Notenbanker sind offenbar Menschen mit sehr beständigen Verhaltensmustern. Zumindest legen diesen Schluss die Erfahrungen der vergangenen Jahre nahe. Denn immer und immer wieder versuchten sie mit Zinssenkungen die Weltkonjunktur stärker ins Laufen zu bringen. Obwohl dabei in das Wirtschaftssystem so viel Geld wie noch nie geflossen ist, sind die Verantwortlichen bis heute mit den erzielten Resultaten nicht zufrieden.

Besserung für die in dieser Hinsicht getrübte Laune ist zunächst auch nicht in Sicht. Zumindest dann nicht, wenn der Index des Weltwirtschaftsklimas etwas taugt. Denn dieses vom Münchner Ifo-Institut erhobene Barometer hat sich im dritten Quartal 2016 deutlich eingetrübt. Der erlittene Rückfall um 4,5 Punkte auf 86,0 bedeutete nicht nur den niedrigsten Stand seit über drei Jahren, sondern der Index bewegt sich damit auch zehn Punkte unter dem langjährigen Mittelwert.

Fürsprache für Fiskalprogramme nimmt zu

Nach weltweit getätigten, mehreren Hunderten geldpolitischer Ankurbelungsversuche scheint neuerdings selbst bei den Verantwortlichen der Glaube an die Heilungskräfte der Geldpolitik zu schwinden. Zumal ohnehin fraglich ist, was weitere expansive geldpolitische Massnahmen bei sich oftmals bereits im Negativbereich bewegenden Zinsen noch bringen können.

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Die Rufe nach Konjunkturprogrammen ist zuletzt jedenfalls bereits merklich lauter geworden. Der Internationale Währungsfonds fordert längst Fiskalmassnahmen wie Infrastrukturinvestments, die kurz- und mittelfristig dabei helfen können, das Wachstum zu stimulieren.

«Zentralbanken haben Pulver verschossen»

Andere gewichtige Marktteilnehmer sehen das ähnlich. Die Vordenker beim weltweit grössten Vermögensverwalter BlackRock schreiben zu diesem Thema in ihrem Ausblick auf das zweite Halbjahr Folgendes: «Die meisten Zentralbanken haben ihr Pulver inzwischen weitgehend verschossen. In vielen Ländern sind die Leitzinsen niedrig und die Zentralbankbilanzen aufgebläht, und die Vollbeschäftigung rückt in greifbare Nähe. Wir meinen, dass jetzt fiskalische Anreize und Strukturreformen an die Stelle geldpolitischer Stimuli zum Ankurbeln des Wachstums treten müssen.»

Für einen wieder aggressiveren Rückgriff auf die Fiskalpolitik als Instrument zur Konjunkturbelebung spricht auch noch eine ganz andere Überlegung, auf die Julius-Bär-Chefvolkswirt Janwillen Acket hinweist: «Allmählich ausgehende Politikoptionen der Zentralbanken, um nachhaltiges und stetiges Wachstum zu fördern, und gleichzeitige fiskalische Zurückhaltung haben den Druck auf die Privathaushalte erhöht und deren Frustration über die Globalisierung ansteigen lassen. Diese Tendenz untergräbt zunehmend die Legitimität der regierenden politischen Parteien und fördert radikale Gruppierungen. Statt strukturelle Reformen zu priorisieren, die kurzfristig ihre Wählergruppen negativ betreffen könnten, sind die entsprechenden Regierungen dabei, ihre fiskalische Zurückhaltung abzulegen und defizit- bzw. schuldenfinanzierte Ausgaben zu tätigen.»

Grosse Lücke bei Infrastrukturinvestitionen

Als markante Beispiele für den wieder in Mode kommenden Rückgriff auf staatlich finanzierte Konjunkturmassnahmen führt Acket China und Japan an. Von der neuen britischen Regierung würden solche Massnahmen ebenfalls erwartet, um negative Brexit-Folgen abzufedern. Auch in der Euro-Peripherie und in Frankreich, wo 2017 Präsidentschaftswahlen stattfinden werden, nehme der Wille zu, die Beschränkungen des fiskalischen Stabilitätspaktes aufzuheben.

