Die We Company, bis vor kurzem als We Work bekannt, strebt an die Börse. Die entsprechenden Unterlagen sind bei der US-Börsenaufsicht eingereicht. Wann genau das Initial Public Offering (IPO) stattfinden wird, ist noch nicht festgelegt. Der Börsengang dürfte wohl noch im September durchgeführt werden.

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47 Milliarden Dollar sei die We Company wert – das jedenfalls glaubten Firmengründer Adam Neumann und Grossaktionär Softbank bei der letzten Bewertungsrunde. Inzwischen macht sich schon die erste Ernüchterung breit: Laut Insidern – so erfuhr die Agentur «Bloomberg» – strebt das Unternehmen beim IPO nur noch einen Startwert von 20 bis 30 Milliarden an. Denn die Investoren hätten im Vorfeld zuwenig Interesse gezeigt.

Die hohe Einschätzung hatte das Unternehmen vor allem Neumann zu verdanken. Er verkauft die We Company erfolgreich als Tech-Company, wofür Anleger in den letzten Jahren häufig einen Aufschlag berappt haben.

Mit Tech aber hat Neumanns Firma nichts am Hut. Sie ist in der Immobilienbranche unterwegs: We Work mietet Büroflächen und vermietet diese dann weiter: als einzelne Arbeitsplätze oder als ganze Räume. Von der Differenz zwischen Mietkosten und Vermietungserträgen lebt die Firma.

Für Kleinanleger jedenfalls gibt es gute Gründe, die Finger von We Work zu lassen. Wir zeigen acht davon:

1. Verluste, Verluste, Verluste

Viele schnell wachsende Unternehmen verdienen zunächst kein Geld: der Fahrtenvermittler Uber zum Beispiel. Oder die Schweizer Online-Apotheke Zur Rose. Und bei We Company? Wie sieht es da aus? Wer das SEC-Filing zum Börsengang studiert, liest vor allem von Verlusten: 2018 hat die We Company 1,9 Milliarden Dollar verloren, 2017 rund 0,9 Milliarden und 2017 rund 0,4 Milliarden. Und im ersten Halbjahr 2019 war es bereits wieder 1 Milliarde Dollar – das laufende Jahr dürfte also das bislang verlustreichste der noch jungen Geschichte des Unternehmens werden.

Das Problem dabei: Je grösser die We Company wurde, desto grösser wurden auch die roten Zahlen.

Doch es kommt noch schlimmer: An diversen Stellen schreibt das Unternehmen im Dokument zum IPO, dass es nicht abschätzen könne, ob und wann es überhaupt mal Geld verdienen werde – jedenfalls nicht «in der vorhersehbaren Zukunft». Zudem sagt die Firma voraus, dass die Verluste absolut – und auch relativ zum Umsatz – in den nächsten drei bis fünf Jahren weiter anschwellen werden.

Das dürfte nicht nach dem Geschmack von Investoren sein. Natürlich mögen die schnell wachsende Firmen. Aber wenn die Verluste parallel zur Grösse wachsen, ist Vorsicht angezeigt.

2. Ein verwässertes Geschäftsmodell

Die We Company hat kein klares Geschäftsmodell – und verbirgt diesen Mangel unter wohlklingenden, aber inhaltsleeren Wortbergen. Im Kern vermietet das Unternehmen ja Schreibtische an Freischaffende oder Angestellte, deren Arbeitgeber die Fixkosten von Arbeitsplätzen reduzieren will. Doch das klingt für ein vermeintliches Tech-Unternehmen natürlich zu sehr nach Old Economy. Also umschreibt die We Company ihr Tun mit «Spaces as a Service».

Überhaupt geht es dem Unternehmen nicht darum, Business zu machen. Sondern darum, «das Bewusstsein der Welt zu erhöhen». Nachzulesen ist das nicht etwa in einer hochglänzenden Firmenbroschüre, sondern im SEC-Filing. In diesen Dokumenten geht es normalerweise um harte, juristisch abgesicherte Fakten – und nicht um das, was auf Englisch «corporate bullshit» genannt wird. Aber eben: Bei der We Company ist wenig normal.

Ohnehin gibt sich das Unternehmen nicht damit zufrieden, Arbeitsplätze zu vermieten. Mit We Live will sie ihr Konzept auch auf Wohnimmobilien ausweiten – wie genau, steht in den Sternen. Und unter dem Label We Grow bietet die Firma Kurse und Consulting an – zum Beispiel für schnell wachsende Firmen. Selbst eine Privatschule wird unter dem Dach des Unternehmens betrieben.

3. Adam, Adam, Adam – überall Adam

Der amerikanische Marketing-Professor Scott Galloway von der New York University hat sich den Spass gemacht, nachzuzählen, wie oft We-Gründer Adam Neumann im Filing für den Börsengang erwähnt wird. Es sind 169-mal. Zum Vergleich: Im Uber-Prospekt kommt Chef Dara Khosrowshahi nur 29-mal vor, obwohl auch um Khosrowshahi ein ziemlich grosser Personenkult gemacht wird. 

We, das ist Adam Neumann. Auch wenn die Widmung des IPO-Filings festhält: «Wir widmen dies der Kraft des Wir – grösser als jeder von uns, aber in jedem von uns.» Wegen dieses Hokuspokus nennt Galloway – bekannt für sein lockeres Mundwerk – die We Company nur noch «We WTF».

