Das erste Semester des Börsenjahres 2016 war von einer deutlich gestiegenen Hektik geprägt. Den besten Beleg für diese These liefert ein Blick auf die implizite Volatilität. Diese Kennzahl gibt die über einen gewissen Zeitraum erwartete Kursschwankungsbreite von Wertpapieren an. Jahrelang bewegte sich die Volatilität des heimischen Aktienmarktes auf einem sehr tiefen Niveau. Für den Zeitraum 2012 bis 2015 ergibt sich für den VSMI ein durchschnittlicher Stand von 15,5 Prozent. In den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres schwoll der Mittelwert des auch als «Angstbarometer» bezeichneten Gradmessers auf 21,4 Prozent an. Zunächst schürten neben den Sorgen um das Wachstum in China vor allem der fortgesetzte Ausverkauf am Ölmarkt sowie die Unsicherheiten in Bezug auf die US-Geldpolitik die Nervosität der Investoren. Ein Übriges tat in den vergangenen Tagen der Brexit. Nachdem sich die Briten mehrheitlich für den Austritt aus der EU entschieden hatten, schoss der VSMI auf mehr als 34 Prozent nach oben.

Vor dem skizzierten Hintergrund überrascht es nicht, dass immer mehr Investoren zu Low-Volatility-Strategien greifen. Sie investieren dabei in Indizes, welche sich auf relativ schwankungsarme Aktien konzentrieren. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass solche Titel in der Vergangenheit besser abgeschnitten haben als der breite Markt. Zunächst zeigte sich der Run auf die sprichwörtlich in Watte gepackten Indizes vor allem im Markt für Exchange Traded Funds (ETFs). Die entsprechenden Produkte gelten als Wachstumstreiber des Smart-Beta-Segments. Dieses Label steht für ETFs, welche auf innovativen Indizes basieren. Mittlerweile stossen Anleger allein an der SIX auf mehr als 20 passive Fonds mit einem risikoreduzierten Investmentansatz. Zu den Schwergewichten zählt dabei der ishares ETF (ISIN IE00B6SPMN59) auf den S&P 500 Minimum Volatility Index. Der auf besonders schwankungsarme US-Blue-Chips abzielende Fonds verwaltet aktuell annähernd 2 Milliarden Franken.

UBS sorgt für Novum, …

Am Schweizer Aktienmarkt hat das Low-Volatility-Konzept bis vor Kurzem keine Anwendung gefunden. In dieser Lücke haben sich mit UBS und Leonteq mittlerweile zwei Anbieter von strukturierten Produkten positioniert. Mitte April lancierte die grösste Bank des Landes ein Tracker-Zertifikat (ISIN CH0310380933) auf den K Switzerland Low Volatility Index. Den Auswahlpool für diese Benchmark bilden die 300 Schweizer Börsengesellschaften mit der höchsten Marktkapitalisierung. Aus diesem Fundus werden diejenigen 20 Aktien herausgefiltert, welche über einen historischen Zeitraum von 90 Tagen die geringste Kursvolatilität aufweisen. Auch die Gewichtung des Index hängt von der Schwankungsbreite ab. Je tiefer die Volatilität einer Aktie ausfällt, desto grösser ist ihr Anteil. Die Methodik machte zunächst Unternehmen aus der zweiten Börsenreihe zu den Schwergewichten des Index: In der Startaufstellung standen die Immobiliengesellschaft PSP und der Flughafen Zürich an der Spitze. Neben elf weiteren Mid Caps fanden sieben SMI-Mitglieder, darunter die Large Caps Nestlé, Novartis und Roche, Einzug in den neuen Gradmesser.

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Eine historische Simulation bestätigt das Konzept des K Switzerland Low Volatility Index. Über einen untersuchten Zeitraum von gut zehn Jahren warf die Smart-Beta-Benchmark eine durchschnittliche Rendite von 7,3 Prozent p.a. ab. Zum Vergleich: Für den SMI stand in dieser Phase ein jährliches Plus von 3,6 Prozent zu Buche. Auch das Kriterium der Risikoreduzierung wurde erfüllt. Das Low-Volatility-Konzept zeigte im Testzeitraum deutlich geringere Kursausschläge als der traditionelle heimische Leitindex. Wer darauf setzen möchte, dass die Strategie auch in Zukunft greifen wird, kann sich den Index gegen eine jährliche Managementgebühr von 1 Prozent ins Portfolio holen.

… und Leonteq legt nach

Nur wenige Wochen nach der UBS wagte Leonteq den Vorstoss in das Smart-Beta-Areal. Als Basiswert setzt die Emittentin den Swiss Market Selection Index ein. Dessen Methodik ist durchaus mit dem UBS-Pendant vergleichbar: Grundsätzlich kommen sämtliche Aktien mit einem Primärlisting in der Schweiz für den Index in Frage. Allerdings müssen sie es auf ein durchschnittliches tägliches Handelsvolumen von mehr als 3 Millionen Franken bringen. Bei der Messung der Volatilität geht Leonteq deutlich weiter zurück als die UBS. Der massgebliche historische Zeitraum erstreckt sich auf 180 Tage. Wie bei der Konkurrentin schaffen es die 20 schwankungsärmsten Titel in die finale Auswahl. Sie werden zunächst mit jeweils 5 Prozent gewichtet. Auch im Swiss Market Selection Index sind sieben SMI-Mitglieder zu finden. Allerdings ist Novartis zunächst aussen vor geblieben. Anstelle des Pharmakonzerns zählt Syngenta zur neuen Leonteq-Auswahl.

In einem finalen Schritt sieht die Methodik eine Anpassung der Betas vor. Diese Kennzahl steht für die Sensitivität einer Aktie gegenüber der Entwicklung des breiten Marktes. Wenig überraschend zeigen Low-Volatility-Strategien ein relativ tiefes Beta. Insofern neigen sie dazu, bei starken Kurssteigerungen am breiten Aktienmarkt hinterherzulaufen. Um dieser Gefahr zu entgehen, passt Leonteq das Beta der Indexmitglieder an und hält es im Zeitverlauf auf dem vordefinierten Niveau.

Swiss Market Selection Index – weit besser als der SMI

Auch bei diesem Konzept brachte die Simulation überzeugende Ergebnisse. Im langfristigen Vergleich hängt der Swiss Market Selection Index den SMI um Längen ab. Die direkte Partizipation an diesem Basiswert macht Leonteq mit einem klassischen Tracker-Zertifikat (ISIN CH0317274808) möglich. Die Emittentin ruft für das Open-End-Derivat eine Managementgebühr von 0,70 Prozent p.a. auf. Denselben Obolus veranschlagen die Zürcher für ein Long/Short-Zertifikat (ISIN CH0317274816). Dieses Produkt setzt auf steigende Kurse beim Swiss Market Selection Index und geht gleichzeitig eine Short-Position im SMI ein. Das heisst, sobald der Low-Volatility-Gradmesser besser abschneidet als der Leitindex, gewinnt das Zertifikat an Wert. Diese Strategie ist daher marktneutral, und die generelle Entwicklung am heimischen Aktienmarkt spielt keine Rolle für den Erfolg.