Spätestens nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima schien das Zeitalter der Atomenergie dem Ende entgegen zu gehen. Doch was für Deutschland und womöglich auch die Schweiz gilt, ist kein weltweiter Trend. Nicht weniger als 68 Reaktoren sind derzeit weltweit im Bau und lassen Urangesellschaften auf eine rosige Zukunft hoffen.

Der «Bau von Atomkraftwerken boomt», jubelt die minenindustrienahe Agentur Swiss Resource Capital in einer Pressemitteilung. «Beim Uran werden Angebot und Nachfrage in den nächsten Jahren massiv auseinanderklaffen», erwartet Jochen Staiger, der Chef der Firma. Grund dafür ist vor allem China: Das Land braucht immer mehr Energie und bezog im vergangenen Jahr erst 2,4 Prozent seines Stroms aus Atomkraftwerken.

Tödliche Kohlekraftwerke in China

Ein Grossteil des Stroms in China wird im Moment noch in Kohlekraftwerken erzeugt. Doch langfristig kann das für die chinesische Regierung keine Lösung für den wachsenden Energiehunger sein. Schon jetzt ist der Smog in den Städten zu einer Gefahr für das chinesische System geworden und die Abhängigkeit von Kohle als Energieträger ist ein wichtiger Grund für die politische Misere. Laut einer internationalen Studie führt die Luftverschmutzung in China jedes Jahr zu 350'000 bis 500'000 vorzeitigen Todesfällen. Andere Studien gehen sogar von noch viel höheren Opferzahlen aus.

Kaum verwunderlich, dass die Regierung nun voll auf Atomkraftwerke setzt. Laut der internationalen Atomenergiebehörde IAEA sind 28 chinesische Atomkraftwerke am Netz. 24 weitere befinden sich im Bau. «Im Durchschnitt kommt zur Zeit alle zwei Monate ein neues AKW dazu», sagt Staiger.

Riskantes Tempo

Der chinesische AKW-Boom ist nicht ohne Risiko. Neben grundsätzlichen Zweifeln an Sicherheit und Wirtschaftlichkeit der Atomenergie sorgt der rasche Ausbau der Technologie für Probleme. Kritiker befürchten, dass die Ausbildung von Personal und Sicherheitsinspektoren nicht mit dem Tempo der Errichtung neuer Anlagen mithält. Immer wieder kommt es zudem zu Protesten von Anwohnern gegen neue AKWs und Aufbereitungsanlagen.

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Obwohl deshalb noch nicht sicher ist, dass China das Ziel einer Erhöhung des Atomstromanteils am Strommix auf sechs Prozent im Jahr 2020 tatsächlich schafft, dürfte die weltweite Zahl der AKWs nach 20 Jahren Stagnation nun wieder steigen. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Wenn es denn überhaupt einen Zubau gäbe, beschränke sich dieser auf wenige Länder, betont Stefan Füglister, Atom-Experte von Greenpeace Schweiz. Tatsächlich zeichnen China, Russland und Indien laut IAEA für 39 der 68 im Bau befindlichen Atomkraftwerke verantwortlich.

Optimismus in der Uranbranche

Zusammen mit Japans Wiedereinstieg in die Atomenergie sorgen die Projekte trotzdem für Optimismus in der Uranbranche. Denn viele weitere AKWs sind in Planung. «Selbst wenn nur die Hälfte der Projekte tatsächlich kommt, wird der Uranpreis steigen», so Staiger von Swiss Resource Capital. Urangesellschaften dürften massiv vom gestiegenen Interesse an der Kernenergie profitieren.

Auf dem Spotmarkt ist der Uranpreis seit dem Höchststand im Jahr 2007 von über 130 Dollar pro Pfund auf etwa 38 Dollar eingebrochen. Dass es nun wieder stark nach oben gehen soll, ist zumindest aus Sicht des Greenpeace-Experten unwahrscheinlich. Jede Knappheit von Uran wäre künstlich, so Füglister. Einerseits seien wegen dem Preisverfall etliche Minen geschlossen worden, die jederzeit wieder eröffnet werden könnten. Andererseits hätten Atommächte die Möglichkeit, jederzeit militärische Reserven für die zivile Nutzung freizugeben.

Uran als interessantes Investment

Anders sieht es der Chef von Swiss Resource Capital. Er erwartet bis 2020 eine grosse Lücke zwischen Angebot und Nachfrage. Viele Minen seien bald abgebaut. «Uranunternehmen sollten deshalb massiv in die Exploration investieren», sagt Staiger. Dies auch, weil der Rückbau von Sprengköpfen zumindest im Fall von Russland bald kein weiteres Material für die Verwendung in AKWs mehr hergebe.

In die gleiche Richtung äusserte sich Rob Chang von der Investmentfirma Cantor Fitzgerald gegenüber CNBC. Uran sei zur Zeit ein interessantes Investment, weil es schwierig abzubauen sei und die Nachfrage zunehme. Die militärische und geopolitische Rolle des Materials muss für den Preis nicht schlecht sein. Vor allem Atommächte hätten längerfristig Interesse an der Technologie, sagt auch Füglister von Greenpeace.

Viele Faktoren bestimmen den Preis

Ob sich Uran als Investment wirklich lohnt, ist trotzdem schwer zu sagen. Der Handel mit dem seltenen und radioaktiven Material ist eben nicht nur von Marktkräften bestimmt. Entsprechend gross ist der Unterschied zwischen dem Kurs auf dem Spotmarkt und dem tatsächlichen Preis. Laut Swiss Resource Capital haben die tatsächlichen Kosten beim Uraneinkauf bereits angezogen. «Längerfristige Lieferkontrakte kosten schon jetzt zwischen 45 und 50 Dollar pro Pfund.»

Was den zukünftigen Preis betrifft, gehen die Meinungen auseinander. Während der Greenpeace-Experte höchstens mit einem geringen Preisanstieg rechnet, glaubt Staiger an eine deutliche Steigerung in absehbarer Zukunft. Wie es tatsächlich herauskommt, wird von der zukünftigen politischen Akzeptanz der Atomenergie abhängen – und von wissenschaftlichen Erkenntnissen in den Bereichen der Wiederaufbereitung und der erneuerbaren Energien.