Über Rüstungsaktien wird kontrovers diskutiert, ähnlich wie etwa über Aktien der Tabakindustrie. Denn: Während Zigaretten die Gesundheit schädigen und so zu Krankheit und Tod führen können, dienen die von Rüstungskonzernen produzierten Waffen letztlich im Kriegsfall dazu, Menschen zu töten. Börsianer argumentieren anders: Waffen würden zur Abschreckung dienen und seien zum Selbstschutz unabdingbar. Dieser Denkweise stimmt offenbar auch in der Schweiz eine wieder wachsende Zahl an Bürgern zu. Zumindest legen diesen Eindruck zwei Beobachtungen nahe. Zum einen ist einer aktuellen Umfrage der Militärakademie und des Center for Security Studies der ETH Zürich zufolge das Vertrauen in die Armee auf einer Zehnerskala seit dem Jahr 2011 von sechs Punkten auf aktuell 6,7 Punkte gestiegen. 84 Prozent der Befragten halten die Armee sogar für unbedingt notwendig.

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Erklären lässt sich das mit der zunehmend düsteren Einschätzung der weltpolitischen Lage durch die Bürger. Das wiederum hat mit der gestiegenen Terrorismusgefahr (laut Julius Bär haben Anschläge auf Zivilisten seit Beginn des 21. Jahrhunderts um das Neunfache zugenommen) sowie mit der Krim-Krise zu tun. Zum anderen zeichnet sich jüngsten Meldungen zufolge auch in der Schweiz ein wieder steigendes Verteidigungsbudget ab. Dazu passt, dass die Schweizer Armee in ihrer Doktrin einen Angriff mit konventionellen, schweren Waffen nicht mehr als höchst unwahrscheinlich einstuft.

Trendwende bei den Rüstungsausgaben

Die skizzierten Trends sind nicht nur in der Schweiz, sondern allgemein in Europa und auch anderswo in der Welt, zu beobachten. Nicht zuletzt in Reaktion auf die Krim-Ereignisse hat die NATO im Spätsommer 2014 ihre Mitglieder dazu angehalten, wieder mehr Geld in Rüstungsausgaben (diese umfassen den Kauf von Rüstungsgütern, Personalkosten und Instandhaltung der vorhandenen Rüstungsgüter) zu stecken. Die Vorgabe lautet, mindestens 2 Prozent des Bruttoinlandproduktes für Verteidigungszwecke aufzuwenden – eine Vorgabe, die speziell in Europa etliche Mitgliedsstaaten zuletzt nicht mehr erreichen konnten. Dieses Umdenken schlägt sich langsam auch in den Zahlen aus dem Rüstungssektor nieder. Im Jahr 2015 wurden weltweit Ausgaben für das Militär in der Höhe von rund 1760 Milliarden Dollar getätigt. Erstmals seit 2011 sind die Zahlen im Vorjahrsvergleich somit wieder leicht gestiegen. Das könnte sich durchaus fortsetzen, nachdem in immer mehr Ländern Politiker an die Macht kommen, die eine relativ aggressive Politik verfolgen. Regional betrachtet, sind dabei die USA nach wie vor am ausgabefreudigsten. Die Militärausgaben sind dort fast drei Mal so hoch wie in China als zweitplatziertem Land.

Bemerkenswert aus Anlegersicht ist nun, dass sich etliche Rüstungsaktien bereits in den vergangenen Jahren relativ gut geschlagen haben, obwohl in dieser Zeit weltweit die Rüstungsausgaben stagnierten. Anscheinend verstehen es die Branchenvertreter somit selbst in einem stagnierenden Gesamtmarkt, gut zu verdienen. Das lässt auf noch bessere Entwicklungen bei steigenden Rüstungsausgaben hoffen. Die vier grössten Rüstungskonzerne kommen alle aus den USA (dort werden schliesslich weltweit 50 Prozent der Rüstungsausgaben generiert), und für das abgelaufene Quartal warteten sie mit überzeugenden Ergebnissen auf.

US-Rüstungsaktien auf Rekordkurs, …

Auch beflügelt von den Zahlen ist es einigen Branchenvertretern gelungen, auf neue Zwischenhochs und teilweise sogar auf Kursrekorde vorzurücken. Als einer der Vorreiter entpuppt sich dabei Branchenprimus Lockheed Martin Corp. (ISIN: US5398301094). In der Spitze hat der Titel, der im Jahr 1977 bei einem Dollar gehandelt wurde, jüngst Kurse von 245 Dollar erreicht. Der Langfrist-Chart bietet so auch einen intakten Aufwärtstrend. Der 1995 gegründete Marktführer hat die Vorlage der Erstquartalszahlen genutzt, um den Ausblick für 2016 anzuheben. Beim Gewinn je Aktie sollen jetzt 11,50 bis 11,80 Dollar je Aktie herausspringen statt wie bisher anvisiert 11,45 bis 11,75 Dollar. Auf dieser Basis ergibt sich ein geschätztes 20er-KGV. Erfreulich aus Anlegersicht ist die betriebene Dividendenpolitik. Die Rendite ist bei einer Quartalsdividende von derzeit 1,65 Dollar je Aktie mit 2,75 Prozent trotz der starken Kurssteigerungen passabel, und in den vergangenen 13 Jahren ist der Ausschüttungssatz stets angehoben worden.

Kursrekorde gibt es auch für den Wettbewerber Raytheon Co. (ISIN: US7551115071) zu vermelden, wobei die Notiz hier im Jahr 2011 begonnen hat, den Turbo einzuschalten. Auch bei diesem US-Rüstungs- und Elektronikkonzern überzeugt das Chartbild. Das Quartalsergebnis hat mit 1,43 Dollar je Aktie die Analystenerwartungen von 1,36 Dollar deutlich übertroffen, was den Sprung auf neue Kurshöhen miterklärt. Sogar noch besser ist der Berichtsausweis bei Northrop Grumman Corp. (ISIN: US6668071029) ausgefallen. Hier reichte es beim Gewinn je Aktie nicht nur gegenüber dem Vorjahreszeitraum zu einer Verbesserung von 2,41 Dollar auf 2,77 Dollar, sondern auch die Analystenvorhersagen von im Schnitt 2,49 Dollar sind klar geschlagen worden. Als Lohn gibt es auch in diesem Fall neue Kurshöhen zu vermelden sowie einen völlig intakten charttechnischen Aufwärtstrend.

… aber anspruchsvolle Bewertungen

Klingt alles recht gut, der Haken im Fall dieser Rüstungsaktien und auch bei vielen sonstigen Branchenvertretern ist die Bewertung. Die drei genannten Titel kommen bei geschätzten Gewinnen von 13,81 Dollar, 7,97 Dollar und 12,04 Dollar auf KGVs von 17,4, 17,1 und 18,0. Dem stehen zwar von Analysten im Schnitt für die kommenden fünf Jahre erwartete Gewinnzuwächse p.a. von 8,68 Prozent, 8,66 Prozent und 9,71 Prozent gegenüber, aber auch auf dieser Basis ergeben sich beim Verhältnis von KGV zum Ergebniswachstum Relationen von etwa zwei.

Das ist relativ hoch und könnte zum Bumerang werden, sobald die derzeit gute Stimmung rund um diesen Sektor drehen sollte. Deshalb sind die genannten Werte nicht unbedingt eine Anlage für Value-Investoren, sondern eher etwas für Momentum-Spezialisten. Aber auch Anleger, die darauf setzen, dass global steigende Rüstungsausgaben sich in den Gewinnzahlen der genannten Unternehmen überproportional widerspiegeln, greifen zu.