Ausserdem liebäugelten beide US-Präsidentschaftskandidaten mit fiskalischen Impulsen. So kündigte die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton in der Vorwoche für den Fall ihrer Wahl das grösste Investitionsprogramm der Nachkriegsgeschichte an. Ihr wirtschaftspolitischer Plan sehe vor, Geld in Brücken, Tunnel und Flughäfen zu investieren und auf diese Weise rund 10,4 Millionen neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Investitionen müssten zunehmen

Auch unabhängig von politischen Motiven scheint der Bedarf gross zu sein. So verweist die Credit Suisse auf die Einschätzung des McKinsey Global Institutes, dass weltweit insgesamt 3,3 Billionen Dollar jährlich investiert werden müssten, damit nur schon die Wachstumsprognosen bis ins Jahr 2030 erreicht werden können. In die Kategorien Transport, Energie, Wasser und Telekommunikation würden zurzeit aber lediglich 2,5 Billionen Dollar pro Jahr investiert. Die geschätzte Infrastrukturinvestitionslücke belaufe sich somit auf rund 350 bis 800 Milliarden Dollar jährlich.

Nannette Hechler-Fayd'herbe, Head of Global Investment Strategy bei der Credit Suisse, rät vor diesem Hintergrund Folgendes: «Kunden, die sich ein grösseres Aufwärtspotenzial und einen leichten Zugang zu diesem Thema wünschen, können ihr Exposure auf einfache Weise über Aktien aus den Bereichen Bau und baunahe Investitionsgüter sowie ausgewählte Werte des Sektors Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe aufbauen. Die Gewinne dieser Unternehmen könnten positiv überraschen, wenn solche umfangreichen Infrastrukturinvestitionsprogramme umgesetzt werden.»

Diese Schweizer Aktien dürften von Infrastruktur-Ausgaben profitieren

In einer hauseigenen Liste mit Aktien, die von der Infrastruktur-Ausgabe profitieren dürften, sind beispielsweise aus der Schweiz ABB (ISIN: CH0012221716), Schindler Holding (ISIN: CH0024638196) und LafargeHolcim (ISIN: CH0012214059) enthalten. Charttechnisch kann von diesen drei Werten aber nur Schindler mit einem intakten langfristigen Aufwärtstrend überzeugen.

Die anderen beiden Titel stecken momentan noch in Seitwärtstrends fest. Der Nachteil von Schindler wiederum ist eine inzwischen doch sehr anspruchsvoll gewordene Bewertung. Das zeigt sich beispielsweise an einem für 2016 geschätzten KGV von fast 26.

Bewertungs-Schnäppchen bei Infrastruktur-Aktien: Eher selten

Echte Schnäppchen sind unter den Infrastruktur-Aktien-Favoriten der Credit Suisse aber ohnehin rar gesät. Am ehesten kann in diesem Punkt der mit einem geschätzten KGV von gut zwölf und einer Dividendenrendite von 3,1 Prozent ausgestattete britische Anbieter von Baumaterialien, Travis Perkins (ISIN: GB0007739609), überzeugen. Auch bei dem mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von rund 0,5 versehenen deutschen Stahlhersteller Salzgitter (ISIN: DE0006202005) wäre das der Fall, allerdings nur, wenn es ihm gelingt, wieder zu Ertragsstärke zu finden.

Nicht in der Credit-Suisse-Liste zu finden, sind die beiden als Profiteure steigender Infrastrukturausgaben einzustufenden französischen Baukonzerne Vinci (ISIN: FR0000125486) und Eiffage (ISIN: FR0000130452). Für diese beiden Titel spricht aber, dass sie mit KGVs für 2017 von jeweils knapp 15 noch einigermassen vertretbar bewertet sind und dass sie mit Rekordnotierungen oder mit Mehrjahreshochs ein positives Momentum beim Aktienkurs aufweisen. Auch der deutsche Mischkonzern Siemens (ISIN: DE0007236101) hat gerade mit einem Vorstoss auf neue Mehrjahreshöchststände ein charttechnisches Kaufsignal generiert. Die Münchner Gruppe hat einige Geschäftsbereiche wie Energy Management, Building Technologies und Mobility, die mit Infrastruktur zu tun haben, und mit einem geschätzten KGV von gut 14 für 2017 scheint die Bewertung auch noch nicht überreizt zu sein.

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