Eigentlich kann die Schweizer Börse SIX mit dem Geschäftsverlauf 2015 bis dato recht zufrieden sein. In jedem der ersten vier Monate lagen die Handelsumsätze über der jeweiligen Vorjahresperiode. Per 30. April erreichte das kumulierte Volumen 534,3 Milliarden Franken – ein Wachstum von einem Drittel gegenüber 2014. Und doch hat die SIX weiterhin mit einem Sorgenkind zu kämpfen.

Einmal mehr ging der rege Börsenhandel am Segment für strukturierte Produkte völlig vorbei. In den ersten vier Monaten schrumpften die Umsätze dort um 13 Prozent auf 9,5 Milliarden Franken. Selbst im Januar, als das plötzliche Ende des Euro-Mindestkurses für extreme Turbulenzen an den Kapitalmärkten sorgte – eigentlich ein ideales Umfeld für strukturierte Produkte –, blieb das Geschäft der SIX Structured Products Exchange (SSPE) deutlich hinter dem Vorjahresniveau zurück. Geht es so weiter, droht das vierte Jahr in Folge mit fallenden Handelsumsätzen. Allerdings wäre es falsch, aus diesem Trend eine generelle Krise im Markt für strukturierte Produkten abzuleiten.

Ausserbörsliche Konkurrenz

Experten führen die Flaute vielmehr auf eine Verlagerung zurück, die erfolgt, zusehends in den ausserbörslichen Bereich. Gerade institutionelle Investoren kaufen Derivate häufig direkt beim Emittenten – der Fachjargon spricht hier von Geschäften, die Over-the-Counter (OTC) vonstatten gehen. Hinzu kommt Swiss Dots. Im Mai feierte die vom Direktbroker Swissquote lancierte Plattform für den ausserbörslichen Handel von Hebelpapieren ihr dreijähriges Bestehen. UBS, Goldman Sachs und Commerzbank stellen hier Kurse für mehr als 45'000 Derivate. Zum Vergleich: An der SSPE der SIX sind aktuell knapp 26'000 Instrumente dieser Art kotiert.

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Lange schien die SIX der Erosion im «Struki»-Handel relativ tatenlos zuzusehen. Doch jetzt ist ihr zumindest ein kleiner Gegenschlag gelungen. Mit Leonteq schloss sich ein erster Emittent der XBTR an. Dieses «Exbitra» ausgesprochene Kürzel steht für eine vollautomatische OTC-Handelsplattform, deren Planung seit Jahren läuft. XBTR basiert auf der bestehenden Börsen-Infrastruktur, ist aber nicht durch die Finma reguliert. Zugang haben alle SSPE-Teilnehmer. Dabei greift ein Request-for-Quote-System. Das heisst, der Nutzer gibt für ein bestimmtes Produkt eine Anfrage ein. Im Gegenzug kann der Empfänger einen zeitlich befristeten Kurs stellen. Anders als im regulierten Handel ist diese Offerte nicht bindend. Die SIX wirbt zudem mit längeren Handelszeiten sowie einer besonders schnellen Aufschaltung der Produkte für XBTR. Um das schwerpunktmässig auf Interbankengeschäfte ausgerichtete System in die Gänge zu bringen, verzichtet die SIX noch bis Ende Jahr auf die Gebühren.

Vontobel möglicherweise auch bald bei XBTR

Stephan Meier, Leiter der SIX-Medienabteilung, ist zuversichtlich, dass die Börse demnächst weitere Teilnehmer anbinden kann. «Es laufen Gespräche mit verschiedenen Emittenten und auch mit Vertretern der Buy-side», erklärt er auf Anfrage. Die Verantwortlichen bei Leonteq hoffen auf die Signalwirkung des eigenen Vorstosses. «Wir sind davon überzeugt, dass ein elektronischer Handel effizienter ablaufen kann als der bisherige, oft telefonische Prozess», argumentierte Unternehmenssprecherin Karin Rhomberg.

Da das Projekt am Anfang stehe, seien noch keine signifikanten Umsätze auf XBTR aufgelaufen. Dabei muss es nicht bleiben. Schliesslich machte sich für Leonteq die Rolle als «First Mover» schon einmal bezahlt. Bei COSI, dem im Herbst 2009 eröffneten Segment für pfandbesicherte Produkte, war die Emittentin ebenfalls von Anfang an dabei. Heute beträgt ihr Anteil an dem 1,7 Milliarden Franken schweren Spezialbereich mehr als einen Drittel. Übrigens: Neben der Leonteq-Vorgängerin EFG Financial Products lancierte Vontobel als erstes Haus COSI-Derivate. Man darf gespannt sein, ob und wann die Privatbank auch bei XBTR andocken wird.