Wenn es nach den Obligationenmärkten geht, stehen wir kurz vor einer sehr tiefen und sehr langen Rezession. Das sollte man zumindest meinen, wenn man der ökonomischen Theorie Glauben schenkt. Der Theorie nach reflektieren Finanzmarktpreise die Erwartungen an die Zukunft. Bei rekordtiefen Zinsen müssen diese Zukunftserwartungen also absolut miserabel sein, oder?

Tatsächlich sind die Zinsen so tief wie nur einmal zuvor. Im Sommer und Herbst 2016 lagen die Renditen der zehnjährigen Obligationen der Eidgenossenschaft auch bei gut minus 0,5 Prozent. Noch schlimmer: Man muss schon Obligationen mit Laufzeiten von deutlich über zwanzig Jahren kaufen, will man noch eine positive Rendite erzielen. Im Jahr 2016 belief sich die Inflation dank den gefallenen Importpreisen auf minus 1,3 Prozent. Heute liegt die Inflation aber fast 2 Prozentpunkte höher. Noch nie waren die Realzinsen so tief wie heute.

Die Finanzmärkte rechnen mit noch tieferen Negativzinsen

Da es für fast jede Laufzeit Obligationen gibt, kann man der Finanzmarkttheorie folgend errechnen, was die Zukunftserwartungen der Finanzmarktteilnehmer bezüglich der Zinsentwicklung sind. Tut man dies, so rechnen die Finanzmärkte scheinbar damit, dass die Negativzinsen im kommenden Jahr noch einmal tiefer werden, bevor wir in sieben Jahren das erste Mal wieder Zinsen um die Nulllinie sehen werden. Auch wenn man niemals nie sagen sollte, wäre das doch eine äusserst ungewöhnliche Entwicklung. Einmal abgesehen davon, dass wir bis vor vier Jahren noch nie flächendeckende negative Zinsen hatten, scheint dieser Ausblick auch keine Rückkehr zu einer auch nur irgendwie als normal einzustufenden Geldpolitik zu implizieren. Erwarten die Märkte nun eine lange Rezession? Oder erwarten die Anleger gar eine anhaltende Deflation?

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Die Antwort ist wahrscheinlich viel einfacher als das. Die tiefen Zinsen sind die Folge davon, dass die Nationalbank mit ihren Negativzinsen das Halten von Liquidität sehr unattraktiv gemacht und die Preise für Immobilien und Aktien in schwindelerregende Höhen getrieben hat.

Klaus W. Wellershoff ist Ökonom und Verwaltungsratspräsident des Beratungsunternehmens Wellershoff & Partners. Er war zuvor zwölf Jahre Chefökonom des Schweizerischen Bankvereins beziehungsweise der UBS. Er unterrichtet Nationalökonomie an der Universität St. Gallen.

Wer will schon Aktien kaufen, wenn er in der kommenden Rezession mit deutlichen Kursverlusten rechnen muss? Dann nimmt man lieber einen sicheren Verlust auf der Obligationenanlage in Kauf. Das klingt ungesund – und ist es auch. Die Auswirkungen auf unsere Wirtschaft, auf unsere Gesellschaft und unsere Altersversorgung sind verheerend. Denken Sie nur einmal an das Stiftungswesen der Schweiz. Dort werden durch altruistisches Denken unserer Vorfahren seit je Kultur, Bildung und Sport aus den Vermögenserträgen der Stiftungen finanziert. Philanthropie? Pustekuchen!

Mehr Sparen fürs Alter heisst auch: Der Wachstumstreiber Konsum fällt aus

Oder denken Sie an unsere Altersversorgung. Wenn unsere Ertragserwartungen negativ sind, dann werden wir mehr sparen müssen, als wir im Alter ausgeben wollen. Zinseszinseffekt? Der war mal positiv, heute ist er negativ. Heisst das nicht, dass die Menschen mehr sparen werden und dass damit auf der Nachfrageseite der Wachstumstreiber Konsum auf absehbare Zeit fehlt?