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Treibstoff
Neues Milliardengeschäft: Sprit aus Stroh

Ein Mann greift an einer Tankstelle zu einem Bio-Diesel-Zapfhahn. Keystone

Verkehr soll klimafreundlicher werden. Geht es nach dem Willen der 
EU, kommen neu Stroh und Holz in den Tank. Ein neuer Markt entsteht. Diese Unternehmen profitieren.

Von Oliver Ristau
am 25.01.2017

Raps und Rüben sollen verschwinden. Nicht vom Teller, aber aus dem Tank. So will es die Europäische Union (EU) und damit Zustände schaffen wie in der Schweiz. Hiesige Treibstoffe enthalten schon länger keine Komponenten mehr, die aus Futter- und Lebensmitteln gewonnen wurden. Ganz anders in der EU: Hochwertige Pflanzenöle aus Raps, Sonnenblumen, Soja und Palmen bilden die Basis für Biodiesel, der derzeit zu rund 7 Prozent konventionellem Diesel beigemischt wird.

Bioethanol, das Benzin aktuell zu 5 Prozent zugefügt wird, stammt aus Zuckerrüben, Mais und Weizen. Solche Treibstoffe will die EU-Kommission künftig aus dem Verkehr ziehen. Das schreibt sie in ihrem kürzlich publizierten Vorschlag zur neuen Erneuerbare-Energien-Richtlinie, die den Weg der Energiewende in der Union für das nächste Jahrzehnt vorzeichnet. Stattdessen sollen Designerkraftstoffe übernehmen – sprich im Labor entwickelte synthetische Treibstoffe, die aus Resten vom Acker und aus dem Wald wie Stroh und Holz gewonnen werden.

Neues Milliardengeschäft

Es ist ein neues potenzielles Milliardengeschäft: Gemäss den Plänen aus Brüssel sollen Designerkraftstoffe 2020 an allen im Schienen- und Strassenverkehr verbrauchten flüssigen und gasförmigen Energieträgern mindestens einen Anteil von 0,5 Prozent erreichen. Das klingt nicht nach viel.

Doch gemessen am Kraftstoffverbrauch von 2014 wären das mehr als zwei Millionen Tonnen. Der Spezialchemiekonzern Clariant aus Muttenz, der seit 2012 eine Pilotanlage für Sprit aus Stroh im bayrischen Straubing betreibt, beziffert das Marktvolumen 2020 auf 2 Milliarden Franken – heute beträgt es null. Bis 2030 sollen Designerkraftstoffe bereits 3,6 Prozent des gesamten Schienen- und Strassenverkehrtreibstoffmixes ausmachen.

Moralisch vertretbar

Die Vorteile des neuen Sprits liegen auf der Hand: Sie sind keine Konkurrenz zu Nahrungsmitteln und haben eine deutlich bessere Treibhausgasbilanz. So emittiere Bioethanol auf Basis von regionalen Strohresten im Vergleich zu fossilem Benzin gemäss EU-Studien 90 Prozent weniger Treibhausgase. Das ist besser als Rapsöl-diesel, dessen Einsparpotenzial bei 40 bis 50 Prozent liege, und ist auch den in der Schweiz für Biosprit eingesetzten Altfetten überlegen, die auf eine Minderung von ­
80 Prozent kommen.

Bisher waren fortschrittliche Designertreibstoffe nicht wirtschaftlich. Weil aber Clariant und andere Unternehmen Millionen Franken in die Entwicklung investiert haben, steht nun die Markteinführung bevor. «Der nächste Schritt ist der Einstieg in die industrielle Fertigung – unter stabilen Rahmenbedingungen sollten die nötigen Investitionen nicht lange auf sich warten lassen», gibt sich Markus Rarbach, Leiter Biokraftstoffe und Derivate bei Clariant, zuversichtlich.

Reststoffe in Hülle und Fülle vorhanden

Das Potenzial ist weltweit enorm. Überall fallen Agrarreststoffe in Hülle und Fülle an. In Asien ist das Reisstroh, in Lateinamerika die Ernteabfälle von Zuckerrohr und in den USA die des Mais. Auch auf den Äckern Europas bleiben Jahr für Jahr Millionen von Tonnen an Stroh liegen, die nicht weiter verwertet werden. Daraus lässt sich jede Menge Treibstoff machen, wie Clariant vorrechnet – für jede Tonne Bioethanol werden vier bis fünf Tonnen Stroh benötigt. Damit könne ein Fahrzeug rund 15'000 Kilometer zurücklegen. Zudem haben viele Staaten einen Anreiz, Designerkraftstoffe zu fördern, denn sie stehen klimapolitisch unter Druck. Die Emissionen aus dem Verkehr verringern sich nach wie vor nicht. Hier werden die neuen Designerkraftstoffe ­helfen, die anvisierten Klimaziele zu ­erreichen.

Neben Stroh lockt auch das grosse Potenzial von Holz. «Lignin ist die grösste Quelle nichtessbarer Biomasse auf der Erde», sagt Jeremy Luterbacher von der Ecole Polytechnique Fédérale Lausanne (EPFL). Der Stoff ist ein zentraler Bestandteil vieler pflanzlicher Zellen und unverzichtbar für deren Stabilität und Festigkeit. Er sorgt für die Härte im Holz.

Bisher ist Lignin wegen seiner Komplexität ­industriell kaum genutzt worden. Luterbacher will das ändern. «Wir haben einen Prozess entwickelt, der es uns erlaubt, ­Lignin im Industriemassstab herzustellen», sagt der Leiter des ­Labors für katalytische und nachhaltige Prozesse an der EPFL. Nun suchen die Forscher nach Investoren, um daraus beispielsweise Biokraftstoffe zu produzieren.

Zukunft in der Schweiz

Auch in der Schweiz haben die neuen Biotreibstoffe eine vielversprechende Zukunft. Hintergrund ist das nationale CO2-Gesetz, das schärfere Umweltauflagen diktiert. Jahr für Jahr müssen mehr CO2-Emissionen durch Ausgleichsmassnahmen kompensiert werden. Waren es 2015 noch 2 Prozent, ist die Minderungspflicht 2017 auf 5 Prozent gestiegen. 2020 müssen die Treibstoffe bereits 10 Prozent Einsparung bringen.

Der billigste Weg bisher sind Biokraftstoffe auf der Basis von Altfetten, etwa aus der Gastronomie. Sie sind wirtschaftlich interessant, weil sie von der Mineralölsteuer befreit sind. Doch damit alleine sind die 2020-Ziele nicht zu schaffen. Wegen der ­zunehmenden Wirtschaftlichkeit und der guten CO2-Bilanz steige das Interesse der Industrie an neuen biogenen Treibstoffen, heisst es bei der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV), die sich hoheitlich mit den in der Schweiz konsumierten Biokraftstoffen beschäftigt.

Ölmultis sind nicht interessiert

«Biokraftstoffe sind für die grossen Erdölkonzerne nur ein marginales Thema», sagt Matthias Müller, Energieanalyst der Credit Suisse. «Auch wenn der Sektor vor dem Hintergrund steigender Klimaschutzverpflichtungen wachsen dürfte. Die Rohölgesellschaften konzentrieren sich auf die fossile Erdölförderung.» Das Geschäft mit Stroh, Holz und anderen ­Designerkraftstoffen werden deshalb andere machen.

Neben der Chemieindustrie haben sich dafür Energieversorger in der Schweiz und im Rest Europas in Stellung gebracht. Es lockt die Aussicht auf einen neuen grünen Milliardenmarkt, der den moralischen Malus von bisherigen Biokraftstoffen aus Lebensmitteln beseitigt.

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