Beim Durchforsten der Weltbörsen nach Performancegesichtspunkten fällt auf: Trotz der jüngsten Stabilisierungsansätze dominiert auf Sicht von zwölf Monaten die Farbe Rot, und damit bringen die meisten Aktienmärkte seit Mai 2015 Verlust. Die baltischen Börsen heben sich da deutlich ab. Denn dort dominieren die Grünzeichen. In Litauen beträgt das Plus auf Sicht von einem Jahr beim OMX Vilnius Index zwar nur etwa 5 Prozent, der OMX Tallinn Index in Estland konnte aber immerhin um rund 15 Prozent zulegen, und der lettische OMX Riga Index bringt es sogar auf ein Plus von 40 Prozent.

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Letzteres ist zwar vor allem auch den nach einem Übernahmeangebot stark gestiegenen Kursen beim lettischen Transport- und Lagerungsunternehmen für Ölprodukte, Ventspil Nafta, zu verdanken, aber auch so kann sich die Performance an den baltischen Aktienmärkten sehen lassen. Zumal auch der langfristige Erfolgsausweis stimmt. In den vergangenen sechs Jahren sind die Kurse an diesen Börsen in der genannten Reihenfolge um 200 Prozent, 215 Prozent und 170 Prozent gestiegen. Der Schweizer SMI-Kursindex brachte im selben Zeitraum nur 50 Prozent.

Baltikum – hohes Wachstum wird erwartet

Die starke Entwicklung im Baltikum überrascht eigentlich, weil die Region durch ihre nicht nur geografische Nähe zu Russland leidet. Das Riesenreich ist schliesslich als Wirtschaftspartner wichtig, und weil es dort wegen des niedrigen Ölpreises und der Sanktionen kriselt, waren diese engen Bande zuletzt belastend. Allerdings erlebten die zuvor sehr dynamischen baltischen Staaten im Zuge der Finanzkrise 2008/09 eine schwere Rezession. Doch danach wurde mit Zähigkeit und Beherztheit reagiert, und so mancher harte Einschnitt wurde anders als etwa in Griechenland klaglos hingenommen.  

Trotz alledem gibt es natürlich im Baltikum nach wie vor auch Probleme. Etwa mit den ethnischen Minderheiten oder der organisierten Kriminalität, vor allem in Lettland. Als echte Herausforderung zu nennen, ist auch die demografische Entwicklung. Die Bevölkerung altert nicht nur, sondern bedingt durch Wegzug schrumpft sie auch. Doch kurzfristig sind die Aussichten in einem allgemein von niedrigen Wachstumsraten geprägten Umfeld relativ passabel. Die Volkswirte der Swedbank trauen Estland für die Jahre 2016 und 2017 ein Wirtschaftswachstum von 2,0 und 2,5 Prozent zu. Für Lettland betragen die Prognosen jeweils 3,0 Prozent und für Litauen 3,3 Prozent und 3,0 Prozent.

Bewertung passt – Marktenge stört

Das sind ganz passable volkswirtschaftliche Rahmendaten, und auf Unternehmensseite ist es oftmals auch zur Fitnesskur gekommen. Die für das Vorjahr vorgelegten Geschäftsergebnisse sind im Schnitt laut den Analysten der Swedbank so auch vorzeigbar ausgefallen.

Wer sich für ein Investment interessiert, der sollte über die relative Enge der lokalen Aktienmärkte im Bild sein. Die 30 Titel umfassende Baltic Main List kommt auf eine Marktkapitalisierung von lediglich 4,9 Milliarden Euro. Das ist ungefähr genauso viel an Börsenwert, wie ihn der Flughafen Zürich auf die Waage bringt. Bescheiden sieht es auch in Sachen Handelsumsätze aus. In der Vorwoche wurden an der Baltic Main List lediglich Aktien im Wert von 3,1 Millionen Euro gehandelt. Das heisst: Ohne Limit sollte an diesen Börsen nicht operiert werden.

Erfreulicher gestaltet sich dafür die Bewertungsseite. Die Swedbank beziffert das von den hauseigenen Analysten abgedeckte Kurs-Buchwert-Verhältnis im Median mit Faktor 1,2 und das auf Sicht von zwölf Monate geschätzte Verhältnis von Unternehmenswert zu Ebitda auf das 8,3-Fache. Hinzu kommen für 2015 Dividendenrenditen von im Schnitt gut 5 Prozent.

Tallin Grupp und Olainfarm: Tiefes KGV und KBV

Als vielversprechend sieht Swedbank unter anderem die Tallink Grupp (ISIN: EE3100004466). Dahinter steckt ein Fährenbetreiber aus Estland, für den das Kursziel mit 1,15 Euro angegeben wird. Die Citigroup hält sogar 1,30 Euro für angemessen. Die Zuversicht hat nicht zuletzt auch mit einem niedrigen Kurs-Buchwert-Verhältnis von 0,8 zu tun sowie mit einer von der Swedbank für 2016 auf rund 5 Prozent taxierten Dividendenrendite. Charttechnisch kommt es hier nun darauf an, dass das Rekordhoch von 1,05 Euro aus dem Jahr 2012 geknackt werden kann.

Langsam an das Rekordhoch aus dem Jahr 2014 bei 7,85 Euro pirscht sich auch wieder Olainfarm (ISIN: LV0000100501) heran. Der lettische Pharmahersteller scheint sich gerade zu einem vertretbaren Preis mit einem Zukauf sinnvoll verstärkt zu haben, und bei einem geschätzten KGV von 7,2 passt trotz bestehender Risiken auf den russischen und ukrainischen Exportmärkten auch die Bewertung. Das Swedbank-Kaufurteil für diesen Wert ist mit einem Kursziel von neun Euro versehen.

Olympic Entertainment Group – hohe Dividenden

Sogar als starker Kauf ist die estnische Spielkasino-Kette Olympic Entertainment Group (ISIN: EE3100084021) eingestuft. Bei einem geschätzten KGV von 10,2 lässt sich das vor allem mit der Dividendenrendite erklären. Denn diese wird für 2016 auf sehr ansehnliche rund 8 Prozent beziffert. Als Kursziel werden in diesem Fall 2,15 Euro genannt. Charttechnisch gesehen bremst in diesem Fall allerdings ein seit drei Jahren vorherrschender Seitwärtstrend. Bessern würde sich die Lage bei einem Sprung über das Rekordhoch von 2,05 Euro.