ist mit hohen Kosten verbunden», erklärt Senn. Neben nötigen Investitionen in personelle Ressourcen und in die Informatik, die auf der Aufwandseite anfallen, werden laut den Finanzexperten auch die Einnahmen zurückgehen: Der Konkurrenzdruck im Markt werde weiter zunehmen, was sich entsprechend negativ auf die Margen auswirke.

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Durch den allgemeinen Konsolidierungstrend in der Branche lassen sich die «neuen» Bankiers allerdings nicht einschüchtern. Im Gegenteil. «Das Timing ist gut. Die Voraussetzungen für unser Projekt waren in den letzten 20 Jahren noch nie so gut wie heute», sagt Ringger.

In seiner Überzeugung bestärkt haben den Finanzexperten Gespräche mit Kunden und Interessenten, die nach den Turbulenzen der Finanzkrise, den anstössigen Vergütungs- und Kompensationsmodellen bei den Grossbanken und den steuerlichen Auseinandersetzungen mit den USA und Deutschland nach einer echten Alternative zu den bestehenden Bankinstituten gesucht haben.

Hinzu kommt, dass Ringger mit seinem neuen Finanzinstitut, das wohl Globalance Bank heissen dürfte, wie zuvor schon mit der SAM-Gruppe auf das Thema nachhaltige Investments fokussiert und damit den aktuellen Zeitgeist ziemlich gut trifft, wie die Wachstumszahlen an seiner ehemaligen Wirkungsstätte zeigen. Seit 2008 konnte SAM die verwalteten Vermögen von 2,5 Milliarden auf 4,6 Milliarden Euro nahezu verdoppeln.

Von Grund auf neu

Was die steigenden Kosten im Bankgeschäft betrifft, so ist Ringger zuversichtlich, dass seine Finanzboutique diese trotz ihrer geringen Grösse im Griff haben wird. «Da wir keine bestehende Bank mit all ihren Altlasten im Bereich der Compliance, Informatik und schwerfälliger Prozesse übernommen haben, sondern das Projekt von null auf neu konzipierten, können wir die Bank nun sehr effizient gestalten», erklärt Ringger. Mit dem Aufbau einer Bank auf der grünen Wiese wird zudem die Übernahme von unversteuerten Vermögen vermieden, die der Gesellschaft in Zukunft noch zu schaffen machen könnte.

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Schliesslich sollen sämtliche Dienstleistungen, die nicht direkt mit dem Kunden oder den Anlagen in Verbindung stehen, an externe Anbieter ausgelagert werden. «Dadurch erzielen wir weitere Kostenvorteile», so Ringger.

Eine ähnliche Strategie der Kostenminimierung verfolgt auch Matter mit seiner Bank für aktive und ehemalige Unternehmer und qualifizierte Privatanleger. Auch hier soll das Backoffice ausgelagert werden, um die Kosten zu reduzieren. Der Fokus von Matters Bank liegt derweil ganz auf der Beratung, die über das Investieren hinaus die Verwaltung von Firmen- und Privatvermögen, Corporate-Finance-Dienstleistungen bis hin zu Nachfolgeplanungen beinhalten soll.

Seine Chance in der aktuellen Marktsituation sieht Thomas Matter in den Nischen. Als kleine, agile Bank soll sich sein Finanzinstitut der Konsolidierungswelle entgegensetzen. Er selber wird dabei nicht mehr operativ an der Front tätig sein, sondern nur noch für 50 Prozent im Verwaltungsrat des Unternehmens einsitzen.

Auf die höhere Agilität kleinerer Institute setzt auch Michael Widmer, Geschäftsführer der Bank Gutenberg. Als Tochter der Cat Group gehört die Bank neben mehreren Vermögensverwaltungsfirmen und Fondsgesellschaften zu einer Gruppe, die seit 1988 am Markt aktiv ist und zusätzlich zur Effektenhändlerlizenz über die Bewilligung zur Ausübung einer Banktätigkeit verfügt. Das neue Finanzinstitut ist daher vor allem als Depotbank für unabhängige Vermögensverwalter tätig und bedient zudem vermögende Privatkunden aus dem In- und Ausland sowie kleinere und mittlere institutionelle Kunden.

«Als Nischenplayer haben wir einen Platz im Markt, auch wenn dieser stark im Wandel ist», ist Widmer überzeugt. Auf Veränderungen in der Branche könne eine Finanzboutique schneller reagieren als eine Grossbank. Zwar erwartet er aufgrund der zunehmenden Regulierungsdichte ebenfalls steigende Kosten. Derzeit sind diese allerdings schwierig zu antizipieren, da die juristischen Anforderungen noch nicht überschaubar sind. «Auf der anderen Seite werden wir nun auch eine höhere Wertschöpfung erzielen, welche diese Kosten wieder wettmachen sollte», schätzt Widmer.

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Klein und agil

Agilität, eine überblickbare Kostenstruktur und ein Nischenfokus mit diesem Rezept wollen die «neuen» Bankiers dem anhaltenden Konsolidierungsdruck entgegentreten und die nächste Marktschwäche überstehen. Damit es am Ende nicht wieder heisst: «Warum haben sie sich das angetan?»