4. Interessenkonflikte sind programmiert

Wer Aktionär der We Company werden will, sollte Adam Neumann für eine geniale Mischung aus Bill Gates, Warren Buffett, Jeff Bezos und vielleicht noch Ingvar Kamprad halten. Denn egal, ob aktuell oder nach dem Börsengang: Alles ist auf den Gründer zugeschnitten. Bei We geschieht sein Wille – und sonst gar nichts.

Neumann ist natürlich Konzernchef und Präsident in Personalunion. Aber er wird auch über speziell auf ihn zugeschnittene Aktien die volle Kontrolle über das Unternehmen behalten – natürlich mit minimalem Kapitaleinsatz.

Zudem besitzt er persönlich die Rechte auf die Nutzung der Marke We. Das Unternehmen zahlt ihm für die Nutzung knapp 6 Millionen Dollar. Und Neumann respektive seinem Family Office gehören diverse Immobilien, in welche sein Unternehmen eingemietet ist. Es überweist dem Gründer dafür stattliche Summen an Mieten. Schliesslich hat Neumann diverse Familienmitglieder im Unternehmen untergebracht – nicht zuletzt seine Frau.

Kurz: Etwas, was den Namen Corporate Governance verdienen wird, gibt es bei der We Company nicht. Für ein privat gehaltenes Unternehmen ist das in Ordnung. Für ein börsenkotiertes Unternehmen ein Armutszeugnis. Interessenkonflikte sind programmiert.

Adam Neumann

«Erfolg ist nicht, Geld zu verdienen. Es ist die Fähigkeit, zu Geben.» Adam Neumann, Gründer We Company

Quelle: Getty Images

5. Wir basteln uns eigene Kennzahlen

Mit so ganz und gar profanen Dingen wie Rechnungslegungsstandards beschäftigt sich ein Unternehmen wie die We Company nur, wenn es sein muss. Statt Kennzahlen zu publizieren, die das Unternehmen vergleichbar mit anderen Unternehmen – zum Beispiel mit dem grösseren und profitabel arbeitenden Konkurrenten International Workplace Group (siehe Box) – machen würden, erfindet die Neumann-Company lieber neue Kennzahlen.

Etwa den «community-based Ebitda»: Diese Gewinnkennzahl schliesst nicht nur Zinszahlungen, Abschreibungen, Amortisationen und Steuern aus, sondern gleich noch die Ausgaben für alle Dienstleistungen, die mit Immobilien zu tun haben. Marketing-Guru Galloway ätzt dazu: «Eine ehrliche Umschreibung dafür wäre: Einnahmen vor allem anderen.»

Es wird spannend sein, welche Kennzahlenvorschriften die Börsenaufsicht dem Unternehmen für den eigentlichen Börsenprospekt machen wird.

6. Keine Dividende in Aussicht

Anleger mögen Dividenden – gerade in Zeiten, wo es kaum mehr irgendwo Zinsen gibt. Doch solch jährliche Zückerchen wird es bei der We Company in den nächsten Jahren nicht geben. Das jedenfalls steht schwarz auf weiss im Filing an die amerikanische Börsenaufsicht: «Wir gehen davon aus, dass wir in absehbarer Zeit keine Dividenden zahlen werden.» Dabei pflegt doch Gründer Neumann zu sagen: «Erfolg ist nicht, Geld zu verdienen. Es ist die Fähigkeit, zu geben.» Offenbar aber lieber nichts den eigenen Aktionären.

7. Copy, paste: Und da ist der Rivale

Was zeichnet besonders wertvolle Unternehmen aus? Sie investieren grosse Summen, um noch einzigartiger zu werden. Sie forschen an neuen Produkten, häufen geistiges Eigentum an und so weiter. Google hat letztes Jahr 16 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung ausgegeben, Amazon rund 22 Milliarden.

Die We Company investiert keinen Cent in Forschung und Entwicklung, sondern steckt ihr Geld fast ausschliesslich in neue Mietverträge. Abgesehen vom Buchungssystem für Arbeitsplätze, verfügt das Unternehmen kaum über nennenswertes geistiges Eigentum. Will heissen: Die We Company kann leicht kopiert werden. Coole Büros, die Millennials ansprechen, können viele einrichten; Automaten mit veganen Sandwiches aufstellen auch.

8. Und wenn die Rezession zuschlägt?

Die We Company ist schlecht auf schlechte Zeiten vorbereitet. Natürlich spricht strukturell vieles dafür, dass der Trend zu geteilten Arbeitsplätzen anhalten wird. Viele Unternehmen streben nach mehr Flexibilität und tieferen Fixkosten. Dafür bietet die We Company – und anderen Unternehmen – Lösungen an.

Selbst aber gibt sich die We Company ein immer engeres Korsett von langfristigen Mietverträgen, die Einnahmen gegenüberstehen, die stark von der Konjunktur abhängig sind. Auf 47 Milliarden Dollar haben sich die langfristigen Verpflichtungen mittlerweile summiert. Die Einnahmen dürften in diesem Jahr auf rund 3 Milliarden Dollar stehen. Da braucht es nur wenig, bis das gefährlich werden kann.

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